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PolarNEWS Magazin - 6

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Von Rosamaria Kubny

Von Rosamaria Kubny (Text und Bilder) Samstag, 7. Juli 2007: Die Anreisen gleichen sich: Gestern sind wir von Zürich nach Oslo und weiter nach Longyearbyen geflogen und dort ein paar Stunden rumgelungert, bevor wir einschifften. Die «Professor Multanovskiy» ist ein ehemaliges Forschungsschiff mit Eisklasse A mit nur 4,5 Meter Tiefgang, damit es möglichst weit in flaches Gewässer manövrieren kann. 71,6 Meter lang, 12,8 Meter breit und 2140 Tonnen schwer. 50 Passagiere finden darauf mit der 20-köpfigen Besatzung Platz. Bevor wir das Pier verliessen, wurden wir von unserer Expeditionsleiterin Monika Schillat, den beiden Guides Valeska Seifert und Philipp Schaudy sowie unserem «Hotelmanager» Charly Gores begrüsst und in das Leben auf dem Schiff eingewiesen – inklusive der obligaten Seenot-Rettungsübung. Heute morgen sind wir bereit für unseren ersten Landgang und steigen bei leichtem Seegang die Gangway hinunter in die Zodiacs. Unser Guide und der russische Fahrer manövrieren uns gekonnt entlang von Vogelfelsen und bis nahe an die Front des 14.-Juli-Gletschers, eine Gletscherzunge, die über mehrere hundert Meter ins Meer kalbt. Bartrobben liegen faul auf Eisschollen und beobachten uns, während wir mit unseren Booten an ihnen vorbei gleiten. In den Vogelfelsen und am Wasser tummeln sich Dickschnabellummen, Papageitaucher, Eismöwen und Gryllteisten. Ach, ist es schön, wieder hier zu sein, in Ruhe die unberührte Natur, die faszinierende Tier- und Pflanzenwelt zu geniessen. Dieses wunderbare Gefühl zieht uns immer wieder in polare Gebiete. Da der Wind ein wenig zugelegt hat, ist der Rückweg zum Schiff ein bisschen bewegter, und wir freuen uns alle auf ein warmes Mittagessen. Am Nachmittag geht’s auf zur zweiten Exkursion, diesmal in die ehemalige Bergbausiedlung Ny ° Alesund. Der Ort liegt an der Südseite des Kongsfjord, mit dem Kongsgletscher als wunderbare Kulisse im Hintergrund. Ny ° Alesund ist heute ein internationales Forschungszentrum mit 20 im Winter und 200 im Sommer hier lebenden Bewohnern und gilt als die nördlichste Dauersiedlung der Welt. Hier war auch der Ort, von dem aus Roald Amundsen 1925 mit seinem Luftschiff «Norge» startete, um via Nordpol nach Alaska zu fliegen. Es ist ein aufregendes Gefühl, am Ort zu sein, wo einst kühne Männer ihr Leben riskierten, um die Welt zu erforschen. Der erste Eisbär Sonntag, 8. Juli 2007: Bei strahlendem Sonnenschein und kräftigem Wind erwachen wir an der Nordwest-Ecke von Spitzbergen. Wunderschöne Landschaft, strahlende Gletscher und dunkle spitze Berge! Wegen genau dieser Berge kam der Holländer Willem Barents bei deren Entdeckung im Jahre 1596 auf die Idee, die Insel Spitzbergen zu nennen. Valeska hat auf Amsterdamøya einen Eisbären entdeckt. Da wir unseren ersten Eisbären natürlich aus der Nähe betrachten wollen, steigen wir bei hohem Wellengang in unsere Zodiacs und cruisen den Strand entlang. Mit dem Fotografieren müssen wir uns beeilen, denn der Eisbär verschwindet schnell mal hinter einem Hügel, und das Schauspiel ist vorbei. Für den Nachmittag sucht sich unser Kapitän einen neuen Landungsplatz, und zwar weit hinein in den Raudfjord. Wir landen schliesslich auf der Buchananhalvøya und wandern über grosse Felsbrocken ins Innere der Halbinsel. Wir teilen uns in zwei Gruppen. Die geübten Wanderer gehen weiter auf den steinigen Rücken zu einem Aussichtspunkt, der einen wunderbaren Blick auf die Gletscher ringsherum bietet. Unsere Gruppe schaut allerdings gebannt auf den Boden, da wir die ersten blühenden Pflanzen finden: Silberwurz, roter Steinbrech, stengelloses Leimkraut und noch viele mehr. Auf dem Rückweg begegnen wir einem Schneehuhnpaar. Das Postkartenwetter ermöglicht uns zusätzlich eine Abendexkursion zur Hamiltonbucht Die majestätische Weite der Landschaften in den Buchten verschlägt einem buchstäblich die Sprache – wie hier im Magdalena-Fjord im Nordwesten der Inselgruppe. Viele Krabbentaucher brüten hier, hin und wieder kalbt der Gletscher laut krachend ins Meer. 20 Polar NEWS

