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PolarNEWS Magazin - 9

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Von Peter Balwin (Text)

Von Peter Balwin (Text) Eigentlich tragen die Lemminge, diese niedlichen Wühlmäuse nördlicher Breiten, gar keine Schuld, dass wir Menschen sie mit so schrecklichen Dingen wie Massenselbst - mord gleichsetzen. Man glaubt folgendes zu wissen: Alle paar Jahre würden sich die Lemminge zahlenmässig derart vermehren, dass die armen Tierchen keinen anderen Ausweg mehr sehen würden, als sich kollektiv auf Wanderschaft zu begeben, hin zum nächsten Meer oder (noch besser) zur nächsten Klippe, um sich kaltblütig, aber zielgerichtet zu Zehntausenden in die Fluten beziehungsweise in die Tiefe zu stürzen... Wer dies zu seinem Lemmingwissen zählt, hat zumindest in einem Punkt recht: Die meisten Lemmingarten dieser Welt erleben eine mehr oder minder regelmässige Zuund Abnahme ihrer Populationen, zyklische Bestandesschwankungen, wie die Zoologen sagen. Der dramatische Part hingegen, das mit der Lebensmüdigkeit und der Klippe – dieser Teil der Geschichte ist pure Erfindung! Das haben wir den Tierfilmern von Walt Disney zu verdanken. In einem Disney-Streifen aus dem Jahr 1958, «White Wilderness», ist tatsächlich eine dreieinhalbminütige Sequenz zu sehen, in der sich eine Unmenge von Lemmingen angeblich auf den Weg macht zu einem Massensuizid. Deutlich und ausgiebig wurde auch gefilmt, wie sich die Tiere ohne zu zögern über eine Klippe in den Abgrund werfen und halbtot auf dem Meer davontreiben. So etwas fährt ein! Als Tierfreund vergisst man solche Bilder nicht mehr. Die Legende vom selbstmörderischen Lemming war geboren. Es dauerte denn auch gute drei Jahrzehnte, bis ein kanadischer Fernsehjournalist fast ein halbes Jahr damit verbrachte, gewissen Szenen in Disneys Tierfilmen auf die Schliche zu kommen. Er fand heraus, dass die Selbstmordgeschichte in «White Wilder - ness» gefälscht war, schlimmer noch: Die Tierfilmer schubsten die extra von Inuit- Kindern abgekauften Lemminge absichtlich über die Klippe! Fazit: Damals wie heute tut man oftmals gut daran zu hinterfragen, was da über die Bild - schirme flackert. Und: Lemminge sind also keineswegs lebensmüde, und noch viel weniger geben sie sich irgendwelche Mühe, freiwillig von dieser Welt zu gehen. Kleine Nager unterm Schnee Als Wühlmaus gehört der Lemming zwar einer grossartigen, aber keineswegs grossgewachsenen Nagerfamilie an. Seine Kopf- Rumpf-Länge, also gemessen von der Nasen spitze bis zum Hinterteil (ohne den meist 1 bis 2 Zentimeter langen Schwanz), schwankt je nach Art zwischen 8 und 15 Zentimetern und gleicht damit ungefähr derjenigen eines Goldhamsters. In seinem arktischen Verbreitungsgebiet ist der Lemming sogar das kleinste aller Säugetiere. Gewichtsmässig bringt ein Lemming, wieder um je nach Artzugehörigkeit und wohl auch je nach Jahreszeit zwischen 20 und 50 Gramm auf die (Brief-)Waage. Bei Schwergewichten wie etwa dem Halsbandund dem Berglemming bleibt der Zeiger schon mal bei 130 bis 150 Gramm stehen. Alle Lemmingarten erfreuen sich eines dichten, oft bunt gezeichneten Felles, kräftiger Kaumuskeln, Scharrkrallen und imposanter Schneidezähne. Letztere wachsen übrigens zusammen mit den Backen - zähnchen zeitlebens in dem Masse wieder nach, wie sie bei der Nahrungsaufnahme abgewetzt werden. Dies ist für eingefleischte Vegetarier, wie Lemminge es sind, überlebenswichtig. Denn die Zellwände der Gräser, die die Lemminge mit Heisshunger verspeisen, enthalten viel Kieselsäure. Beim Kauen wird diese Kieselsäure freigesetzt und wirkt auf den Zahnschmelz wie Schmirgelpapier. Gras ist allerdings bloss eine von vielen Komponenten des Speiseplans. Während im Sommer auch Beeren von Zwergsträuchern, Blüten, Kräuter und Pilze verzehrt werden, muss der Lemming in den strengen Wintern seines nördlichen Verbreitungsgebietes im wahrsten Sinne des Wortes unten durch: Unter der Schneeschicht, wo Lemminge den ganzen Winter über ohne Winterschlaf ausharren, lassen sich dann nur noch Flechten, Moose, Rinde, Blättchen und eben Gräser auftreiben. Weil ein so zierlicher Körper wie derjenige des Lemmings viel schneller ab - kühlt als ein grosser, muss sein Stoff wechsel auf Hochtouren laufen: er ist pro Gramm Körpergewicht vier Mal höher als beim Menschen. Hauptnahrung: Lemming Dem Lemming fällt eine zentrale Rolle im Ökosystem der Hocharktis zu, und zwar in zweierlei Hinsicht: Einerseits hat dies damit zu tun, dass der Lemming-Alltag inklusive » Lemminge hausen in Höhlen und suchen auch sonst immer Deckung. Zum Fressen müssen sie allerdings hinaus aufs freie Feld. 12 Polar NEWS

