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PolarNEWS Magazin - 8

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Packeis in der

Packeis in der Davisstrasse und der Baffin Bay in Gebieten, in denen grosse Mengen des bodenbewohnenden Plattfisches Schwarzer Heilbutt (Reinhardtius hippoglossoides) vorkommen. Wo allerdings die Wale aus Ostgrönland und Spitzbergen den Winter verbringen, ist noch ungeklärt. Beobachtungen lassen vermuten, dass sie sich in der winterlichen Grönlandsee aufhalten könnten. Frisst er Heilbutt? Narwale scheinen im Sommer eher wenig Nahrung aufzunehmen. Als umso bedeutungsvoller werden die Überwinterungsgebiete angesehen: Dort haben Zoologen intensive Nahrungsaufnahme dokumentiert, und man geht deshalb davon aus, dass Narwale den grössten Teil ihres jährlichen Energie - bedarfs in der winterlichen Baffin Bay durch die Jagd auf den Schwarzen Heilbutt decken. Man hat festgestellt, dass die Narwale im Winterquartier zwischen Ende Oktober und April häufig bis in Tiefen von über 800 Metern hinabtauchen. Genau dort halten sich auch die meisten Heilbutte auf. Aus dieser Begehrte Trophäe: Narwal-Zähne sind härter als Elfenbein, werden bis zu 2,7 Meter lang und wiegen bis zu zehn Kilogramm. rein wissenschaftlichen Er kenntnis ergibt sich ein Problem: Kaum sind nämlich mit dem heraufziehenden Frühling die Narwale wieder weg, besetzen die Fangschiffe der Heil butt-Fischer die Bühne. Die intensive kommerzielle Fischerei hat dem Schwarzen Heilbutt in der Baffin Bay bereits stark zugesetzt, seine Bestände sind eingebrochen. Und somit ist man daran, den Narwalen ihre Nahrungsgrundlage zu rauben... Die kommerzielle Überfischung der Beute - tiere des Narwales ist jedoch leider nur einer der Gründe, unter denen die Bestände der Narwale in den letzten Jahrzehnten zu leiden hatten. Die andere Bedrohung ist die Jagd. Seit Urzeiten stellte der Narwal für die Inuit- Völker in Nordostkanada und Grönland eine wichtige Nahrungsressource dar. Die grosse Bedeutung des Narwals lässt sich zum Bei - spiel auch daran ermessen, dass die kanadischen Inuit allein sieben verschiedene Be - zeichnungen für den Narwal kennen, welche männliche und weibliche Tiere unterschiedlicher Farbnuancen, mit kleinem oder längerem oder breiterem Zahn usw. unterscheiden. Man verarbeitete das ganze Tier und gewann so neben Nahrung und Brennstoff auch wertvolle Rohstoffe. Ein Viertel des Wales besteht aus essbarem Fleisch, 10 Prozent aus essbarer Haut, die Maq - taq (auch Muktuk, Maktaq) genannt wird und als Delikatesse gilt, besonders wenn sie von jungen Nar - walen stammt. Maqtaq liefert viele Kalorien und ist reich an Vita - min C, Zink und anderen wertvollen Stoffen. Ein Drittel des Tieres macht die Fettschicht aus, der Blubber, aus dem das Walöl gewonnen wurde. Die Sehnen lieferten Zwirn zum Nähen, und der markante Zahn diente als Zeltstange, Wander - stab oder zur Her - stellung von Jagdge - räten. Die Jagd selbst und das Aufteilen der Beute unter den Mit gliedern einer Dorf ge mein - schaft hatte eine grosse soziale und kulturelle Be deutung für die Inuit. Die historische Be darfs deckungswirtschaft, bei der die Tiere nur zur Deckung des unmittelbaren Eigen - konsums erlegt wurden, wirkte sich noch nicht negativ auf die Bestände aus. Erst die Schnellboote und Präzisionsgewehre der modernen Zeit – gepaart mit dem Nieder - gang traditioneller Werte – ziehen verheerende Folgen nach sich. Im langjährigen Durchschnitt wurden seit 1977 in der Region Baffin Bay, einschliesslich der Westküste Grönlands, jedes Jahr 842 Narwale erlegt. Das ist die offizielle Zahl – unberücksichtigt bleibt eine unbekannte, aber sicherlich (sehr) hohe Zahl von gejagten Narwalen, die den Behörden erst gar nicht gemeldet werden, angeschossen entfliehen konnten oder tödlich getroffen wurden, von den Jägern aber nicht geborgen werden konnten. Nach Schätzungen von Fachleuten gehen auf diese Weise für je 100 erfolgreich erlegte Narwale zwischen 20 und 50 Tiere verloren. Zudem weisen ein bis zwei Fünftel der erlegten Wale alte Schusswunden auf. Die Narwaljagd dient heute auch ganz anderen Zwecken; die Ernährung steht dabei nicht mehr im Mittelpunkt. Obwohl Maqtaq aus der Haut der dunkel gefärbten Jungwale weiterhin ein kulinarischer Renner ist (das Fleisch hingegen wird kaum mehr gegessen und oft den Hunden verfüttert), haben es die Jäger heute auf den Zahn der Männchen abgesehen. Jagd auf den Zahn Dieses Elfenbein hat auf internationalen Märkten einen hohen Wert und verführt die Jäger unter wirtschaftlichem Druck dazu, hauptsächlich Männchen mit langen Zähnen zu erlegen. Heute müsste der Narwal, das alte «See- Einhorn», dringender denn je und engagierter geschützt werden. Die Weltnatur schutz - union IUCN hat diesen arktischen Zahnwal zusammen mit seinem Artverwandten, dem Beluga, als «gering gefährdet» eingestuft und reagierte damit auf dramatische Bestandsabnahmen in Kanada und Grönland bedingt durch Jagd, kommerziellen Fischfang, Umweltgifte, Störungen und Klimaveränderung. Das Problem, vor das der Narwal die Wissenschaft stellt, ist seine schwierige Auffindbarkeit. Er lässt sich kaum zählen, hält sich halbstundenweise unter Wasser auf, bewohnt die rauen, abgelegenen arktischen Meere und zeigt sich nicht südlich des 60. Breitengrades. Nicht verwunderlich, existieren keinerlei gesicherte Angaben darüber, wo wie viele Narwale leben; Schätzungen schwanken zwischen rund 40’000 und 70’000 Tieren. Lange Zeit sah es so aus, als ob diese paar zehntausend Narwale ihren Mythos nicht 14 Polar NEWS

Bilder: Sutter, Wildlife Pictures, NHPA Wie alle Wale leben auch die Narwale gerne in grossen Gruppen. Ob von ihnen auch Einzelgänger unterwegs sind, weiss man nicht. abstreifen können: Noch im 19. Jahrhundert hatte jede bessere Apotheke das Einhorn - pulver Alicorn an Lager – den Spitzzahn des männlichen Narwals hatte man in Mittel - europa als das Horn des Einhorns ange - sehen. Zu Pulver zerrieben, wurden ihm eine entgiftende Wirkung und Zauberkräfte nachgesagt. Ein Becher aus diesem Horn ge schnitzt, schützte vor Vergiftungen, was natürlich mittelalterliche Herrscher sehr zu schätzen wussten. So soll unter anderen Karl der Kühne Besitzer solcher Becher gewesen sein. Die Existenz von Einhörnern war lange schwierig anzuzweifeln, denn schliesslich war dieses Fabelwesen sogar im Alten Testament erwähnt. Dorthin gelangte es allerdings nur wegen eines Übersetzungsfehlers durch die gestressten Gelehrten des ägyptischen Königs Ptolemäus II., die nur 72 Tage Zeit hatten, eine griechische Übersetzung