Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 6

  • Text
  • Polar
  • Antarktis
  • Polarnews
  • Wasser
  • Arktis
  • Heiner
  • Spitzbergen
  • Zeit
  • Kubny
  • Meter

Polarfunk CQ-DX: Eisel

Polarfunk CQ-DX: Eisel ruft Südpol Jeden Tag funkt Manfred Eisel aus Landquart in die Welt hinaus – am liebsten in Polargegenden. Dort «plaudert» er per Tastendruck über Forschung und Familie. Von Heiner Kubny (Text und Bilder) Sie sind auf die Polargebiete spezialisiert. Warum ausgerechnet diese Weltgegenden? Manfred Eisel: Seit über 20 Jahren interessiert mich, was Forscher über Klima und Geologie der Kühlschränke unserer Erde herausfinden, speziell über die Gegend um den Südpol. Da liegt es natürlich nahe, dass ich mit Forschungsstationen wie Bellinghausen, Vostok und Mirny Kontakt aufnehme. Wie nehmen Sie Kontakt auf? Drücken Sie am Sender auf «Polar» und rufen solange «Südpol bitte kommen» ins Mikrophon, bis sich jemand meldet? Zuallererst muss ich vielleicht klarstellen, dass wir nicht in ein Mikrophon reden, sondern wie früher auf dem Telegrafenamt morsen. Wir drücken also noch mit dem Finger die guten alten Piep-Piiiieep-Piep-Zeichen, nur dass bei uns kein Papierstreifen mit Löchern aus dem Apparat kommt, sondern wir direkt mithören. Aber um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Im Grunde ist das schon so, ja, auch wenn das natürlich nicht ganz so einfach geht. Von Oktober bis März, also während des Südsommers, klappen Verbindungen zum Südpol besser, weil dann auch die atmosphärischen Bedingungen besser sind. In dieser Zeit sind ja auch alle Basen besetzt. Im antarktischen Winter hingegen, wenn die Wetterverhältnisse oft schwierig sind, funktionieren die Verbindungen über so grosse Distanzen nicht mehr so gut. Was nicht weiter schlimm ist, weil in diesen Monaten nur noch wenige Stationen besetzt sind. Der Nordpol ist übrigens wegen der kürzeren Distanz praktisch immer erreichbar. Und dann meldet sich irgend jemand aus irgend einem Punkt der Polargegenden? Wenn ich einen allgemeinen Aufruf mache und jemand gerade am Funkgerät sitzt: ja. Russische Stationen erreicht man normalerweise rund um die Uhr. Bei anderen und insbesondere zu Driftstationen ist es zuweilen sehr schwierig. Aber weil ich mit vielen Stationen seit Jahren Kontakt habe, kann ich diese auch einzeln anpeilen, oder wir vereinbaren einen «Gesprächstermin». Wir Funker nennen das Sked. Worüber tauscht ihr euch aus? Durch mehrere Funkkontakte lernt man den Operateur kennen. Ich erfahre einiges über seinen Aufgabenbereich auf der Station. Natürlich «plaudern» wir auch über Privates, was der Forscher zu Hause macht, ob und worüber er seine Doktorarbeit schreibt, ob er verheiratet ist. Am Ende der Verbindung gibt er normalerweise noch kurz die Wetterdaten durch. Haben Sie schon Leute aus den Polgegenden, mit denen Sie funkten, real kennen gelernt? Ja, die Gelegenheit ergab sich schon einige Male, vor allem mit Funkern aus westlichen Ländern, insbesondere aus Deutschland. Von den Russen habe ich erst einen von Angesicht zu Angesicht kennen gelernt, aber mit vielen anderen halte ich seit Jahren immerhin auch Kontakt via Email. Da kann man sich dann gegenseitig auch Bilder von sich schicken. Funker haben gerne persönlichen Kontakt zueinander – wenn es die Zeit oder die finanzielle Situation erlaubt. Sie besitzen Dutzende von Karten... Das sind sogenannte QSL-Karten. QSL ist ein Funk-Code und bedeutet «Ich sende Ihnen eine Empfangsbestätigung». Jede 16 Polar NEWS