Bilder: Norbert Rosing, Joscha Sauer, Juniors Bildarchiv, Hans Blister, Wildlife, Roland Pfaffeneder Die Population der Fressfeinde ist direkt abhängig von der Population der Lemminge: (oben links im Uhrzeigersinn) Schnee-Eule, Falkenraubmöwe, Hermelin, Eisfuchs. seines Nahrungsverhaltens eine Veränderung der Vegetation bewirkt. So spricht man bei einer von Lemmingen «umgegrabenen» Fläche auch vom «Lemminggarten». All - gemein nimmt die Pflanzenproduktion der Tundra in Lemming-Spitzenjahren bis zu einem Drittel ab: Dann bevölkern bis zu 20’000 dieser Nager einen einzigen Qua - drat kilometer Tundra, und allesamt knabbern sie die Wurzeln von Pflanzen an. Andererseits sind Lemminge ein wichtiger Nahrungsbestandteil von Beutegreifern wie Schnee-Eule, Raubmöwe oder Hermelin. Dass sich Lemminge rasant vermehren können, belegt allein die folgende Tatsache: In guten Sommern bringen die Weibchen des Halsbandlemmings zwischen April und September jeden Monat (!) Junge zur Welt, mit jedem Wurf meist vier bis sechs, aber auch bis zu zehn kleine, knapp 4 Gramm leichte Lemmingbabys. Bereits nach wenigen Wochen sind die Kleinen fortpflanzungsfähig und können selber Eltern werden – einer explosionsartigen Zunahme der Lemmingpopulation, wie sie in Abständen von vier Jahren regelmässig auftritt, steht nichts mehr im Wege. Aber warum bricht die Population regelmässig wieder ein? Hier hat eine gemeinsame Langzeitstudie der Universität Freiburg im Breisgau und der französischen Groupe de Recherche en Ecologie Arctique erstaunliche Zusammen - hänge ans Licht gebracht. Seit 1988 besuchen Forschergruppen dieser Institutionen einen Küstenabschnitt auf der Traill-Insel im Nationalpark Nordostgrön - lands (auf 72°30’ N / 24° W). Dort untersuchen sie in einem 1500 Hektaren grossen Gebiet an der Mündung des weiten Karupelv-Tales in den König-Oskar-Fjord die Populationsdynamik des Halsband - lemmings – eine für die Arktis sicherlich einmalige Langzeitbeobachtung. In dieser hocharktischen Tundra regiert unter den Wirbeltieren eine der weltweit am einfachsten strukturierten Räuber-Beute-Ge - mein schaften. Denn es gibt nur eine einzige Beuteart – den Halsbandlemming –, und da - von ernähren sich vier Raubfeinde: Her - melin, Eisfuchs, Schnee-Eule und Falken - raubmöwe. Vor diesem Hintergrund gingen und gehen die Biologen jeweils in den arktischen Sommern auf der Traill-Insel der Frage nach, weshalb sich denn eigentlich die Lemminge regelmässig alle vier Jahre massen haft vermehren, nur um kurze Zeit später wieder in ein zahlenmässiges Tief (das sogenannte Lemmingtief) zu versinken. Innerhalb eines solchen Vierjahreszyklus steigt die Population regelmässig um das 100- bis 1000-Fache an – und fällt kurz darauf regelrecht in sich zusammen. Solche zyklischen Schwankungen wurden bisher durch die unterschiedlichsten Hypo - thesen zu erklären versucht. Die meisten suchten dabei die Gründe für die Massen - vermehrung beim Lemming selbst oder bei Veränderungen des Nahrungsangebotes. Die neuesten Erkenntnisse aus Nordost - grönland weisen jedoch in eine ganz andere, überraschende Richtung: Verantwortlich für die starken Populationsschwankungen ist das Hermelin! Jagd das ganze Jahr über Und das geht so: Von den vier genannten Raubfeinden jagen Eisfuchs, Schnee-Eule und Falkenraubmöwe nur während den Sommermonaten nach Lemmingen, derweil das Hermelin das ganze Jahr über Lemminge verfolgt – auch unter der Schneedecke des hier neun Monate dauernden Winters. (Prak- tischerweise konfiszieren die Hermeline unzählige unter der Schneedecke liegende Winternester der kleinen Nager und schlafen selbst darin...) In «Spitzenjahren» sind Lemminge ein buchstäblich gefundenes Fressen, Eisfuchs & Co. ernähren sich ab jetzt hauptsächlich » Polar NEWS 13

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