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PolarNEWS Magazin - 8

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Von Rosamaria Kubny

Von Rosamaria Kubny (Text und Bilder) Mitten in der Nacht wird die Fahrt unruhig. Die rauer werdende See ruckelt am Motorschiff «Marina Tsvetaeva» und rüttelt wohl den einen und anderen Fahrgast aus dem Schlaf. Es ist der vierte Tag unserer Reise, das Schiff pflügt sich mit 82 Passagieren durch die Wellen am Kap Dezhnev, der östlichsten Spitze Asiens. Wir fahren in die Beringstrasse ein und werden bald den Polarkreis passieren – endlich wieder arktische Gefilde. Die unruhige See stört mich kein bisschen, denn ich liege seit Stunden wach und kann nicht einschlafen, weil mir die Erlebnisse der letzten Tage im Kopf herumschwirren. Wie Heiner bei unserer Ankunft in Tschukotkas Hauptstadt Anadyr von den Begleitern seines Schneescooter-Trips vor einem halben Jahr wie ein alter Freund begrüsst wurde. Wie der Ölmilliardär Roman Abramowitsch, der bis Juli 08 Gouverneur von Tschukotka war, eigenes Geld in Schulen und Spitäler des Landes investiert. Ich dachte an das faszinierende Gewusel abertausender Vögel am Kap Achen und an die Fuchsfarm in Janrakynnot, wo einst 50’000 Füchse mit Walfleisch gefüttert wurden. Und natürlich an die geheimnisvolle Allee aus zu Bögen aufgestellten Walkiefern auf der Insel Insel Yttigran, von denen heute niemand mehr weiss, warum die so aufgestellt wurden. Skulpturen wie auf der Osterinsel? Das Stonehenge der Inuit? Aber jetzt sind wir endlich wieder in der Arktis... Und irgendwann schlafe ich dann doch noch ein, vielleicht gerade weil das Schiff auf der unruhigen See so angenehm schaukelt. Am nächsten Morgen muss wegen des hohen Seegangs und entsprechender Bran - dung an der Küste eine geplante Anlandung auf der Kolyuchin-Insel verschoben werden, und so steuert unser Expeditionsleiter direkt auf die Wrangel-Insel zu, dem eigentlichen Ziel unserer Reise. Wir geniessen den Tag auf dem Schiff, betrachten die Umgebung, holen etwas Schlaf nach und besuchen am Nachmittag einen Vortrag über die unglückliche Expedition des kanadischen Ent - deckers Vilhjalmur Stefansson zur Wrangel- Insel, die elf seiner 25 Männer das Leben kostete. Dann doch lieber gemütlich auf der «Marina Tsvetaeva»... Geheimnisvolle Insel Während der Nacht hat sich unser Schiff kontinuierlich über die Tschuktschensee nach Nordwesten vorgearbeitet. Gegen 5 Uhr am Morgen erreichen wir den von unserem Expeditionsleiter Franz Gingele bereits angekündigten Treibeisgürtel, der sich quer zu unserer Fahrtrichtung erstreckt. Ein Krachen und Rucken durchfährt das Schiff, wenn es auf die Eisschollen trifft. Kaum sind wir in das Eisfeld eingedrungen, beruhigt sich der Seegang – das viele Eis dämpft die Wellen und ermöglicht nun eine ruhigere, wenn auch bedeutend langsamere und immer wieder vom Krachen des Eises unterbrochene Fahrt. Vermutlich hat der ungewohnte Lärm so manchen etwas früher geweckt, um 6 Uhr tummeln sich bereits viele Gäste an Deck und auf der Brücke, um dieses schöne arktische Schauspiel der Eisfahrt zu geniessen. Immer wieder werden per Feldstecher Eis - bären auf dem Treibeis gesichtet. Kurz bevor wir das Eis verlassen und uns durch offenes Wasser der schemenhaft im Nebel zu er - kennenden Südküste nähern, springt einer sogar recht nahe am Schiff aufgeschreckt ins Wasser und schwimmt davon. Wir fahren ein kleines Stück in westliche Richtung, bevor wir unsere heutige An - lande stelle erreicht haben. Weil das Wasser hier sehr flach ist, müssen wir rund vier Kilometer vor der Küste ankern, was bedeutet, dass uns eine lange Zodiak-Fahrt bevorsteht. Aufgrund des dichten Nebels warten alle Boote am Schiff, um dann gemeinsam als kleine Flottille überzusetzen. Zum ersten Mal betreten wir hier nun den Boden unseres lang ersehnten Reiseziels, Idyllisch schlängeln sich Flüsse über den weichen Grasboden. Sie verleihen der Landschaft eine mystische Atmosphäre. 44 Polar NEWS

