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PolarNEWS Magazin - 9

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von Lemmingen und

von Lemmingen und bringen selber mehr Junge hervor als in «lemminglosen» Sommern. Der Jagddruck des «Sommer - trios» auf die Lemmingpopulation ist derart hoch, das der alleine schon ausreicht, um das weitere Anwachsen der Lemmingzahlen zu stoppen: Die Lemmingzahlen sinken wieder. Nur noch die schützende Schnee - decke des Winters vermag die Lemminge zu retten, denn unter dem Schnee geht das Gebären munter weiter. An dieser Stelle betritt das Hermelin die nun tief verschneite Bühne. Dieses Mitglied der Marder-Familie stellt den Lemmingen nicht nur im Sommer, sondern auch unter der Schneeschicht nach, wie wir bereits wissen. Allerdings vermehren sich Hermeline längst nicht so spektakulär schnell wie ihr Essen, die Lemminge. Die Zahlen der Hermeline hinken also jenen der Lemminge hinterher. Doch dann wird die Lemmingexplosion von den drei Sommerfeinden gestoppt: Die Hermeline vermögen zahlenmässig aufzuholen, und das grosse Fressen unter der Schneedecke nimmt zu. Dies wiederum führt unweigerlich zum Zusammenbruch der Lemmingpopulation – dem bald darauf auch der Kollaps der Hermeline folgt. Und der Zyklus kann von neuem beginnen. Die langjährigen Feldforschungen der deutschen und französischen Zoologen auf der Traill-Insel belegen damit erstmals, dass das Hermelin mit seiner ganzjährigen Jagd in dieser menschenleeren Tundra im Nord - osten Grönlands die Lemmingzyklen an - treibt. Beinahe wie aus dem Lehrbuch lässt sich damit eine Wechselbeziehung zwischen den Räubern und ihrer Beute beschreiben. Allerdings betonen die Forscher gleichzeitig, dass sich die Ergebnisse ihrer Beo - bachtungen einer hocharktischen Land - schaft nicht einfach so auf andere Lebens - räume der Lemminge wie etwa die Wald - zonen Skandinaviens übertragen lassen. Die Prädation, wie Spezialisten den Jagdruck bezeichnen, könnte jedoch auch in anderen Lemminggebieten dieser Welt die zyklischen Schwankungen der Wühlmäuse und anderer Nager-Arten bestens erklären. Basis eines Ökosystems Es gibt noch weitere Forschungsresultate aus nördlichen Ökosystemen, welche die Bedeutung der Lemminge für die Popu - lation anderer Tierarten belegen. Zum Beispiel für die Schnee-Eule: Bei einem Nest voll mit neun Schnee-Eulenjungen müssen die pausenlos fütternden Eltern bis zum Zeitpunkt des Flüggewerdens der Jungeulen rund 1300 Lemminge heranschleppen – plus 360 für die gestressten Altvögel selber. Oder Ringelgans und Prachteiderente: Die Anzahl dieser arktischen Vögel hängt direkt mit der Bevölkerungsdichte der Halsband - lemminge zusammen: wenige Lemminge – Wie viele Lemmingarten? In den letzten Jahren hat sich die systematische Gliederung der Lemmingarten stark verändert und verfeinert, dies dank neuesten Untersuchungen auf Zell- Ebene (Erbgut). Man hat erkannt, dass viele Lemminge, die bisher als Unterart angesehen wurden, eigenständige Arten sind. Deshalb existieren für einige dieser «neuen» Arten zwar bereits englische, aber noch gar keine deutschen Namen, und welche Systematik nun tatsächlich gilt, ist ein aktueller Diskussionspunkt unter Zoologen. Die Weltnaturschutz- Union IUCN und die Weltliste der Säuge tiere unterscheidet zurzeit 20 verschiedene Lemming-Arten vom Grön - ländischen Halsbandlemming über den Wrangel Island Collared Lemming bis zum Steppenlemming. kaum Gänse oder Enten. Grund dafür sind Raubfeinde wie der Eisfuchs: Hat es viele Lemminge, frisst der Fuchs vornehmlich Lemminge. Hat es keine Lemminge, wenden sich die Jäger den Ringelgänsen oder Prachteiderenten zu. Man weiss, dass Füchse in einem Lemmingtief ihre Nahr - ungs suche deutlich verstärken (müssen). Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sie dabei vermehrt auf Vogelnester stossen und diese ausrauben. Ähnlich ergeht es der Falkenraubmöwe, einem eigentlichen Lemmingjäger. Dieser elegante hocharktische Vogel legt deutlich mehr Eier, wenn es viele Lemminge gibt. Bevölkern aber gerade keine Wühlmäuse die Tundra, dann verlassen die Altvögel oftmals ihr Nest oder beenden ganz einfach die Fütterung ihrer Jungen (die dann natürlich im Nest verhungern). Lemminge wiegen bei der Geburt nur etwa 1 Gramm und sind völlig nackt. Schon am dritten Tag beginnt das Fell zu wachsen. Nach drei Wochen sind sie selbstständig. Viele Fressfeinde Von hocharktischen Watvögeln (auch Limi - kolen genannt) weiss man, dass deren Weibchen in der Zeit des Eierlegens des Öfteren ausgewählte Lemmingknöchelchen schlucken, denn Kalzium – den es in Knochen hat – ist rar in der Tundra, aber unabdingbar für die Eierproduktion der Vögel. Wie wir bis hier gesehen haben, kommt dem kleinen Lemming eine grosse Rolle zu in der Nahrungspyramide der nördlichen, auch der subarktischen Breiten. Neben den bereits erwähnten Räubern setzen viele weitere Feinde den Lemming oft auf ihren Einkaufszettel: Grizzlybär, Rotfuchs, Raufussbussard, Wanderfalke, Sumpfohr - eule, diverse Möwenarten, Vielfrass und 14 Polar NEWS

