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PolarNEWS Magazin - 9

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Von Heiner Kubny (Text)

Von Heiner Kubny (Text) Angehende Anwälte in Deutschland kennen den Grönlandhai dem Namen nach. Die Grönländer nennen ihn Eishai. Vielleicht sind deshalb die Isländer die einzigen Menschen, denen das Fleisch dieses sonderbar verdrückt aussehenden Meeresgrund - bewohners schmeckt. Was der Rest der Welt wiederum nicht verstehen kann. Denn der Grönlandhai hat keine Nieren. Sein Blut wird nicht gereinigt, weshalb der Hai Giftstoffe nicht ausscheidet, sondern in seinem Fleisch ablagert. Grönlandhai-Fleisch ist giftig. Fünf bis sechs Wochen lagern isländische Fischer das Fleisch eines Eishais in Holzkisten. Das aus dem Fleisch rinnende Wasser spült die Giftstoffe, vor allem Ammoniak, aus und verpestet weitherum die Gegend: Der Gestank von fermentierendem Eishai wird gerne mit demjenigen von lange nicht mehr gespülten Pissoirs verglichen. Danach müssen die Fleischbrocken weitere vier bis sechs Monate an der frischen Luft austrocknen, bis das Fleisch, in kleinen Happen gegessen und mit Schnaps runtergespült, unter dem Namen Hákarl als isländische Spezialität ungewürzt verspiesen wird. Das sei gesund, sagen Kenner. Denn Grönlandhaie, so erzählen sie, werden nie krank. Lebensraum Der Grönlandhai hat übrigens auch keine Schwimmblase. Denn in den bis über 1000 Metern Tiefe, wo er sich am liebsten aufhält, ist der Wasserdruck zu hoch dafür. Deshalb treibt er sich gerne nahe am Grund des Meeres rum, und weil es dort mit fast minus 2 Grad ordentlich kalt ist, spielt sich sein ganzes Leben im Zeitlupentempo ab – sein lateinischer Name «Somniosus» bedeutet «der Schlafende» (Somniosus microcephalus heisst «der Schlafende mit dem kleinen Kopf»). Manchmal tauchen Grönlandhaie auch bis zu mehreren tausend Meter Tiefe. Während der Wintermonate zieht er sich gerne in seichtere Gegenden zurück. Dann weilt er am liebsten unter verschlossenen Eisdecken. Er bevorzugt die schlammigen Gründe des offenen arktischen Meeres und ist von der Arktis bis nach Nordeuropa und sogar nach Nordfrankreich verbreitet, wo das Wasser auch mal 12 Grad warm wird. Für den einzigen Hai, der kalte Temperaturen erträgt, ist das ein beachtlich grosses Verbreitungs - gebiet. Trotzdem wurden lebende Grön - landhaie erst 1998 zum ersten Mal gefilmt. Die Wissenschaftler wissen also noch sehr wenig über den grössten Vertreter der Familie der Dornenhaie. Körperbau Zum Beispiel das: In der Regel werden Grönlandhaie rund 4 Meter lang und um die 500 Kilogramm schwer. Es wurden aber schon Exemplare von 8 Metern Länge und 2500 Kilogramm Gewicht aus dem Wasser gezogen. Rund 20 Prozent des Körperge - wichts nimmt dabei seine Leber ein: Als Fettspeicher im kalten Wasser ist sie verhältnismässig riesig. Sein Körper ist torpedoförmig. Die Flossen sind relativ klein und ohne Dornen, auch die extrem kleinen Rückenflossen sind dornenfrei. Dafür ist die Schwanzflosse leicht asymmetrisch. Charakteristisch für den Grönland - hai ist der weisse Fleck auf der stumpfen Schnauze – wahrscheinlich, weil er andauernd am Boden nach Nahrung stöbert. Nahrung Dazu gehören in erster Linie Bodenfische wie Tinten- und Plattfische, Rochen und Dorsche. Und Seegurken. Einen jungen Wegen des kalten Wassers sind Eishaie träge und lassen Taucher nahe an sich heran. An seinem Auge hat sich ein Ruderfusskrebs festgehakt (Ausschnitt). 46