der Heiligen Schrift zu verfassen. Sie machten im 3. Jahrhundert vor Christus aus dem Auerochsen einen «Monokeros», ein Einhorn, denn dieses war damals schon gute 500 Jahre lang bekannt, was wiederum einem griechischen Arzt zu verdanken war. Dieser hatte von einer seltsamen Kreatur in Indien berichtet, einem wilden Esel mit einem 1,5 Ellen langen, Heil spendenden Horn auf der Stirne. Erst eine Aussage des römischen Gelehrten Aelianus ums Jahr 200 n. Chr. brachte den Narwal mit dem Fabelwesen Einhorn in Verbindung; jener Römer beschrieb das Horn des Einhorns als eine Spirale – und endlich hatte man für ein nicht existierendes Fabeltier einen realen Ersatz gefunden, den Narwal mit seinem eigentümlichen Zahn. Dieses «Horn» erlangte grossen Wert. Es wurde fortan zur Zahlung von Schulden verwendet. Die kostbarsten Pontifikalstäbe der Bischöfe waren aus dem Narwalzahn gefertigt. Die «Hand der Gerechtigkeit», das Zepter der französischen Könige (main de justice), besteht aus «Ainkhürn», dem Einhorn, ebenso wie das österreichische Zepter. Im Schloss Rosenborg in Kopen - hagen steht heute noch der Thron der dänischen Könige, der zwischen 1671 und 1840 bei Krönungszeremonien zum Einsatz kam – auch er aus den Zähnen von Narwalen hergestellt. Wozu dient der Zahn? Ein solcher Zahn, wie ihn die männlichen Nar wale tragen (und etwa jedes sechste Weibchen), ist schlicht einmalig unter den Walen. Während der linke der oberen, äusseren Schneidezähne als Spitzzahn geradeaus wächst und die Oberlippe durchstösst, verkümmert der andere oder wird nur 20 bis 30 Zentimeter lang. Der Zahn (manchmal sind es auch zwei) wächst immer gerade, ist schraubenförmig mit Linksdrall gedreht und läuft vorne spitz zu. Aus der Nähe betrachtet, gleicht die Struktur derjenigen eines Seils oder Taus. Er kann 1,5 bis 2,7 Meter lang werden, mit einem Basisdurchmesser von 5 bis 10 Zentimeter. Als Zahn ist er einiges härter als das Elfenbein eines Elefanten Wozu aber trägt ein Meeressäuger ein solch unpraktisch erscheinendes Ding auf der Nase? Noch niemand hat die Anzahl Theorien gezählt, mit denen Zweck und Funktion eines solchen Zahnes erklärt werden wollten. Da ist die Rede von Waffe, von Hierarchie-Abzeichen der Männchen, Instrument zum Eisbrechen, Temperatur - regulator, Grabwerk zeug usw. Eines der aktuellsten Forschungsresultate zeigt auf, dass der Narwalzahn als hydrodynamischer Sensor eingesetzt werden kann, weil er offenbar eine sehr empfindliche Ober - fläche besitzt mit direkten Verbin d ungen zum Nervensystem. Damit könne der Wal Ver - änderungen bei Wassertemperatur, Druck und Salzgehalt wahrnehmen, heisst es in der Studie. Bei der wissenschaftlichen Erforschung des Narwals bleibt noch viel zu tun. Manchmal wird man jedoch den Eindruck nicht los, dass selbst kühl analysierende Forscher wie auch wir als naturliebende Laien und Wal - beobachter in unserem Hinterkopf die kollektive Erinnerung an das Einhorn der Mythen nicht ganz verdrängen können. PolarNEWS Narwal-Webtipp Im Internet kann man 24 mit Satelliten - sendern bestückte Narwale vor der Küste der kanadischen Baffininsel auf ihren Zug - be wegungen verfolgen (Sprachwahl Eng - lisch/Dänisch): http://narwhal.trackit.cubitech.dk Polar NEWS 15

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