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PolarNEWS Magazin - 6

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Von Peter Balwin (Text)

Von Peter Balwin (Text) und Ruedi Abbühl (Bilder) «Jetzt gehöre ich zu einer höheren Klasse der Sterblichen – weil ich den Albatros gesehen habe!» Nicht erst vor hundert Jahren haben Albatrosse die Menschen entzückt, als jener Reisende diesen berühmten Ausspruch tat. Seit die ersten Seefahrer sich über den Äquator wagten, um auf der südlichen Halbkugel nach Passagen und Ländereien zu suchen, seit jener Zeit haftet dem grössten fliegenden Vogel etwas Mythisches an. Während die Küstenbewohner überzeugt waren, dass die Albatrosse die Seelen ihrer Verstorbenen darstellten, glaubten Seeleute daran, dass Albatrosse niemals an Land kämen und deshalb ihre Eier unter den Flügeln über die Meere tragen würden. Natürlich hat die moderne ornithologische Forschung solche Thesen längst korrigiert. Heute weiss man erstaunlich viel über diese majestätischen Seevögel, die zur Gruppe der Röhrennasen gehören. Das Wissen über die Albatrosse füllt Bücher. Dies ist eigentlich selbst in unserer modernen Zeit nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass Albatrosse den grössten Teil ihres Lebens weit draussen auf dem Meer verbringen. Dass die Biologen trotzdem so viele Geheimnisse gelüftet haben, hat mit der Lebensweise dieser Vögel zu tun: Sie brüten oft in dichten Kolonien – dort haben Forscher ein leichtes Spiel. Oder man bestückt die grösseren Vertreter dieser Vogelgruppe mit Satellitensendern. Man hat dabei rekordverdächtige Daten über Flugstrecken erhalten und überraschende Einsichten über den Verbleib der Albatrosse auf See gewonnen. Daunenkleid, thront der junge Schwarzbrauenalbatros auf seinem Nest, das einem kleinen Turm gleicht. Diesen typischen Nesthügel bauten seine Elternvögel aus Erde, Gras und Wurzeln. Während fast 70 Tagen hatten die Altvögel das Ei ausgebrütet, wobei sie sich alle ein bis zwei Wochen beim Brüten abgelöst haben. In der ersten Dezemberhälfte war es dann so weit: Im schönsten Südsommer schlüpfte der Jungvogel und schaute schon wenig später keck von seinem 20 bis 35 Zentimeter hohen Nestturm in die grosse Kolonie hinaus. Jetzt beginnt das grosse Fressen – etwa jeden zweiten Tag besuchen die Altvögel ihr Küken und bringen ihm gute Sachen mit von weit draussen: Tintenfische, Krill und Fische sind gefragte Babynahrung, durch die Eltern von der Meeresoberfläche aufgesammelt (Albatrosse tauchen eher selten; höchstens drei bis fünf Meter tief). Jede «Einkaufstour» der Eltern führt zwischen 500 und 2000 Kilometer vom Neststandort weg, hinaus in die Weiten des Südlichen Polarmeeres, irgendwo zwischen 40 Grad und 70 Grad südlicher Breite. Mit Fütterungsportionen von immerhin rund 570 Gramm pro Mahlzeit gedeiht unser kleiner Schwarzbrauenalbatros schnell und prächtig. Im Alter von erst 90 Tagen wiegt er stattliche vier bis fünf Kilogramm und schlägt damit seine Eltern in der Gewichtsklasse. Nochmals gute drei Wochen später, mit rund 16 Wochen, hat der Jungvogel wieder etwas abgenommen und startet schliesslich mit einem Fluggewicht von 2,5 bis 3,5 Kilogramm in sein Fliegerleben über den Wellen. Nun wird es drei bis sechs Jahre dauern, bis unser Schwarzbrauenalbatros das nächste Mal wieder Land berührt – denn jetzt beginnt das Dasein als einer der prächtigsten Seevögel, die es gibt. Meister im Fliegen Nach der Brutzeit, wenn für die Schwarzbrauenalbatrosse die Zeit in der Kolonie an Land endlich vorbei ist, zieht es sie nordwärts aufs Meer hinaus. Die Kolonien leeren sich bis Ende April. Wer in den zwölf Brutkolonien auf den Falklandinseln gebrütet hat, trifft sich im Südwinter von Mai bis September über dem kalten Meeresstrom vor den Küsten Argentiniens, Uruguays und Brasiliens. Dort erreichen die Albatrosse die nahrungsreichen Gewässer über dem Gebiet des Patagonischen Schelfmeeres und bis hinauf auf 15 Grad südliche Breite. Diejenigen Vögel, welche aus den Albatroskolonien auf Südgeorgien stammen, nehmen Kurs auf die Küste von Südafrika, wo ihnen der ebenfalls kalte, planktonreiche Benguelastrom ein Auskommen sichert. Im Südwinter halten sich sämtliche Schwarzbrauenalbatrosse, die es gibt, auf dem offenen Meer der Südhalbkugel auf – immerhin mindestens drei Millionen Individuen. Taucht ein Schiff am Horizont auf, werden die Albatrosse neugierig. Besonders unser Schwarzbrauenalbatros folgt häufig den Schiffen über weite Strecken. Das ist der Moment, in dem seine herausragenden Qualitäten als Flieger zur Geltung kommen. Genetisch nahe verwandt mit den fluglosen Pinguinen, segelt der Albatros auf seinen grossen Schwingen mit einer Flügelspann- «Einkaufstour» im Polarmeer Eines dieser «Forschungsobjekte» ist der Schwarzbrauenalbatros. Er ist der häufigste der kleineren Albatrosse im Südpolarmeer. Lange Zeit jedoch, bevor dieser schöne Albatros zum Vielflieger wird, beginnt seine Karriere genau wie diejenige eines jeden anderen Vogels – an Land, in einem Ei. Aber schon in diesem Lebensabschnitt lässt sich die Grösse des zukünftigen Vogels erahnen, denn das Ei wiegt rund 260 Gramm. Dies sind immerhin gut 9 Prozent des Gewichts eines ausgewachsenen Schwarzbrauenalbatrosses. Rechnerisch wäre das etwa so, wie wenn eine Frau einen über sechs Kilogramm schweren Säugling zur Welt bringen würde... Wie bei allen anderen 21 Albatrosarten, die es auf den Weltmeeren gibt, wächst der Kleine als Einzelkind heran. Stolz und «flauschig» anzusehen in seinem hellgrauen Mit seinen 2,5 Metern Flügelspannweite lässt der Schwarzbrauenalbatros den Menschen unter sich klein aussehen. Der Vogel ist ein perfekter Segler. 10 Polar NEWS

