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PolarNEWS Magazin - 8

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Sie sehnen sich nicht

Sie sehnen sich nicht zurück nach diesem intensiven Wahrnehmen? Nein, denn ich bin ja auch froh, wieder zu Hause zu sein, Skitouren zu machen, mich mit normalen Sachen zu beschäftigen... Ich erkenne einfach für mich, dass mein Platz in der Natur ist. Und ich beobachte, wie sich mein Verständnis von Natur verändert. Sie werden ja auch älter... Stimmt, aber das ist nur der eine Teil. Jede Erkenntnis aus einer Expedition führt zu der nächsten, vertiefenden Erkenntnis. Früher habe ich die Natur konsumiert. Ich stand vor einem Berg und schätzte ab: Da komm ich hoch, dort komm ich nicht hoch – soviel kann ich leisten. Im Verlauf der letzten Jahre mit den vielen Reisen in der Natur habe ich dazu gelernt. Die Natur spricht ja auch in ihrer Sprache zu den Menschen und zu mir. Natur wird immer präsenter in meiner Wahr - nehmung. Irgendwann geht es nicht mehr nur um die Leistung an einem Berg, sondern darum, zu erkennen, dass die Natur eine Seele hat, dass zum Beispiel Wetter nicht einfach so passiert. Dieses Wahrnehmen ist sehr subjektiv, das kann man in keinem Buch und in keinem Seminar lernen, sondern nur, indem jeder selber in die Natur rausgeht und lernt zu verstehen. Könnten Sie dafür nicht einfach auch im Wald spazieren gehen? Ich will ja nicht überheblich wirken, aber es ist ein Unterschied, ob ich eine halbe Stunde im Wald spazieren gehe oder 484 Tage am Limit unterwegs bin. Und was macht dann derjenige, der im Wald spazieren geht? Der will sich in der Regel erholen. Klar: Wenn er sich der Natur öffnet, kann der Waldspaziergänger genauso die Natur lernen. Aber es ist ein anderer Lernprozess. Beim Abenteurer kommt die Selbstwahrnehmung seiner Emotionen dazu. Ein Waldwanderer weiss nicht, wie er reagieren wird, wenn er nahe am eigenen Tod ist. Oder einen Toten bergen muss. Er weiss nicht, ob er in einer Gefahrensituation zuerst sich selber retten oder ob er sich zuerst um die anderen kümmern würde. Er weiss nicht, wie er reagieren wird, wenn er an die Grenze der physischen und psychischen Erschöpfung herankommt. Auf einer Expedition geht es auch um Kraft, Willen, Durchsetzungsvermögen. Ein weiterer Unterschied liegt im Zurück - kommen: Darin, was sich nachher im Leben verändert. Haben Sie in der Antarktis die Natur anders wahrgenommen als anderswo? Ja, ganz sicher: Es gab dort noch nie Krieg, es gibt keine Medien, keine Brutalität... Dadurch ist die Antarktis sehr sauber. Das habe ich an keinem anderen Ort der Welt so intensiv erfahren. Sie kennen sicher das Gefühl, wenn man eine Kirche betritt und man spürt die gute Schwingung darin. Die Antarktis ist ein riesiger Kraftort. Leider kann man das in der Antarktis nicht geniessen, denn dort geht es um das reine Überleben. Da hat man keine Zeit, sich wie in einer Kirche hinzusetzen, sich umzusehen und zu staunen und zu geniessen. Eigentlich schade. Nein. Denn genau das ist der Grund, warum die Antarktis so sauber geblieben ist. Diese Reinheit haben Sie in den Bergen nicht erlebt? Nein, denn das ist auch eine Frage, wie lange man unterwegs ist. Gut, vielleicht auf dem Mount Everest, weil ich auf dieser Expe - dition zwei Monate unterwegs war. Aber dort hatte ich wie an allen Bergen den Komfort eines Basislagers mit einem Arzt, mit Trägern und genügend Nahrung. Das hat man in der Antarktis nicht. Wie lange brauchten Sie, um zu Hause wieder «anzukommen»? Es gibt keinen Moment, in dem ich sagen kann: Jetzt habe ich alles geordnet, jetzt kann ich weitermachen. Ordnung haben zum 22 Polar NEWS

Die Ausrüstung wird retabliert. Das Expeditions-Material korrekt zu versorgen, fällt Evelyne Binsack leichter, als ihren Alltag zu Hause wieder zu ordnen. Beispiel meine Nachbarn. Bei ihnen auf dem Bauernhof hat alles seinen Platz, vom Traktor im Unterstand bis zur Grossmutter im Stöckli, und das finde ich grossartig. Ich aber bin ein Nomade, eine Reisende, mein Zuhause ist im Grunde der Himmel. Deshalb gehöre ich nie «dazu», ich werde nie eine Ordnung haben wie meine Nachbarn. Mich zieht es wieder weg, ich muss wieder unterwegs sein, ich will unterwegs all das, was die Schweiz so schön macht, auch vermissen – sogar das Tassli heisser Kaffee am Morgen. Und wenn ich dann zurückkomme und alles wieder schätzen gelernt habe, was ich hier Schönes habe, dann bricht diese Unruhe in mir wieder aus, dann muss ich wieder flüchten. Es ist ein stetes Hin und Her. Sie sind eine Getriebene. Ich sage dem lieber Energie statt Trieb. Diese Energie hat seit Urzeiten das Leben der Menschen und in der Natur bestimmt, sie hat die Entwicklung von Leben und Zivilisation vorangetrieben. Ich spüre diese Energie sehr stark in mir. So gesehen bin ich eine Getriebene, ich werde von der Natur diktiert. Sehnen Sie sich danach, dass dieses Getriebensein irgendwann aufhört? Nein, auf keinen Fall! Nichts tun kann ich, wenn ich im Grab liege, und das kommt noch früh genug... Ich kann sehr gut mit meinem Getriebensein umgehen. Für mich ist das sehr kostbar, denn ich habe gelernt, daraus etwas sehr Konstruktives zu machen, ich kann daraus lernen. Klar, es gibt Momente, in denen ich mich frage, warum ich nicht einfach so sein kann wie die anderen... Und? Es ist ein Entwicklungsprozess, dieser Energie eine grosse Qualität und Dankbarkeit beizumessen. Früher und insbesondere als Frau nahm ich stark wahr, dass ich durch diese Energie anders bin als die anderen. Heute sage ich: Zum Glück bin ich anders, denn so finde ich zu mir selbst, so bin ich ich. » Polar NEWS 23

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