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PolarNEWS Magazin - 7

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dem Rettungsboot für

dem Rettungsboot für 200 Dollar. Das ist schon mal ein Anfang. Kaum in Punta Arenas angekommen, geht der ganz grosse Medienrummel los. General die Möglichkeit geben, ein schönes Bild in die Presse zu bringen. Dass genau dieses Bild später um die Welt gehen würde, kann ich ja nicht ahnen... Schon als wir in Punta Arenas ankommen, wirft sich die gesamte versammelte Presse meute auf das dänische Pärchen, natürlich mit dem wohlwollenden General daneben stehend, der seine Popularität stündlich wachsen sieht. Im Flughafengebäude begrüsst uns die Stellvertreterin der Präsidentin der Nation, und schliesslich werden wir zu einem guten Hotel an der Maghelanstrait gefahren. Jetzt kommen neue Sorgen auf uns zu: Wir haben keinen Rappen Bargeld und keine Kredit - karten. Was tun? Vor dem Hotel steht die Reportermeute. Ich gewähre der Reporterin der englischen Boulevardzeitung «Sun» ein Interview und verkaufe ihr meine Bilder aus Zurück nach Hause Die Leute des Reiseveranstalters GAP (Great Adventure People; den Namen haben sie verdient, auch wenn sie nicht jedes Mal ein Schiff versenken können) machen einen fantastischen Job: Hundert Leute müssen heute Abend untergebracht und verpflegt werden. Die meisten von ihnen haben nicht einmal Schuhe, da sie in den kniehohen Wellington- Boots im Boot sassen. Alle wollen sie ihre Lieben informieren. Praktisch keiner hat Geld oder Kreditkarten. Jeder hat andere Bedürfnisse, Wünsche und An sprüche. Und morgen früh wird bereits die zweite Hälfte der Passagiere mit der Herkules eingeflogen. Beim Nachtessen kommt der Kapitän der «Explorer», der als letzter von Bord gegangen war, ins Restaurant. Er wird jubelnd begrüsst und beklatscht, alle mögen ihn und alle wissen, dass er eine schwierige Zeit vor sich hat. Am nächsten Tag, es ist ein Sonntag, erhalten wir die Möglichkeit, die notwendigsten Dinge einzukaufen. Alle Geschäfte in Punta Arenas sind heute geschlossen, aber die GAP hat erreicht, dass ein Warenhaus ausschliesslich für uns das Verkaufspersonal zusammentrommelt und seine Türen öffnet. Mit Kleinbussen werden wir gruppenweise hingefahren. Wir benötigen vor allem Schuhe, Socken, Toilettenartikel, Gepäckstücke, Lesebrillen, Hemden und T-Shirts Der Flug in der Herkules dauert drei Stunden. Es ist sehr eng. Aber das stört niemanden. Peter Kunz Peter Kunz, 70, wohnt mit seiner Partner in Dora Senn in Zürich. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er als Versicherungsberater bei der «Zürich», seither frönt er mit Dora dem gemeinsamen Hobby Reisen. Ihr Trip mit der «Explorer» war nicht Peters erster Ausflug in die Antarktis. Aber sicher sein auf regendster. oder eine Jacke. Ein Arzt steht zur Verfügung und stellt Rezepte aus. Gestaffelt fliegen die Leute nun nach Hause, die meisten über Santiago und von dort weiter an die Zieldestination. Alle Tickets müssen neu gebucht werden. Nach zwei Tagen ist weit über die Hälfte der Leute bereits ausgeflogen, Dora und ich sind inzwischen in Buenos Aires angekommen. Hier warten wir im Hotel auf den Weiterflug nach Zürich. In Punta Arenas sind noch die zumeist philippinischen Besatzungsmitglieder zurückgeblieben. Sie sind sehr frustriert und traurig. Einige arbeiteten schon seit Jahren auf der «Explorer»; jetzt haben sie keine Stelle mehr, müssen nach Hause, und es ist schwierig, wieder einen Job zu kriegen, besonders einen so guten auf einem Schiff. In Buenos Aires empfängt uns der Schweizer Botschafter; wir erhalten ein paar hundert Franken «Notgeld». Nun können wir noch einige Einkäufe machen. Wir freuen uns, bald wieder zu Hause zu sein. Was wir erlebt haben, kommt mir vor wie ein Traum, und ich denke: unglaublich! Ich bin sehr dankbar, dass wir diesen Unfall nicht mit dem Leben bezahlt haben. So schnell hätte es vorbei sein können. Und trotzdem: Was wir bisher von der Antarktis gesehen haben, war so faszinierend, dass wir auf jeden Fall so bald wie möglich nochmals hin wollen. PolarNEWS 24 Polar NEWS