Bilder: Juniors Bildarchiv Unnötiger Blödsinn: Sportfischer-Tourist mit erlegten Eishai. Delfin, einen Vogel oder eine Robbe verschmäht er nicht, wenn er eine erwischt. Und weil man als so grosser Räuber in so einem kalten Gewässer essen muss, was da ist, frisst der Grönlandhai auch Aas. Es wurde schon beobachtet, wie die Haie tote Wale anfrassen, die an Walfangschiffe gebunden waren. Fortpflanzung und Alter In weiblichen Tieren des Grönlandhais fand man Eileiter mit vier bis sechs Embryonen. Sie sind von einer gemeinsamen Membran umgeben, bis sie im Mutterleib schlüpfen und, für Haie ungewöhnlich, lebend zur Welt kommen. Grönlandhaie sind somit, wie Biologen sagen, vivipar. Bis zu zehn Junge sind es pro «Wurf», 40 Zenti meter lang sind die Kleinen im Durchschnitt. Auch das Heranwachsen der Jungen verläuft im Zeitlupentempo: rund zwei Jahre dauert es, bis sie «erwachsen» sind. Über Balzverhalten, Paarung und Geburt ist so gut wie nichts bekannt. Auch die Lebenserwartung des Grönlandhais kann nur geschätzt werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Haie pro Jahr zwischen 0,5 und 1 Zentimeter wachsen. Ein Hai, der 1936 von Fischern gekennzeichnet wurde, wuchs in 16 Jahren gerade mal 6 Zentimeter. Dies führte zu der Hypothese, dass ein gefangener Grönlandhai mit einer Länge von 7,5 Metern über 200 Jahre alt sein muss. Parasiten Oft sind die Augen der Grönlandhaie von Parasiten befallen: Bioluminiszente Ruder - fuss krebse mit dem lateinischen Namen Ommatokoita elongata saugen sich an der Hornhaut fest und wachsen dort auf bis zu 8 Zentimeter Länge heran. Ob die «An- hängsel» dem Grönlandhai nutzen oder schaden, darüber streiten sich die Wissenschaftler. Einerseits besteht die Theorie, dass das Leuchten der Ruderfusskrebse Hai-Beute - tiere anzieht. Anderseits ist es eine Tatsache, dass der Hai wegen den Parasiten mit der Zeit erblindet. Was aber nicht wirklich tragisch ist, weil der Hai über sehr gute andere Sinne verfügt und sich auch ohne Sehstärke bestens in seiner Welt zurechtfindet. In den Tiefen, wo er am liebsten lebt, ist es sowieso stockdunkel. Jäger, Anwälte und Sänger Ausser einem Zwischenfall im Jahre 1940 sind keine Attacken von Grönlandhaie auf Menschen bekannt. Deshalb war wahrscheinlich auch der Angriff von 1940 auf einen Wildhüter «bloss» ein Versehen. Der Eishaie wandern bis nach Frankreich und wahrscheinlich Russland. Hai verwechselte den Menschen wohl mit einer Robbe – kein Wunder, wenn er sowieso schlecht sieht. Umgekehrt stellen Menschen dem Hai sehr wohl nach: Seine grosse Leber ergibt viel Lebertran mit hohem Gehalt an Vitamin A, und seine Haut eignet sich gut zur Leder - verarbeitung. Gänzlich unnütz und tierver - achtend sind dagegen die Jagdaus flüge für Hobbyfischer, die in Uummannaq auf Grön - land als «Greenland Shark Challenge» angeboten werden. Aus heutiger Sicht angenehmer für das Tier ist da schon der sogenannte Grönlandhai- Fall, der angehenden Anwälten in Deutsch - land heute noch als Lehrbeispiel dient: 1916 kaufte der deutsche Kläger vom Beklagten 214 Fass «Haakjöringsköd» in der Annahme, dabei handle es sich um Walfleisch. Tat - sächlich aber ist «Haakjöring» der norwegische Name für Grönlandhai. Weil aber zu dieser Zeit die Einfuhr von Haifleisch nach Deutschland untersagt war, wurde die gesamte Lieferung beschlagnahmt, worauf der Käufer den Lieferanten einklagte. Die Klage wurde jedoch abgewiesen. Und zu guter Letzt: Die deutsche Punkband Boxhamster betitelte eines ihrer Lieder «Eishai». Der Hai selber kommt darin jedoch nicht vor... PolarNEWS Stinkt zum Himmel: Während Monaten muss das fermentierte Grönlandhai-Fleisch an der frischen Luft die Giftstoffe ausschwitzen. Polar NEWS 47

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