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PolarNEWS Magazin - 7

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Ankunft in Uelkal nach

Ankunft in Uelkal nach einem anstrengenden Tag: Neugierig drängen sich die Einheimischen um die Motorschlitten und Kettenfahrzeuge. Deutschland, sie beide sprechen Russisch. Mit ihnen werde ich mich, schon der Sprache wegen, vermehrt unterhalten. Kaum zu übersehen und wichtig zu erwähnen ist die junge, ausgesprochen hübsche Russin Julia Snegur. Sie ist vor sieben Jahren nach Frankreich übersiedelt und leitet bei einem Pariser Reiseveranstalter die Russlandabteilung. Julia wird uns mit ihrem Temperament und ihren Ideen während der Reise ständig auf Trab halten. Nach dem Mittagessen kriegen wir Over - alls, Helme und weitere Ausrüstung ausgehändigt. Es folgt eine Schulung über Fahr - verhalten, Rücksichtnahme gegenüber den anderen Teilnehmern sowie über das An - zeigen von Hindernissen für das nachfolgende Fahrzeug. Dann endlich der praktische Teil mit den motorisierten Schnee - schlitten, auf denen wir in den folgenden Tagen das Land erkunden werden. Auf einer Strecke von 35 Kilometern dürfen wir erstmals unsere Ausrüstung testen und unsere Fahrkünste zeigen. Doch kaum auf dem Sitz, bricht in meinem Schlittenpartner Igor das Rennfieber aus. Im wilden Galopp fliegt er förmlich mit dem Schneemobil über Buckel und Unebenheiten. Ich werde so richtig durchgeschüttelt, und mein Genick, Gesäss und einige andere Knochen schreien vor Schmerz. Das fängt ja gut an... Am Abend versuche ich, Igor bei Wodka zu optimieren. Er verspricht Besserung. Wir gehen früh zu Bett, schliesslich steht morgen die erste Etappe an, die mit 190 Kilometern Distanz einiges verspricht. Am nächsten Morgen geht’s schon früh los: 7.00 Uhr Tagwacht, 8.00 Uhr Frühstück, um 9.00 Uhr sitzen wir auf den Skidoos, den Schneemobilen. Uns steht eine Etappe von 34 190 Kilometern von Anadyr nach Uelkal bevor, das sind neun bis zehn Stunden Fahrt bei -21 Grad und herrlichem Sonnenschein. Endlich geht’s los. Ich fühle mich wie der letzte grosse Abenteurer und bin ganz kribbelig vor Aufregung, zumal ich vorher noch nie auf einem Motorschlitten gefahren bin. Gut vermummt und in flottem Tempo fahren wir nordwärts. Und los gehtʼs Unser Tross besteht aus neun Motorschlitten und zwei russischen Ketten fahr zeugen des Typs GAS-71. Gelegentlich kommt uns ein anderes Fahrzeug entgegen, zum Teil grosse Lastwagen, die mit Containern beladen sind. Die Verbindung auf dem Landweg von Anadyr nach Uelkal und weiter nach Egvekinot ist nur im Winter möglich, weil dann der Boden, die Seen und die Flussläufe gefroren sind. Im Sommer besteht die Verbindung ausschliesslich per Schiff und Flugzeug. Jede volle Stunde legen wir einen kurzen Stopp ein, nach fünf Stunden gibt’s Mittag - essen. Die Fahrt durch die wunderschöne, frisch verschneite Gegend lässt uns die An - streng ung und die Kälte vergessen. Die Tundra ist eine unruhige, hügelige Landschaft mit wenig Schnee: Der liegt nur etwa 30 Zentimeter hoch auf dem Boden, überall ragen Steine und Sträucher heraus. Die Büsche tragen bereits Knospen: Sie bereiten sich auf den bevorstehenden Sommer vor, und der ist so kurz, dass alles schnell blühen muss, wenn’s soweit ist. Der Schnee ist übersät mit Tierspuren, einige Tiere sehen wir sogar, vor allem Schnee - hasen und Rentiere. Eine betörend wilde Landschaft! Nach zehn Stunden erreichen wir ziemlich erledigt Uelkal, einen kleinen, gottverlassenen Ort an der Küste der Beringsee. Hier scheint die Zeit stehen geblieben. Die 240 Einwohner sind schon vor Tagen über unser Kommen informiert worden. Als wir ins Dorf einfahren, werden wir winkend empfangen, einige Kinder rennen zwischen den Schlitten unseres Konvois hin und her. Hier waren offensichtlich schon lange keine Fremden mehr im Dorf... Im Gemeinschaftszentrum werden wir bereits erwartet. Einige Frauen haben ein Im warmen Schutzanzug unterwegs nach Egvekinot durch die unb Polar NEWS

