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PolarNEWS Magazin - 5

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«Der weisse Planet»

«Der weisse Planet» «Mit dem Ergebnis, dass man diese Tiere hautnah erleben kann» Thierry Ragobert und Thierry Piantanida sind die Regisseure des einzigartigen Kino- Dokumentarfilms «Der weisse Planet». Die beiden Filmer über Gespür in der Tundra und Geduld hinter der Kamera. Interview: pd Bilder: Filmcoopi Sie haben bereits zahlreiche Dokumentarfilme fürs Fernsehen realisiert. Was hat Sie bewogen, ins Kinoformat zu wechseln? Thierry Ragobert: Das Kino konfrontiert uns mit ganz anderen Problemen und Herausforderungen als das Fernsehen. Der Bildschirm des Fernsehers verzeiht viel, aber die Grossleinwand verzeiht nichts. Sie ist eine Meisterschule. Das reizte uns. Warum haben Sie für Ihre Kinopremiere ausgerechnet die Arktis gewählt? Thierry Ragobert: Einige unserer Fernsehdokumentationen handeln von den Polen. Während diesen Arbeiten haben wir uns immer wieder intensiv mit dem Thema Klimawandel beschäftigt und Beobachtungen von Inuit und Wissenschaftlern zusammengetragen. Dadurch ist uns bewusst geworden, dass die Arktis eine derjenigen Gegenden auf unserer Welt ist, die sich in den nächsten Jahrzehnten radikal verändern werden. Deshalb wollten wir die Arktis so festhalten, wie sie heute ist. Thierry Piantanida: Es ist zu befürchten, dass sich diese Veränderungen noch beschleunigen und es zu einer Art Kollaps kommen wird. Die Natur kann nicht mehr alles einfach abfedern, die Auswirkungen der Klimaerwärmung sind mittlerweile sehr augenfällig. Der Permafrost beginnt zu schmelzen, das Eis geht zurück, die Jahreszeiten werden unberechenbar… Für Tiere und Menschen ist diese Entwicklung furchtbar, ein radikalerer Wandel des Lebensumfelds ist kaum vorstellbar. Wann und wie entschlossen Sie sich, «Der weisse Planet» zu drehen? Thierry Piantanida: Es gab zwei wichtige Auslöser, beide ereigneten sich 2002. Der eine war eine fünfmonatige Expedition in der Arktis, in der fünf Kamerateams zu fünf verschiedenen Themen filmten. Der andere war unser Dokumentarfilm über die Mission Packeis des französischen Forschers Jean- Louis Etienne: Er liess sich in einer Kapsel mit den Strömungen des arktischen Eismeeres treiben. Beide Expeditionen haben dann auch das Drehbuch zu «Der weisse Planet» stark beeinflusst. Wie seid ihr an eure Arbeit herangegangen? Thierry Ragobert: Der Produzent Stéphane Millière und mein Regiepartner Thierry Piantanida haben aufgrund ihrer Kenntnisse der Arktis eine Art Rohfassung des Drehbuchs verfasst, das Ausgangspunkt war für unsere Dreharbeiten. Indem wir aufmerksam beobachteten, was die entstandenen Bilder uns sagen – ich nenne das «der Materie zuhören» –, haben wir eine immer genauer werdende Struktur angelegt, eine Dramaturgie, die sich bis zu den letzen Filmaufnahmen immer weiterentwickelt hat. Thierry Piantanida: Wir haben uns von Anfang an auf das konzentriert, was wir am besten kannten: die Wale, die Eisbären, die Rentiere. Erst im Anschluss an diese Aufnahmen haben wir einen dramaturgischen Bogen entwickelt: Mit seiner Hilfe Die Suche nach den Tieren war oft ziemlich gefährlich.