Der Nebel hat sich in der frostigen Tempe - ratur der Nacht an den Blüten der Tundra - blumen zu Rauhreifkristallen niedergeschlagen, sehr fotogen und auch sehr flüchtig: ein paar Minuten Sonnenschein, und die Eiskristalle zerfallen wieder zu Wasser. Da wir zum Glück frühzeitig unterwegs sind, kommen wir in den Genuss, diese Eis - blumen auf den Blütenblättern zu bestaunen und natürlich auch zu fotografieren. Schnell gewinnt die Sonne an Kraft: Die Nebelschleier sind bald verscheucht, das grüne Innere der Wrangel-Insel liegt wieder offen vor uns, und wir geniessen den gross - artigen Panoramablick über die sanften Ebenen. Drei Stunden sind wir heute Morgen unterwegs, doch die Zeit vergeht im Fluge. In der Nacht schlägt sich der Nebel auf die Blumen nieder und bildet zig Tausende von Eiskristallen. Die Parade der Tiere Doch es kommt noch besser, denn der Nach - mittag entwickelt sich zu einer regel rechten Tierparade: Kaum haben wir unsere Ankerposition verlassen, sichten wir einen » der Wrangel-Insel. Da wir uns in einem Naturschutzgebiet befinden, das zudem ein äusserst beliebter Aufenthaltsort für Eisbären sein soll, dürfen wir uns nur in kleinen Gruppen fortbewegen: Diese müssen immer eng zusammenbleiben und werden von einem ortskundigen, gegen Eis - bären bewaffneten Ranger geführt. Durch die üppig blühende, bunte Vege tation der arktischen Tundra wandern wir entlang eines kleinen Canyons hinein ins Innere der Insel. Der dichte Nebel gestattet nur eine Sicht von etwa 150 Metern – ideales Jagd - wetter für Eisbären... Je weiter wir uns vom Meer entfernen und je höher wir steigen, desto häufiger reisst der Himmel jedoch auf und lässt immer wieder Sonnen strahlen die Schluchten und Berg hänge bescheinen. Die vom Wind umhergetriebenen Nebel - schwaden verleihen der Szenerie eine mystische Atmosphäre. Auf der Hochebene angekommen, verschwindet der Nebel nun gänzlich, der Aus - blick über das ruhige Tal bis auf die weit ent fernten Bergketten ist frei. Auf unserem Weg finden wir viele Rentiergeweihe. Ich bin hingerissen von dieser Insel, die sich uns heute im besten Sinne zauberhaft präsentiert. Eisblumen auf Blütenblättern Am nächsten Morgen liegen wir bereits ruhig bei Kap Florence vor Anker. Die Sonne scheint durch die Bullaugen. Die Zodiaks werden klargemacht für die An - landung. Heiner und ich ziehen uns warm an für die heutige Wanderung und checken unsere Fotoausrüstungen. Polar NEWS Die Walrosse lassen sich von der Anwesenheit der Menschen in ihrem Reich nicht beirren. Sie lassen sogar die Kajaks ganz nah an sich heran. Die Wrangel-Insel ist 7608 Quadratkilometer gross, der höchste Punkt beträgt 1096 Meter über Meer. Sie ist das nördlichste Weltkulturerbe der Unesco. 45

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