Zwei Kettenfahrzeuge transportieren Ausrüstung und Gepäck. Unterwegs entdecken wir die Trümmer eines abgestürzten russischen Kampfjets. einfaches Nachtessen zubereitet. Ich fühle mich hier als Gast unter Menschen, die es nicht einfach haben, den schwierigen Ver - hältnissen zu trotzen. Nach dem Essen plaudern wir zwar noch ein wenig über den vergangenen Tag, aber schon bald sucht sich im Gemeinschaftszentrum jeder einen geeigneten Ruheplatz für seine müden Knochen. Patrice schläft unter dem Billard tisch, ich hinter der letzten Reihe der Theater - saalbestuhlung. Igor, der Rallye-Fahrer, fällt wieder aus dem Rahmen, er schläft auf der Bühne hinter einem roten Vorhang. Vielleicht träumt er von Hamlet. Am nächsten Morgen werden wir russisch geweckt: 7.00 Uhr: für 20 Sekunden ertönt aus einem Lautsprecher Musik, danach herrscht wieder Ruhe. Der Spuk wiederholt sich nun alle fünf Minuten bis 7.30 Uhr. Jetzt tritt der Bürgermeister der Gemeinde in Erscheinung. Er kommt in den Saal und schaltet für 10 Sekunden das Licht ein, da - erührte Tundra: So weit das Auge reicht, sind die Bahnen unserer Motorschlitten die einzigen Spuren von Menschen. nach ist es wieder dunkel. Derselbe Rhyth - mus wie mit der Musik wird auch mit dem Licht eingehalten. Spätestens nach der zweiten Hell-Dunkel-Phase sind alle wach, nun kann das Frühstück serviert werden. Entlang der Küste Draussen beladen wir die Fahrzeuge, ich mache noch einige Fotos von den bereits wieder anwesenden Kindern. Dann starten wir zur zweiten Etappe nach Egvekinot. Diesmal beträgt die Distanz 110 Kilometer, die ersten 40 verlaufen entlang der Küste, der Rest auf dem gefrorenen Meer. Ausserhalb von Uelkal geht’s vorbei an riesigen Radaranlagen, die seit dem Ende des kalten Krieges nicht mehr benötigt werden. Wenig später stoppt der Tross abrupt. Vor uns, keine 20 Meter entfernt, sitzt ein Schnee - hase verschlafen vor seiner Höhle. Foto - apparate werden ausgepackt und der Hase auf Film und Speicherkarte gebannt. Er ist der Star des Tages! Erst als wir uns ihm bis auf eine Distanz von zehn Meter nähern, hüpft er seelenruhig davon. Nach fünf Stunden rasanter Fahrt erreichen wir Egvekinot, dessen Hafen zu dieser Jahreszeit geschlossen ist. Unnütz stecken die Schiffe im Eis der zugefrorenen Hafen - anlage fest. Wir halten kurz an, um Fotos zu machen. Egvekinot ist im Winter nur über den Landweg zu erreichen, im Sommer, wenn die aufgetauten Böden sumpfig sind, nur per Schiff. Gelegentlich landen auf dem kleinen Flugplatz Flugzeuge aus der Hauptstadt Anadyr. » Polar NEWS 35

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