Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 9

  • Text
  • Polar
  • Lemminge
  • Antarktis
  • Polarnews
  • Pinguine
  • Livio
  • Beiden
  • Heiner
  • Kubny
  • Millionen

Reisen Schiff ahoi in

Reisen Schiff ahoi in Finnland Livio Zanetti und Sabine Recker aus Zürich haben sich mehr als nur den Traum vom eigenen Schiff erfüllt: Jetzt tuckern sie mit einem Eisbrecher durch die finnischen Gewässer. Von Heiner Kubny (Text und Bilder) Woher Livios Begeisterung für grosse Maschinen und schwere Motoren herrührt, kann sich der Bündner bis heute nicht erklären. Tatsache ist: Livio bestellte einen Vertreter für Mähdrescher zu sich nach Hause, da war er gerade mal sechs Jahre alt. Und als er zwei Jahrzehnte später seinen ersten Computer kaufte, wählte er lauter Bilder von Schiffen als Bildschirmschoner. Dass er heute beruflich viel in Flugzeugen sitzt, mag ihn wohl begeistern. Livio Zanetti, Jahrgang 69, ist Projektleiter für eine Pharmafirma. Als er 2002 ein Jahr lang in Irland stationiert war, wohnte er im Städtchen Kinsale nahe beim Hafen und sah den ganzen Tag Schiffe vorbeituckern. Die Eleganz, mit der die Kähne durchs Wasser zogen, faszinierte ihn. «Irgendwann war für mich klar: Ich wollte auch Kapitän werden», erzählt Livio. Seine Frau Sabine Recker musste er nicht lange von seinem Vorhaben überzeugen: Sie ist als Ärztin auf Reisemedizin spezialisiert und also von Haus aus gerne unterwegs. Wenn’s denn per Schiff sein soll – auch gut. Schulung an der Sonne Während eines fast zweijährigen Aufent - halts in Brasilien und Mexiko absolvierten beide mehrere Schiffs-Brevets, unter anderem erwarben sie den Führerausweis für Küstenschiffe. Dann rief die Firma Livio nach England, genauer nach Grimsby, den Ort, der weltweit für seine Kabeljau-Fisch - fangflotte berühmt und berüchtigt ist, und dort sahen die beiden erneut den ganzen Tag Schiffe vorüberfahren. «Irgendwann haben wir beide beschlossen, selber ein Schiff zu kaufen», sagt Sabine, die zu diesem Zeitpunkt längst zum begeisterten Schiff- Fan geworden war. Ein ordentliches Schiff sollte es sein, nicht zu gross, vielleicht 25 Meter lang, und keine Luxusjacht, von dem angehende Schiffsbesitzer in der Regel träumen. Eher ein Arbeitsschiff, die sind einfacher ausgestattet, robuster gebaut und wesentlich billiger zu haben. Suche im Internet Ein Arbeitsschiff ist ja auch viel praktischer, denn etwas anderes war für die beiden ebenso klar: «Wir wollten unbedingt ein Schiff im Norden, irgendwo in Skandinavien», erzählt Livio, «denn die solide Mentalität der Nordländer liegt uns. Wir mögen die Gelassenheit der Nordländer und dass man sich auf ihr Wort hundertprozentig verlassen kann.» Abgesehen davon kostet ein Schiffs - platz im Norden nur den Bruchteil dessen, was er in Frankreich oder Italien kosten würde. Im Internet finden sich genügend Anbieter von solchen Schiffen, weshalb Livio schon bald für eine erste Besichtigung nach Island flog. «Aber das war ein ausrangierter Fisch - kutter und stank entsprechend...». Ein zweiter Anlauf führte Livio und Sabine nach Schweden, aber dort wollten die Verkäufer ihr Schiff dann plötzlich doch nicht mehr verkaufen. Ihren Freunden und Bekannten erzählten die beiden übrigens so gut wie nichts von ihrem Vorhaben. «Wir wussten ja nicht, ob so ein abenteuerlicher Plan überhaupt aufgehen würde», sagt Livio. Vor allem aber: Die - jenigen, denen Livio und Sabine davon er - zählten, reagierten meist mit Unverständnis. Ein Schiff? Für euch zwei? Im Norden? Herrje, fahrt doch einfach nach Mallorca und legt euch an die Sonne, das ist viel einfacher... Drei Monate später entdeckten die beiden im Internet ein neues passendes Angebot: Die «Matari», ein finnischer Eisbrecher. Eis brecher? Damit hatten Livio und Sabine nicht gerechnet. Aber warum nicht? Das wäre sicher lustig. Und laut Beschreibung verfügte das Schiff über eine Sauna – für den Fall, dass es den Matrosen im Eis zu kalt wird... Zwei Tage, nachdem er mit der Reederei Mopro Oy Kontakt aufgenommen hatte, 36 Polar NEWS

Glückliche Besitzer ihres eigenen Eisbrechers: Livio Zanetti und Sabine Recker unterwegs durch vereiste finnische Seen. reiste Livio nach Savonlinna, rund hundert Kilometer im Inneren des Landes zwischen der Hauptstadt Helsinki und der russischen Grenze in der östlichen finnischen Seen - platte gelegen. Rund 28’000 Menschen leben in diesem Gebiet, hier steht auch die am besten erhaltene mittelalterliche Festung Europas, wo das berühmte Savolinna Opera Festival stattfindet. Eine schöne Gegend. Am Hafen der Werft Laitaatsillan Telakka Oy stand er mit Herzklopfen vor der «Matari». «Es war Liebe auf den ersten Blick», erzählt er und kriegt noch immer ein Leuchten in den Augen. 23,9 Meter lang und 6,7 Meter breit bei 3,2 Meter Tiefgang. Baujahr 1971, Eisklasse MCE1. Und erst der Motor: ein Blackstone ESSL6M mit 600PS bei 900 Umdrehungen pro Minute, bringt eine Maximalgeschwindigkeit von 12 Knoten! Nicht zu vergessen der gemütliche Mannschaftsraum. Und die Sauna. «Die Finnen haben die Sauna erfunden», sagt Livio mit einem Lächeln im Gesicht, «wahrscheinlich haben die damals zuerst die Sauna gemacht und dann das Schiff drum herum gebaut...» Es kam sogar noch besser: Die Werft offerierte auch gleich einen Hafenplatz – womit diese Frage auch gleich geklärt war. Dass Livio und Sabine in Zukunft regelmässig ausgerechnet und quasi zufälligerweise nach Finnland reisen würden, war den beiden mehr als recht. Deal per Handschlag Das Schiff hatte zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, vor allem als Zug schiff für Holztransporte, weshalb man am Kahn noch dies und das ausbessern musste. Aber schnell wurden sich Livio und die Reederei einig, und per Handschlag stand der Deal. Livio und Sabine waren Schiffs eigner!» Polar NEWS 37

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum