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PolarNEWS Magazin - 9

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Aufgeschrieben von

Aufgeschrieben von Christian Hug Es war im Februar 1994: Die Norweger Robert Caspersen, Sjur Nesheim und Ivar Tollefsen durchstiegen zum ersten Mal überhaupt die Nordwest-Wand des Granit- Bergs Ulvetanna. 1000 Meter hoch und technisch sehr schwierig. Aber es waren nicht die Höhenmeter und nicht der Schwierigkeitsgrad, die mich an dieser Expedition so faszinierten. Sondern der Ort, wo dieser Berg steht: auf dem Königin- Maud-Land im Norden der Antarktis! Denn dort, in der ewigen Kälte, war ich noch nie. Wo ich doch schon damals davon träumte, die Antarktis zu erleben. Jetzt, wo die drei Norweger gezeigt hatten, dass dies sogar kletternderweise möglich war, begann ich natürlich meinerseits, gemeinsam mit einigen Bergsteiger-Freunden Pläne zu schmieden für meine eigene Expedition in die Antarktis. Damals, 1994, war ich 22 Jahre alt und steckte mitten in der Ausbildung zum Bergführer. Der Eiger mit seiner Nordwand war längst mein Hausberg, auch im Ausland hatte ich schon viele Gipfel bestiegen. Über meinem Bett hing ein Bild des Ulvetanna, des «Wolfszahns», wie der Berg zu deutsch heisst. In den kommenden 14 Jahren sollte ich als Bergsteiger viel herumkommen in der Welt: Auf allen Kontinenten bestieg ich Berge und schaffte Erstbegehungen. Ausser in der Antarktis. Die blieb ein Traum. Dabei träumte ich nicht mal unbedingt vom Klettern. Ich wollte einfach in die Antarktis. Mein Traum nahm 2001 konkrete Formen an, als ich mit dem Berchtesgadener Alex Huber in Patagonien unterwegs war und sich herausstellte, dass er vor einiger Zeit Ivar Tollefsen persönlich kennengelernt hatte. Auch Alex träumte davon, den Ulvetanna hochzuklettern. Noch in Patagonien be - schlossen Alex und ich: Wir werden es tun! Und zwar zusammen mit Alex’ Bruder Thomas. Die beiden sind übrigens als «Huberbuam» weit über die Kletterszene hinaus weltberühmt. Erstkontakt Schnitt. Zeitsprung: 8. November 2008. Ant arktis, Königin-Maud-Land, zirka 2 Kilo - meter vom Bergmassiv entfernt. Viermal musste der Pilot ansetzen, bis er die schwere Iljuschin auf dem harten Eis landen konnte. Wir steigen aus dem Flieger – und in meinem Kopf macht es «bumm» wie ein Kanonenschuss: das ganze Bergmassiv liegt endlich vor uns, der Ulvetanna mit seiner 900 Meter hohen, fast senkrechten, teilweise überhängenden Nordwestwand, der schwierigste Gipfel des Sechsten Kontinents. Und der Holtanna mit seiner 700 Meter hohen Flanke. Ein Traum, ein Wunder. Was für ein Anblick: Das Eis der Antarktis liegt waagrecht im Horizont, die Flanken der Berge ragen senkrecht heraus – ein vollendeter 90- Grad-Winkel, das gibt es sonst nirgends auf der Welt! Die Luft ist kalt und klar. Es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden. Vor einem Jahr ungefähr haben Alex, Thomas und ich mit der konkreten Planung dieser Expedition begonnen, seit einem halben Jahr sind die Vorbereitungen auf Hochtouren gelaufen. So vieles musste bedacht, geplant, koordiniert und erledigt werden, und es gab so vieles, das wir wegen der antarktischen Kälte von bis zu minus 50 Grad speziell organisieren mussten: Solar - zellen für die Stromversorgung der Geräte, die unsere Kameramann Max Raichel mitnahm; spezielle Versicherungen, die extrem teuren und nicht planbaren Flüge; Feuchtig - keitscreme gegen die extreme Trockenheit; Sonnenschutzmittel, weil wir ja nahe unter dem Ozonloch sind; Medizin gegen Erfrierungen und Verbrennungen und, und. Insgesamt hatten wir zu viert 650 Kilo Material im Flieger verstaut, die Frisch - nahrung und «Astronautenfutter» für 43 Tage mitgerechnet. Plus für jeden einen Rucksack mit 30 Kilo «Handgepäck». Ebenfalls mit im Gepäck: Zugschlitten und Ski. Denn der Pilot hatte uns gewarnt: Es könnte sein, dass er erst so weit weg einen sicheren Platz zum landen finde, dass wir von dort aus eventuell jeweils noch eine ganze Woche Fussmarsch bis zu den Bergen vor uns hätten – hin und zurück. Doch wir haben Glück: Die Iljuschin landet nur 2 Kilo - meter von unseren Bergen entfernt. Endlich: Wir sind am Ziel! Alles abchecken Beziehungsweise am Anfang der eigentlichen Expedition. Wir bauen unser Basis - lager auf mit den verschiedenen Zelten inklusive einem Iglu, in dem wir ein Fass aufstellen: unsere Toilette. Die ersten Tage laufen wir mit den Skis zum Fuss der Holtanna-Westwand. Die 750 Meter hohe, teilweise überhängende Wand erschlägt uns fast. Eindrücklich! Mehrmals wurde diese Wand bereits versucht – keine der vorangegangenen Expeditionen war erfolgreich. Doch unser Enthusiasmus erhält einen Dämpfer, als wir an der Wand die ersten Seillängen probeklettern: Die Qualität des Felsens ist zwar besser, als wir befürchtet hatten, aber wir haben die Kälte unterschätzt. Ohne Handschuhe werden die Finger innert Minuten kalt und klamm, das «Kuhnageln» fängt sofort an, es drohen Die Spitzen einer von Eis bedeckten Bergwelt: (von links) Ulvetanna, Hell, Stedind, Kintanna, Hostind, Holtanna und Mundlauga. 22 Polar NEWS

Erfrierungen. Mit Handschuhen aber ist das Klettern in dieser schwierigen Wand wesentlich erschwert. Auch die mitgebrachten Kletterfinken können wir nicht anziehen: Die Füsse werden in kurzer Zeit zu Eisklumpen. Auch Schattenstellen in der Wand sind ein Problem: Zwar vermag die Mitternachtssonne tagsüber den Felsen ein wenig aufzuwärmen – aber wo Schatten ist, fällt die Temperatur praktisch von einem Zentimeter zum anderen um weitere 20 bis 30 Minusgrade. Der ausgestossene Atem gefriert augenblicklich auf unseren Gore- Tex-Jacken. Das ist alles auszuhalten, solange wir in Bewegung bleiben. Sobald aber einer von uns zum Beispiel sichert und sonst wie nicht grad klettert, wird die Kälte in der Wand zum ernsthaften Problem. Wir müssen uns entsprechend organisieren: Derjenige, der sichert, zieht sich superwarm an und wird diese Aufgabe den ganzen Tag übernehmen, während der Auskundschafter den ganzen Tag in Bewegung bleibt. Überhaupt die Kälte: Sie beherrscht und diktiert alles, was um uns herum geschieht, und alles, was wir tun. Sie ist immer da. Das zehrt an uns, das laugt uns aus. Vor allem das Zubettgehen ist hart: erst halb ausziehen und dann ganz lange aufwärmen... Immer - hin: Durch die Kälte ist die Luft so klar, dass ich das Gefühl habe, ich atme reinen Sauerstoff ein. Gefährliche Kälte Nach drei Erkundungs- und Einrichte-Tagen am Fels starten wir zum Gipfelsturm. Es ist gutes Wetter. Doch die Zeit, während der wir verhältnismässig angenehm klettern können, ist kurz: In der Nacht kühlt der Berg extrem ab und wärmt sich tagsüber nur sehr langsam wieder auf. Der Felsen ist so Um in der Mitternachtssonne nicht in den Schatten des Holtanna zu geraten, bauen die drei Abenteurer ihr Camp rund zwei Kilometer vom Berg entfernt auf. kalt, dass er sich anfühlt wie Eis. Die Finger werden dabei selber glatt und glasig. Sobald wir einen Handschuh ausziehen müssen, um einen Karabiner vom Gurt zu nehmen oder einen sicheren Griff zu finden, beginnt das Kuhnageln. Wenn wir ebendiesen Karabiner in den Mund nehmen, um die Hände freizukriegen, friert das Metall an den Lippen an. Jedes Mal reisst der Haken ein Stück Haut von der Lippe. Der ausgestossene Atem gefriert auf den Kleidern, es bildet sich ein Eispanzer. Nicht gerade angenehm, wenn man schattige Passagen mit Temperaturen von minus 50 Grad durchsteigen muss. Viele Passagen erweisen sich als schwieriger als angenommen. Wir hatten vor, im Freistil zu klettern, aber das war an vielen Stellen schlicht nicht möglich. Thomas und Alex versuchen’s mit Kletterfinken und holen sich prompt leichte Erfrierungen an den Zehen. Sie haben im Gegensatz zu mir keine gefütterten Kletterfinken mitgenommen. Es wird wohl mindestens ein halbes Jahr dauern, bis sie in den angefrorenen Zehen wieder ein Gefühl haben... Und dann erst die Nächte: Zweimal richten wir unsere Portaledge, wie wir Bergsteiger die Hängezelte nennen, an günstigen Punkten ein. Es ist so bitterkalt, dass wir die Minuten bis zum nächsten Morgen zählen. Und wenn der Morgen da ist, müssen wir mühsam vorbereitete Tonnen mit Schnee an Seilen hochziehen, damit wir daraus Wasser schmelzen und unser Frühstück zubereiten können. Sehr anstrengend. Sehr kalt. Bei diesen Temp eraturen wird eine Route des Schwierigkeitsgrades sieben zu einer Neuner-Strecke. Und eine Neuner-Passage nicht mehr machbar. Aber es rückt. Wir sind ein eingespieltes Team, wir kennen uns schon lange und klettern nicht zum ersten Mal gemeinsam. Thomas, Alex und ich kämpfen uns die Wand hinauf, Max filmt. Endlich am Ziel Am dritten Tag sind wir endlich, endlich oben. 16 Uhr. Der Holtanna ist geschafft! Es ist kalt. Geschafft. Mein Ziel. Unser Ziel. Für diese Gefühle gibt es kaum Worte. Man geniesst solche Augenblicke ja auch gerne schweigend... Allerdings müssen wir uns für den Abstieg besprechen: Alex und ich sind beides passionierte Basejumper und hatten eigentlich vor, von der Spitze des Holtanna ins Leere zu springen und unsere mitgebrachten Fallschirme zu öffnen. Aber der Wind war zu stark, er hätte uns leicht an die Wand drücken und zerschellen lassen können. Wir beschliessen daher, zu viert abzusteigen, Seillänge um Seillänge. Wir müssen uns nicht beeilen, denn die Mitternachts - sonne scheint ja ununterbrochen. Sechs Stunden später, um 22 Uhr sind wir endlich wieder unten im Basislager – schmeissen unsere Ausrüstung ins Materiallager und uns selbst sofort in die Schlafsäcke. Glücklich und müde. Am nächsten Tag ist schlafen und Nichtstun angesagt. Ich packe meinen Skite-Schirm aus und Skite ein bisschen über das Eis. Es ist wunderbar. Ich bin in der Antarktis und kann mit dem Wind um die Ohren die Natur geniessen. Kleines Detail am Rande: Man erwartet ja in einer so unwirtlichen Wildnis wie der Antarktis nicht, unterwegs irgendwelche Leute anzutreffen. Aber ich stosse tatsächlich auf eine ganze Gruppe: Ein Trupp französischer Soldaten ist für eine Expedition auf Skiern unterwegs. Das überrascht und nervt mich gleichermassen. Denn als» Polar NEWS 23

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