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PolarNEWS Magazin - 8

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Von Heiner Kubny (Text

Von Heiner Kubny (Text und Bilder) Die dänischen Könige liessen sich einst die Steuern in Eiderenten-Daunen bezahlen. Die Prinzessin auf der Erbse schlief in Andersens gleichnamigem Märchen auf Kissen, die man damit anfertigt. Und die Pop-Band Pink Floyd verewigte die Vorzüge eines solchen Kissens in ihrem Song «Wish You Were Here». Denn auf nichts lässt sich so gut schlafen wie auf Eiderenten-Daunen: Im Sommer legen sich die Verästelungen der Daunenfeder durch die erhöhte Feuchtigkeit an den Federkeil und verringern so das Volumen, was gleichzeitig auch die Wärmeleistung reduziert. In der trockenen Winterluft aber isolieren sie hervorragend, denn die feinsten Verästelungen verkeilen sich ineinander und bilden so eine zusammenhängende Masse. Das müssen sie auch, denn Eiderenten sind Bodenbrüter und legen ihre kargen Nester mit Daunenfedern aus. Würden sich diese nicht verkeilen, der Wind würde sie im Nu verblasen. Diese Eigenschaften machen Eiderenten-Daunen zu einem wertvollen Rohstoff und entsprechend die Ente selber zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in Ländern wie Island. Doch dazu später. Eiderenten sind Meeresenten, mit weit über 2 Kilogramm Körpergewicht und bis zu 60 Zentimeter Körperlänge sogar die grössten Meeresenten überhaupt. Ihr Kennzeichen ist der keilförmige Schnabel, dessen Wurzel sich seitlich bis weit in die flache Stirn hochzieht. An der Schnabelwurzel liegt eine Salzdrüse, die das mit der Nahrung aufgenommene überschüssige Salz ausscheidet. Ein weiteres Erkennungsmerkmal ist die sonderbar geometrisch anmutende Schwarz - weiss-Färbung des Erpels – während das Weibchen ähnlich braun wie unsere Stock - enten weibchen gefärbt ist. Immerhin: Als Boden brüter sind die Weibchen somit perfekt getarnt. Ihren Namen hat die Eiderente übrigens nicht vom gleichnamigen Fluss in Deutsch - land, sondern vom isländischen Gott Ägir. Lebensraum Die Eiderente kommt entlang der nördlichen Küsten von Europa, Nordamerika und Ost - sibirien vor. Sie brütet von der Arktis bis in die gemässigten Klimazonen Europas. Vögel aus den nördlichsten Brutgebieten, etwa aus Spitzbergen, ziehen zum Überwintern allerdings in die gemässigten Breiten, wo sie sich in geeigneten Küstengewässern manchmal zu grossen Gruppen versammeln. Der Schwerpunkt ihres Brutgebietes liegt auf Island, wo etwa 450’000 Paare brüten, sowie an der Ostsee, wo sich bis zu 600’000 Paare zur Brut zusammenfinden. Der weltweite Bestand wird auf 2,5 bis 3,6 Millionen Tiere geschätzt, womit die Eiderente zu den am häufigsten anzutreffenden Vögeln der nordpolaren Gebiete zählt. Seit einiger Zeit sind Eiderenten sogar in der Schweiz anzutreffen. Die Schweizerische Vogelwarte in Sempach schreibt zu diesem ungewöhnlichen Gast: «Bis in die Fünf ziger - jahre war sie eine seltene und unregelmässige Erscheinung. Seither kam es in mehreren Wintern zu grossen Einflügen, worauf die Beobachtungen im Sommer halbjahr stark zugenommen haben. 1988 gelang dann der erste Brutnachweis auf dem Zürichsee. Seither sind am Neuenburger-, Vierwald - stätter- und Walensee fast jedes Jahr weitere Bruten festgestellt worden. Zahlreicher ist die Eiderente bei uns aber im Winter zu beobachten, wenn sie auf fast allen grösseren Seen in kleinen Trupps auftaucht.» Brut und Aufzucht Die Eiderenten-Balz beginnt bereits auf der hohen See. Die Erpel fangen oft schon ab Oktober an zu gurren und balzen den ganzen Winter über mit ihrem leisen Ruf «Aguuu». Die Weibchen nehmen erst im Spätwinter an der Balz teil und antworten mit einem dum - pfen «Korr». Hat sich ein Paar gefunden, was frühestens Anfang April der Fall ist, watscheln die beiden oft zu Fuss solange über den Boden, bis sie sich für einen Nistplatz entschieden Die Daunen der Eiderente verkeilen sich und bilden einen wärmenden Schutzmantel um die Küken. Das schwarze ist eben erst geschlüpft. 54