Rettung Arne Kertelhein begleitet als Wissenschaftler Schiffsreisen in alle Welt, vorzugsweise in polare Gegenden. Als die «Explorer» unterging, befand er sich auf der «Nordnorge» und beteiligte sich an der Bergung der Schiff brüchigen. Hier sein Bericht aus der Sicht des Retters. Ich war in der Nacht wach ge - worden und hatte aus dem Fenster geschaut, um schon mal die Wetterverhältnisse des neuen Tages zu begutachten. Dabei wunderte ich mich, dass wir recht gute Fahrt machten und scheinbar auf dem offenen Meer unterwegs waren. Nach dem wir gestern Nach mittag Halfmoon Island bei Livingston Island auf den Südshetlands besucht hatten und für heute Vormittag nur Yankee Harbour auf der anderen Seite der McFarlane Strait auf dem Programm stand, war das sehr merkwürdig, schliesslich war das keine grosse Ent fernung, man kann da sozusagen hin - sehen. Kurz darauf – es wird etwa 3:30 Uhr gewesen sein – klingelte mein Telefon. Marco, ein Kollege aus dem Expeditions team, sagte nur knapp: «Die „Explorer“ sinkt. Mach dich fertig und komm auf die Brücke.» Nun war mir klar, warum wir nicht mehr auf unserer Position waren. Auf der Brücke besprachen der Kapitän, einige Offiziere und unser Expeditionsleiter die Situation. Schon gegen 2:00 Uhr hatten sie den Hilferuf der «Explorer» empfangen und sich sofort auf den Weg gemacht. Die «Nordnorge» fuhr mit Höchstgeschwindigkeit, da man wusste, dass Passagiere und Crew die «Explorer» bereits verlassen hatten und in den Rettungsbooten auf Hilfe warteten. Aber trotzdem würden wir nicht vor 7:00 Uhr am mehr als 150 Kilometer entfernten Un - glücksort südöstlich von King George Island eintreffen können – genug Zeit aber auch, um das weitere Vorgehen genau zu planen. Wir wussten, dass auch die «Endeavour» auf dem Weg zum Havaristen war, aber sie war nicht so schnell wie wir. Bald konnten wir sie sehen und hatten sie dann auch recht schnell eingeholt. Wir würden also als erstes Schiff bei der «Explorer» sein und uns um die Schiff - brüchigen kümmern müssen. Natürlich spekulierten wir auch eifrig darüber, wie es zu einem solchen Unglück hatte kommen können, denn die See war in dieser Nacht nicht besonders rauh gewesen – und dass hier Eis im Wasser treibt, ist ja auch bekannt, die Schiffe sind entsprechend verstärkt und ausgerüstet. Wir mussten noch ein grosses Treibeisfeld umrunden und hielten dann eifrig Aus - schau nach einem Schiff. Schliess lich konnten wir die «Explorer» entfernt im Morgen - dunst ausmachen: Das Schiff hatte schon recht stark Schlag - seite, und in einiger Entfernung dümpelten die Rettungsboote und Zodiaks auf den Wellen. Das war ein Anblick, bei dem mir mulmig wurde. Umgeben von all der modernen Technik der Schiffe glaubt man sich doch recht sicher und absolviert die obligatorische Rettungs - übung am Beginn jeder Fahrt in der Meinung, dass es einen wirklichen Ernstfall nie geben wird. Aber hier schaukelten nun 150 durchgefrorene Menschen fernab vom Land zwischen den Eisbergen neben ihrem sinkenden Schiff in diesen absolut altertümlichen offenen Rettungsbooten... Wenn das Wetter nicht so ruhig gewesen wäre, hätte man in den scheinbar manöv - rier unfähigen Booten (sie muss - ten von den Zodiaks geschleppt werden) eine noch wesentlich schlimmere Zeit durchlebt. Um die Schiffbrüchigen möglichst schnell aufnehmen zu können, liessen wir eins unserer Rettungsboote zu Wasser, die Zodiaks manövrierten ein Rettungs boot nach dem anderen längsseits, die Leute kletterten herüber, und dann schwebten sie wie mit einem Fahrstuhl rauf auf Deck 5. Von hier ging es in den Panorama-Salon, wo die neuen Gäste mit warmen Decken versehen und verpflegt wurden. Die meisten machten trotz der langen Zeit in den Booten einen munteren Eindruck, niemand war ernsthaft verletzt oder bedrohlich geschwächt. Als alle an Bord waren, drehten wir noch eine Abschiedsrunde um die sich immer weiter auf die Seite neigende «Explorer». Die geretteten Passagiere hatten nichts mitnehmen können ausser der Kleidung, die sie am Leibe trugen, und ich dachte etwas wehmütig daran, wie viele erstklassige Kameraaus rüst un - gen dort nun demnächst auf den Grund des Meeres sinken würden... Anschliessend machten wir uns dann auf den Weg zur chilenischen Basis auf King George Island, von wo aus die Schiff - brüchigen am nächsten Tag ausgeflogen werden sollten. Das Unglück hatte sich in der Welt sehr rasch herumgesprochen, ständig riefen Journalisten in unserem Büro an, aber der Kapitän hatte ein generelles Telefon- und Internetverbot erlassen, da er die verfügbare Sendekapazität brauchte, um die weiteren Rettungsmassnahmen mit den chilenischen, argentinischen und britischen Behörden zu koordinieren. Alle drei Länder beanspruchen nämlich dieses Territorium der Antarktis für sich und meinten somit allein zuständig zu sein – was die Sache sicher nicht vereinfachte. Unsere Gäste auf der «Nord - norge» akzeptierten den geänderten Tagesablauf ohne Murren, denn schliesslich war allen klar, dass man in einer solchen Notsituation ohne Dis kussion zu aller Hilfe verpflichtet war – viele gaben den durchgefrorenen und nassen «Explorer»-Gästen etwas von ihrer Kleidung ab. Ausserdem würde es Pinguin - kolonien ja auch noch am nächsten Tag geben: Die sinkende «Explorer» aber war ein dramatischer Anblick, den man so ähnlich sicher nicht noch einmal erleben würde. Vor diesem Tag hatte ich es immer besonders genossen, wenn wir weit und breit das einzige Schiff in antarktischen oder arktischen Gewässern gewesen waren. Allerdings ist dann auch niemand in der Nähe, der einem zu Hilfe kommen kann... Da sieht man die anderen Schiffe nach so einem Erlebnis doch auch mit anderen Augen! Arne Kertelhein Polar NEWS 25

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