sollen die Zuschauer die zyklische Abfolge der arktischen Jahreszeiten als ein grosses Ganzes erfassen. Sie sollen verstehen können, dass die Tiere in einem engen Raum- Zeit-Verhältnis leben. In der Arktis drängt die Zeit, denn einen Frühling gibt es nicht. Der Sommer beginnt erst im Juli, und im Oktober, wenn der Winter einbricht, müssen die Jungen bereits überlebensfähig sein. Man könnte sagen, Sie haben einfach mal drauflosgefilmt… Thierry Piantanida: Sicher nicht! Wir lassen uns jeweils von den Aufnahmen leiten. Manchmal hat man während des Drehs das Gefühl, das Zeit-Raum-Verhältnis erweitere sich auf wundersame Weise. Dann weiss man instinktiv, dass eine Sequenz auf dem richtigen Weg ist. Als wir zum Beispiel die Wanderung der Karibus drehten, war das in gewisser Weise wie ein Sechser im Lotto, denn wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Seit 2002 hatten wir immer wieder versucht, dieses Naturschauspiel zu filmen, aber es gelang uns nie. Einerseits, weil es überaus schwierig ist, die Karibus in der weitläufigen Arktis zu lokalisieren. Anderseits geschieht die Migration nicht alle Jahre und ist extrem abhängig von den Wetterbedingungen. 2005 waren die Karibus dann plötzlich da, und es war wunderbar! Die in dieser unfassbaren Landschaft gedrehten, starken Bilder nehmen also plötzlich cineastische Dimension an. Der Kontext ist nicht mehr der eines klassischen Dokumentarfilms – vielmehr der Beginn einer Art Saga. Es geht nicht mehr bloss darum, etwas gezeigt zu bekommen. Vielmehr setzt ein staunendes Sehen und Fühlen ein, das begleitet wird von Musik, während der Kommentar verstummt. Gibt es einen roten Faden, der durch Ihren Film führt? Thierry Piantanida: Der Eisbär figuriert als zeitlicher Leitfaden, wir zeigen ihn von seiner Geburt an bis zur Trennung von seiner Mutter. Er steht auch deshalb im Zentrum des Films, weil er ein Symbol ist für die Probleme des hohen Nordens. Das Karibu ist unser räumlicher Leitfaden, es bewegt sich im Gebiet, in dem wir gefilmt haben. Diese zwei «Figuren» begleiten die Zuschauer durch die verschiedenen Jahreszeiten und Regionen. Sie haben drei Jahre gedreht, fünf Kamerateams trugen über 1000 Stunden Filmmaterial zusammen… Thierry Ragobert: …und die Arbeit am Schnitt hat nochmal ein ganzes Jahr gedauert! «Der weisse Planet» soll ja nicht nur dokumentieren, sondern vor allem eine Geschichte erzählen. Wir haben also Tierfilmer versammelt, die seit zehn und mehr Jahren in der Arktis arbeiten. Kameramänner wie Das Filmteam macht sich bereit für die Arbeit. Die Kameraleute gehen ganz nah ran an ihre «Stars». Adam Ravetch oder Mario Cyr, mit denen Thierry Piantanida bereits zusammengearbeitet hatte, sind jahrein, jahraus auf dem Eis. Ihre Aufnahmen waren für uns zentral, denn sie haben es fertiggebracht, einzigartige Szenen einzufangen, die extrem schwierig zu drehen sind. «Der weisse Planet» zeigt Aufnahmen, die so noch nie zuvor im Kino zu sehen waren. Thierry Ragobert: Ja, davon gibt es sogar viele! Die Migration der Karibus beispielsweise konnte in dieser Form noch nie gefilmt werden. Die Grösse der Herde ist mit rund 50'000 Tieren ebenso aussergewöhnlich wie der Ort, wo wie gedreht haben: nicht in der Tundra, sondern in einem felsenzerklüfteten Gelände mit Canyons und Flüssen, die die Karibus überqueren müssen. Mit der Sequenz, in der ein junges Walross in der Schwerelosigkeit des Wassers gesäugt wird, ist uns ebenfalls eine sehr rare Aufnahme gelungen. Weitere aussergewöhnliche Momente sind die Geburt der Babybären in der Höhle sowie gewisse Sequenzen, die die Zärtlichkeit in der Beziehung zwischen der Mutter und ihren Kleinen festhalten. Thierry Piantanida: Vergiss den Grönlandwal nicht! Wir haben uns 2002 und 2005 sehr stark auf dieses Tier konzentriert. Er ist der Vorzeige-Eiswal, wenig bekannt und schwierig zu filmen, weil er das ganze Jahr über im Eismeer bleibt, während andere in den Süden hinunter ziehen. Der Grönlandwal fasziniert mich persönlich enorm, weil er sehr verborgen lebt. 2000 haben wir versucht, drei Grönlandwale mit einem Peilsender auszustatten, nur in einem Fall ist uns das auch gelungen. Jetzt wissen wir, dass dieser eine Wal von Grönland durch die Baffin Bay bis an die kanadische Küste geschwommen ist. Wir haben immer mehr solche Bausteine zusammengetragen und versucht, das Geheimnis um den Lebensraum der Grönlandwale zu lüften. Mit dem Ergebnis, dass man im Film diese Tiere hautnah erleben kann. Man sieht sie fressen, kann beobachten, wie sie sich elegant zwi- Polar NEWS 64

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