Der Erpel brütet zwar nicht selber, aber er hält die meiste Zeit über in der Nähe des Nestes Ausschau nach Feinden. Nahrung Grünzeugs gehört definitiv nicht zu den bevorzugten Menüs der Eiderenten. Viel lieber tauchen sie tagsüber nach Muscheln und Schnecken. Auch kleine Tintenfische, Krebse und Fische verspeisen sie gerne, sogar Seesterne und Seeigel sind nicht vor ihnen sicher. Bemerkenswert ist die ausgeprägte Tauch - fähigkeit dieses Federviehs: Mit den Flügeln rudern sie unter Wasser wie mit Flossen in Tiefen bis zu sechs Metern. Das Alfred- Wegener-Institut spricht gar von bis zu 35 Meter tiefen Tauchgängen. Eine Minute bleiben die Enten dabei mühelos unter Wasser. Die im Sandboden ausgebuddelten oder von den Steinen gezerrten Muscheln frisst die Eiderente mitsamt der Schale. Sie knackt diese in ihrem starken Kaumagen, verdaut die Muschel und spuckt die Schalen in kleinen Ballen wieder aus. haben. In einer kleinen Mulde errichtet das Weibchen nun aus vorjährigen Pflanzenteilen das Nest und kleidet es nach der Eiablage reichlich mit Daunen aus. Diese sind, wie eingangs erwähnt, dergestalt ineinander verklettet, dass sie einen dichten, windfesten Knäuel bilden, keine 20 Gramm schwer. Die Daunen stammen ausschliesslich von den weiblichen Enten. Vier bis sieben grünlich-graue Eier legt das Weibchen in dieses Nest, es wurden aber schon zwölf Eier gezählt. Brütet das Paar im selben Jahr ein zweites Mal, legt das Weibchen nur noch eines bis drei Eier. Verlässt das Weibchen während der Brut die Eier, bedeckt es diese mit Daunen, um den Wärmeverlust zu vermindern. Die Eier werden während einer Dauer von 25 bis 28 Tagen ausschliesslich vom Weibchen bebrütet, das während dieser Zeit keine Nahrung zu sich nimmt und deshalb während des Ausbrütens bis zu einem Kilogramm Körper gewicht ver- liert. Derweil das Männchen sich zwar immer in der Nähe des Nestes aufhält, sich aber gegen Ende der Brutzeit in Richtung Meer verabschiedet, um mit der Mauser zu be - ginnen. Manchmal, wenn sich Menschen einer brütenden Eiderente behutsam nähern, lassen sie sich von ihnen berühren. Werden sie aber aufgeschreckt, flattern sie eiligst davon und verspritzen einen Kotstrahl, der Fressfeinde wie Falken und Füchse verscheuchen soll. Werden die Eier dabei beschmutzt, zügelt die Ente mitsamt den Eiern zu einem neuen Nistplatz. Sind die Jungen geschlüpft, werden sie vom Weibchen bis in den Spätsommer eng betreut – das Männchen mausert ja gerade auf hoher See. Zum Schutz vor Fressfeinden, zu denen auch die Mantel- und die Silbermöwe gehören, organisieren die Eiderenten ihre Jungen oft in regelrechten Kindergärten, die dann gemeinsam bewacht werden. Mensch und Tier Wie eingangs erwähnt, sind Eiderenten- Daunen seit Jahrhunderten begehrt. Das gedankenlose «Ernten» der Daunen aus den Nestern führte dazu, dass die Eiderente einst auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten stand. Inzwischen haben die Menschen aber gelernt, dass mit den Enten auch ihr beliebtes Kissen-Stopfmaterial ausgerottet würde, darum werden Entendaunen heute nur noch nachhaltig eingesammelt und wie zum Beispiel Baumwolle auf dem Markt mit saisonalen Preisschwankungen gehandelt. Das «eigensinnige Geflügel», wie der deutsche Kissen-Hersteller Stumpf die Eiderente bezeichnet, lässt sich nicht domestizieren. Das bedeutet: Sie brütet in Gefangenschaft nicht oder kaum und kann deshalb nicht in «Daunen-Farmen» gezüchtet werden. Kissen aus Eiderenten-Daunen sind deshalb naturgegeben biologisch und nachhaltig produziert. PolarNEWS Wenn es den Eiderenten arg zu kalt wird, ziehen sie in wärmere Gegenden. Manche sogar bis in die Schweiz. Polar NEWS 55

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