Im Wind stehend, beeindruckt dieses Männchen mit gestellten Flügeln ein Weibchen – genauestens beobachtet von einem Konkurrenten. weite von bis zu 2,5 Metern scheinbar schwerelos und «leichtfüssig» durch den Wind und über die Wellen, bewundernd beobachtet von den Passagieren an Deck der Schiffe. Schwarzbrauenalbatrosse und ihre Artverwandten sind hervorragende Gleiter. Sie können lange Strecken zurücklegen, ohne ein einziges Mal mit den Flügeln zu schlagen – und verlieren dabei nur gering an Höhe. Ornithologen haben für Albatrosse eine Verhältniszahl von 22 berechnet (in der Aviatik spricht man von Gleitzahl), was bedeutet, dass ein Albatros 22 Mal weiter gleiten kann, als er gerade hoch ist. Zum Beispiel kann ein 10 Meter über dem Meer fliegender Albatros 220 Meter weit gleiten, ohne die Flügel zu bewegen. Adler und Geier hingegen müssen mit einer Gleitzahl von nur 15 auskommen... Gleiten wirkt bereits sehr elegant, aber für uns Landratten ist es noch viel faszinierender, einen Schwarzbrauenalbatros beim dynamischen Segelflug zu bewundern. Für diese Energie sparende Flugweise muss der Wind stärker als 18 Kilometer pro Stunde wehen – sonst kann sich der schwere Vogel nicht vom Wasser erheben, wo er schwimmend rastet, so lange die Windgeschwindigkeit zu gering zum Fliegen ist. Zum Glück pfeift der Wind meistens stark genug im Südatlantik und im Südpolarmeer, so dass der Schwarzbrauenalbatros die Kräfte des Windes mühelos für sich nutzen kann. In einem stetigen Aufsteigen seitlich gegen den Wind gewinnt der Vogel an Höhe. Etwa zehn Meter über den Wellen nimmt die Windenergie drastisch ab – der Albatros gleitet wieder nach unten, den Wellen entgegen. Knapp über der bewegten Wasseroberfläche verliert der Wind erneut an Kraft, so dass der Albatros zu einem weiteren Höhenflug ansetzen muss. Fast zum Vergnügen, so scheint es, berührt er dabei manchmal mit der äussersten Flügelspitze ganz knapp die aufgebäumte Welle. Diese Flugtechnik führt unweigerlich zu einem Zickzackkurs: Die zurückgelegten Strecken beim dynamischen Gleiten sind um die Hälfte länger als die Luftlinie. Trotzdem: Eine solche Strecke legt er ohne Muskelkraft zurück! Dies verdeutlichten Herzmessungen beim grösseren Bruder, dem Wanderalbatros; sein Puls beim Gleiten war genau gleich hoch wie in der Ruhephase. Sobald allerdings die langen Flügel bewegt werden müssen, steigt der Energieverbrauch wie zum Beispiel beim Starten von Land oder vom Wasser: Aktives Fliegen mit Flügelschlagen erhöht den Puls um das Vierfache. Diese Studie macht deutlich, dass Albatrosse ohne Wind nicht überleben könnten. Ist dies ein möglicher Grund, weshalb sie – abgesehen vom Galapagosalbatros – nicht in den häufig windstillen Tropen vorkommen? Um solchen Gratistransport durch die Windenergie zu optimieren, hat die Natur den Albatrossen eine Schultersperre mit auf den Weg gegeben. Dank dieser Klemmvorrichtung im Schultergelenk benötigt der Vogel keinerlei Muskelenergie, um seine Flügel ausgespannt zu halten. Diese Klemme verhindert bei vollständig gestrecktem Flügel, dass der Flügel höher als bis zur Horizontalen angehoben werden kann. Erst wenn der Oberarmknochen ganz leicht aus der maximalen Vorwärtsstellung zurückgenommen wird, öffnet sich der Klemmmechanismus, und der Flügel kann über die Horizontale gehoben werden. Kandidat der Roten Liste Nun sind Albatrosse zwar ausdauernde, aber keineswegs geschickte Flieger, vor allem wenn es um plötzliche Flugmanöver geht. Sie können schlecht schnell ausweichen, sollte sich ihnen etwas in die Flugbahn stellen. Man könnte meinen, Wendigkeit ist auf den weiten Meeresflächen nicht gefragt, doch die Zeiten haben sich geändert. » Für einen problemlosen Flugstart bevorzugen Albatrosse Hänge mit einer starken Neigung. Polar NEWS 11

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