Lemmingwitze drehen sich immer ums Klippen - springen: Cartoon von Joscha Sauer («Nicht lustig»). andere. Viele dieser Lemmingliebhaber kämen in echte existenzielle Schwierig - keiten, wenn die kleinen pelzigen Wichte nicht regelmässig eine Bevölkerungs ex - plosion durchmachen würden. Vor der Klima-Klippe Um nochmal auf die Mär mit dem Klippen - sprung zurückzukommen: Der Lemming steht tatsächlich vor einem Abgrund. Das Stichwort heisst Klimawandel. Die Er - wärmung des Weltklimas hat die kleinen Höhlensysteme der Wühlmäuse im Norden längst erreicht – und prompt Probleme be - schert. Eine Studie der Universität Oslo, welche im November 2008 publiziert worden ist, macht die Klima-Erwärmung für die Ab - nahme der Lemmingpopulation in Süd - norwegen verantwortlich. Weil die Temperaturen im norwegischen Winter öfters den Taupunkt erreichen, entsteht eine für Lemminge äusserst ungünstige Schneebeschaffenheit. Wärmeres Winter - wetter ist für Feuchtigkeit verantwortlich, welche die subnivalen, also unter der Schneedecke sich abspielenden Lebensbe - dingungen erschwert: Wasser gelangt in den Lebensraum der Lemminge unter dem Schnee, flutet die Verbindungstunnels und die Baue der Nagetiere. Wenn es anschliessend wieder gefriert, sind Grashalme, Zwergstrauchrinden und andere Leckereien mit einer glasharten Eisschicht überzogen. Es verwundert nicht, dass Bestandsex plosionen der Lemminge in Südnorwegen immer nur in kalten Wintern mit optimalen Schneeverhältnissen auftraten (die letzte wurde dort 1994 beobachtet...). Das enge Beziehungsgeflecht zwischen Lemmingen und ihren Raubfeinden lässt nun aber Böses erahnen: Wenn sich die Lemminge, bedingt durch die Klima - änderung, rar machen, bekommen das auch andere Tiere zu spüren. An erster Stelle diejenigen, die sich bisher alle drei bis fünf Jahre auf das grosse Lemmingfressen gefreut hatten: Eisfuchs und Schnee-Eule wenden sich in Südnorwegen neuerdings anderen Köstlichkeiten zu und stellen dem Alpenschneehuhn und dem Moorschnee huhn nach – was nun wiederum deren Zahlen schrumpfen lässt. Studie in Kanada Obwohl hier ein relativ kleines Gebiet unter die Lupe genommen wurde, gehen die Forscher aus Oslo davon aus, dass sich auch andernorts in Skandinavien wie auch in Kanada und Alaska ähnliche Veränderungen abspielen könnten. Die Klima-Erwärmung wird die Lemminge nach Meinung der norwegischen Forscher sicherlich nicht zum Verschwinden bringen, jedoch könnte der Einfluss auf das Ökosystem schwerwiegend sein. Genau letzteres glauben auch die Kanadier. Dort läuft noch bis ins Jahr 2010 eine Studie der Wildlife Conservation Society, welche der Frage nachgeht, inwiefern sich klimabedingte Veränderungen bei den Lemmingen auf die anderen Glieder in der nordischen Nahrungskette auswirken könnten. Man hat auch in Kanada bereits erkannt, dass Schneehöhe und Schneequalität für Lemminge überlebenswichtig sind, und dass der immer später einsetzende Schneefall im Herbst sowie das immer frühere Auftauen im Frühling gepaart mit winterlichen Wärme perioden in der Tundra die Lemminge bedrohen könnten. Und mit ihnen eine wichtige Schlüsselposition im Ökosystem. PolarNEWS Die Nager wehren sich, wenn sie sich bedroht fühlen. Fressfeinde sind davon allerdings kaum beeindruckt. Von wegen Klippenspringen! Sie können es zwar nicht ausdauernd, aber sie könnens: schwimmen. Polar NEWS 15

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