Station, die einen Kontaktaufruf eines Kollegen zum ersten Mal annimmt, schickt dem Sender so seine Visitenkarte. Unter Funkern sind QSL-Karten begehrte Sammler-Objekte. Durch meine rege Funkerei mit russischen Stationen besitze ich viele rare Karten. Das brachte mich übrigens in den Achtzigerjahren, als das politische Klima zwischen Ost und West noch angespannter war, einige Male in ein schräges Licht. Der Postbote machte damals schon mal die eine und andere Bemerkung, wenn er Post aus Russland brachte. Und bevor ich das Schweizer Bürgerrecht erhielt, musste ich über meine Russland-Kontakte erschöpfend Auskunft geben. Wenn wir schon dabei sind: Warum so viele Russen? Ganz einfach: Für die Russen war vor der Zeit von Glasnost das Funken oft die einzige Möglichkeit, Kontakt zu Nicht-Ostblock- Ländern Kontakt aufzunehmen und sich auszutauschen. Die Westler auf ihren Stationen machten sich eher rar. Welchen Stellenwert hat das Funken in Polargegenden heute? In den Anfängen der Polarforschung war das Funken die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Aber inzwischen ist sein Stellenwert unbedeutend. Heute stehen den Forschungsstationen Satellitenverbindungen für Telefon und Email zur Verfügung. Wenn jemand heute noch funkt, nimmt er sich nach seiner Tagesarbeit Zeit dafür. Als Hobby sozusagen. Ja. Allerdings ein sehr nützliches, zumindest für mich: Durch die vielen Kontakte mit Polarfunkern bin ich sensibilisiert, wenn ich in der Presse Berichte über Ozonloch, Erderwärmung und Klimawandel lese. Im direkten Austausch mit den Funkern bin ich gut informiert, und so kann ich im Freundeskreis besser auf solche Probleme hinweisen. Manfred Eisel 1940 in Deutschland geboren, ist Manfred Eisel seit 1970 Amateurfunker, zuerst als «Short Wave Listener». 1972 erhielt er die UKW-Lizenz, 1984 nach bestandener Morseprüfung die Lizenz für Kurzwellen- Frequenzen. 1996 bis 99 war Eisel Kurslehrer für vordienstliche Funkerkurse der Übermittlungstruppen in Chur. Eisel lebt heute in Landquart. Der ehemalige Betriebsleiter eines Möbelgeschäftes ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Wenn er nicht gerade in seinem Funkerkeller ist, widmet er sich gerne der Philatelie. Können Sie mit Ihrem Sender auch Funkverkehr stören, Walfänger ärgern oder Inuit-Polizeifunk abhören? Amateurfunker haben weltweit zugeteilte Frequenzen und sind von kommerziellem Radio, Polizei und Rettungsstationen getrennt. Alle Funkgeräte sind sende- und empfangsmässig auf diese Frequenzen abgestimmt. Es ist unmöglich, dass ich Polizei stören kann. Dafür kann ich mit vielen Grönländern privat Kontakt aufnehmen, denn Funken ist dort sehr beliebt. Der Norden Grönlands ist ein regelrechtes Funker-Eldorado. Zum Schluss noch ein Highlight aus Ihrer Funker-Karriere... Oh, da gibt es viele. 1988 hatte ich täglich Kontakt zu einer russischen Ski-Treck- Expedition in der Arktis. Oder wenn regelmässig Kontakte zu einer Drifteis-Station zustande kommen, dann kann ich deren Weg durchs Packeis verfolgen. Zurzeit gelingt es mir immer wieder, Kontakt zur französischen Drifteis-Station Tara73 aufzunehmen. Die liess sich im September letzten Jahres im Eis einfrieren und driftet voraussichtlich im Herbst 2008 in die Nähe von Spitzbergen. Geräte mit vielen Knöpfen und Drehreglern gehören zur Ausrüstung eines Funkers. Mehr zum Polarfunk unter www.polarstation.ch PolarNEWS Einige von Manfred Eisels QSL-Karten sind extrem seltene Sammlerstücke. Polar NEWS 17

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum