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PolarNEWS Magazin - 8

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Interview Wieder zu

Interview Wieder zu Hause 484 Tage war Evelyne Binsack unterwegs. Wie gewöhnt man sich nach so einer Reise wieder an das Leben daheim? Von Christian Hug (Interview) und Hervé Le Cunff (Bilder) «Weit abgelegen» ist wohl die passendste Bezeichnung für den Ort, wo Evelyne Binsack wohnt: hinter Innertkirchen auf der Susten-Passstrasse Richtung «Boden» und hoch zum Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Es ist still hier, sehr still und grün. Auf dem Stubentisch liegt ein Kalenderbuch, für jeden Tag ein Bild mit Sinnspruch, aber aufgeschlagen ist nicht das aktuelle Datum, sondern der 16. Juni, da steht: «Das Leid ist ein Teil der menschlichen Erfahrung.» Plättliboden, rustikal eingerichtet, gemütlich ist es hier und hell. Im CD-Regal liegen Alben von Oliver Shanti und Vangelis, weit unten die Neue von Züri West. In einer Ecke ist ein Pferdesattel aufgestellt. Hätte Evelyne Binsack in ihrer Jugend im nidwaldnerischen Hergiswil nicht die Leichtathletik, sondern den Pferdesport entdeckt, sie wäre heute vielleicht Olympiagewinnerin im Dressurreiten. So aber ist sie Extremsportlerin geworden, Bergsteigerin, Abenteurerin, Expediteurin und, nebenbei, Helikopterpilotin. Die Eiger - nordwand hat sie im Winter und fürs Fern - sehen durchstiegen. Innerhalb eines einzigen Jahres stand sie auf neun Sechs tausendern. Einmal war sie auf dem Mount Everest. Eine zweite Expedition auf den höchsten Berg der Erde scheiterte. Ihr grösstes Abenteuer war 2006 bis 2008 die Expedition Antarctica: alleine und aus eigener Kraft von der Haustür in Innertkirchen mit dem Velo durch die USA zur Südspitze von Südamerika hinunter und zu Fuss weiter durch die Antarktis bis zum Südpol. 484 Tage war sie unterwegs, und als wieder im Berner Oberland ankam, war sie nicht mehr dieselbe. Ein Gespräch über das Nach-Hause-Kommen und das Fortgehen- Müssen, über das Anders-Sein und die Antarktis. 20 Polar NEWS

Wie meinen Sie das? Die Expedition selber hat ja auch einen Alltag, das ergibt sich in eineinhalb Jahren des Unterwegs-Seins. Die Expedition wird zu meinem Leben. Und daraus werde ich herausgerissen, wenn ich wieder nach Hause gehe. Ich musste mich also an den Alltag des Zuhause-Seins genauso angewöhnen, wie ich mich vorher an den Alltag des Unterwegs- Seins gewöhnen musste. Ist das denn so schwer? Schliesslich sind Sie ja mehr zu Hause als unterwegs? Ich kann nach so einer Expedition nicht mehr dasselbe Leben führen wie davor, denn die Reise hat mich verändert. Die Kunst des Nach-Hause-Kommens liegt also darin, wieder gesellschaftsfähig zu werden. Nach aussen sah man mir das zwar nicht an. Aber in mir drin arbeitete es heftig, und das war nicht immer angenehm. Was genau war unangenehm? Ein Beispiel: der Lärmpegel in der Schweiz. Es ist normal, dass Leute in einem Restaurant miteinander reden. Überall läuft Musik im Hintergrund, irgendwo surrt immer ein Kühlschrank oder ein Ventilator. Ich empfand diesen Lärmpegel als regelrechte Lärmver - seuchung, mir brannten in einem Restaurant jedes Mal nach zwanzig Minuten die Siche - rungen durch. Jeder Reisende hegt Erwartungen. Was wollten Sie von der Expedition Antarctica mit nach Hause nehmen? Wenn ich das schon wüsste, bevor eine Ex - pedition losgeht, müsste ich gar nicht mehr aufbrechen. Was eine Expedition für mich bedeutet und wie viel ich in die Reise investieren muss, das sind alles unbeantwortete Fragen. Und um genau das herauszufinden, gehe ich ja. Es ist ein Lernprozess. Das wird Ihnen erst klar, wenn Sie am Ziel ankommen? Als ich den Südpol erreichte, machte es nicht einfach bling – und alles war mir klar... Auf einer Expedition wie Antarctica liegt die Kunst des Überlebens darin, absolut im Hier und Jetzt zu sein, denn es ist eine Reise am Limit: Ich muss in jedem Moment wach und aufmerksam sein, ich muss in jeder neuen Situation schnell und vor allem richtig entscheiden, weil jeder Fehlentscheid meinen Tod bedeuten kann. Es wäre deshalb mein Untergang, wenn ich mir unterwegs ausrechnen würde, wie lange ich noch unterwegs sein werde. Ich kann nicht mal auf einen Tag hinaus planen, sondern höchstens eine Stunde voraus denken. Und als ich schliesslich am Südpol ankam, war ich in dieser Denk- und Lebensweise so gut geschult, dass ich erstmal einfach nur ankam. Antworten auf die Frage, was mir diese Expedition gebracht hat, fand ich erst, als ich wieder zu Hause war. Bei einem Fondue in der gemütlichen, warmen Stube? Es dauerte Wochen, bis ich wieder in meinem vorherigen Leben angekommen war. Ich musste alles wieder neu ordnen. Es brauchte viele alltägliche Situationen, um den Alltag der Expedition beurteilen zu können. Eine harte Umgewöhnung... Richtig. Noch mehr zu schaffen machte und macht mir die allgegenwärtige Aggression: Dadurch, dass ich unterwegs so lange alleine war, dass ich so intensiv und aufmerksam mit der Natur lebte, wurde ich extrem sensibel in der Wahrnehmung meiner Umgebung. Diese Sensibilität führte dazu, dass ich heute negative Botschaften kaum mehr ertrage. Schlechte Nachrichten in der «Tagesschau», wenn jemand über einen anderen schlecht spricht, und sogar die Zeitungs-Schlagzeilen am Kiosk. Grauenhaft. Wie gehen Sie damit um? Man muss diese Sensibilität wieder «verlieren». Man muss sie, bildlich gesprochen, in die Besenkammer stellen. Denn hier in der Schweiz muss ich im Alltag bestehen, ich muss meinen Lebensunterhalt verdienen. Meine Sensibilität kann ich erst wieder herausnehmen, wenn ich wieder auf Expedition gehe. Ärgert Sie das? Nein, eigentlich nicht. Denn ich habe gelernt, diese Sensibilität nicht zu werten: Das eine hat seinen Vorteil hier, und das andere hat seinen Vorteil dort. Trotzdem bin natürlich sehr dankbar für diese Sensibilität. » Polar NEWS 21

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