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so ausschaut: Überall setzt sich Leben in dieser kargen Umgebung durch. Das behaarte Läusekraut wird zum begehrten Fotosujet, für das die Fotografen körperlichen Einsatz nicht scheuen. am nordwestlichen Ende des Raudfjordes. Hier gibt es steile Vogelfelsen, und mehrere Gletscherzungen brechen in mächtigen Stufen zur Bucht hinab. Die Vogelfelsen auf der Südseite sind von einer grossen Zahl von Dickschnabellummen, Dreizehenmöwen und vereinzelten Gryllteisten besetzt. Wir nehmen das geschäftige Treiben am Vogelfelsen mit all unseren Sinnen wahr und fahren weiter zur gewaltigen Front des Hamiltongletschers. Der Rückzug des Gletschers ist deutlich zu erkennen, als uns der Guide erzählt, bis wohin der Gletscher einmal reichte. Wandern oder knipsen? Montag, 9. Juli 2007: Beim Erwachen entdecken wir, dass die «Professor Multanovskiy» im lockeren Treibeis Richtung Hinlopenstrasse fährt. Am Alkefjellet steigen wir bei starkem Wind in die Zodiacs und fahren zu den spektakulären Basaltklippen, wo etwa 60’000 Dickschnabellummen-Paare brüten. Wir wundern uns, dass sie auf den unwirtlichen Felsvorsprüngen überhaupt Platz finden, ihr Ei auszubrüten. Für den Nachmittag ist wieder eine Wanderung in der Tundra vorgesehen: Wir schliessen uns der «Geniessergruppe» an, um mit der nötigen Sorgfalt die wunderbare Pflanzenwelt zu fotografieren. Eine kleine Rentierherde beäugt uns – Kurzschnabelgänse watscheln vor uns über die Tundra. Zurück auf dem Schiff, lassen wir den Tag noch einmal Revue passieren und besprechen die Weiterfahrt. Nach dem Abendessen gleiten wir durch dichtes Packeis hinaus aus der Hinlopenstrasse und sehen unvermittelt zwei Finnwale und rund 15 Zwergwale. Es ist fantastisch zu beobachten, wie die Mitreisenden neugierig die Wale bestaunen. Auch ich erwische mich jedes Mal, wenn’s in meinem Innern anfängt zu kribbeln, denn bei so viel Natur kann niemand ruhig bleiben. Was für ein prächtiger Ausklang dieses Tages! Lieber weg hier! Dienstag, 10. Juli 2007: «Guten Morgen, liebe Passagiere», spricht die Expeditionsleiterin um 7.15 Uhr durch die Bordsprechanlage und reisst uns aus dem Schlaf. «Bei strahlendem Wetter erreichen wir demnächst unseren Ankerplatz auf der Nordseite der Lågøya-Insel.» Wegen flacher unkartierter Gewässer ankert das Schiff in einer Distanz von etwa 2,5 Seemeilen (4,5 Kilometer) von Purchasneset, der Nordspitze der Insel, so dass uns eine 20-minütige bewegte Schlauchbootfahrt bevorsteht. Vor der Insel und im Wasser entdecken wir einige Walrosse. Etwas weiter östlich entdecken unsere Guides auch «etwas Weisses» am Strand, sie lassen sich jedoch vorerst nichts anmerken... Als wir an Land gehen, schwimmen einige Walrosse auf uns zu, um uns zu begrüssen. Eine andere Gruppe döst am Strand. So haben wir wunderbare Motive zum Fotografieren. Hinter der 25-köpfigen Walrossgruppe am Strand wird der ominöse «weisse Punkt» grösser, und einige Augenblicke später erkennen wir, dass wir Besuch von einem Eisbären bekommen haben... Der riesige Mutz schnuppert zwar in unsere Richtung, bleibt aber stehen. Hat er uns vielleicht als leichte Beute ausgemacht? Ein Eisbär in so einer geringen Entfernung bedeutet Gefahr! Unsere Guides blasen zum Rückzug. Schade... Das hätte sicher tolle Fotos gegeben. Doch unsere Sicherheit geht vor, weshalb wir wenig später wieder in unseren Zodiacs sitzen und in Richtung Schiff tuckern. Den Nachmittag mit viel Wind und unruhiger See verbringen die Seetüchtigen beim Shopping im Souvenirladen, andere pfausen die nächsten Stunden wohlbehalten in ihren Kajütenbetten. Immerhin: Gegen Abend können wir Zwergwale und Bartrobben beobachten, die sich auf Eisschollen ausruhen. Jede Menge Eisbären Mittwoch, 11. Juli 2007: Über Nacht fahren wir durch einige Treibeisfelder weit in die Hinlopenstrasse hinein. Das Wetter ist herrlich: Wir geniessen die Zeit an Deck, während Eisschollen wie Teppiche an uns vorbeiziehen. Plötzlich liegt vor uns eine dicht gepackte Eisfläche, die bis zum Horizont reicht. Wir drehen bei, und unsere Expeditionsleiterin Monika Schillat ruft eine Krisensitzung aus. Das Eis sei zu kompakt, sagt sie, um zügig durchzubrechen. Unglücklicherweise haben Nordwinde am Vormittag auch noch viel Eis hinter uns her in die Hinlopenstrasse geschoben, so dass wir Gefahr laufen, vom Eis eingeschlossen zu» Die Reiseroute um Spitzbergen mit der «Professor Multanovskiy». Polar NEWS 21

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