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PolarNEWS Magazin - 5

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Inuit-Art Die Kunst, die

Inuit-Art Die Kunst, die aus der Kälte kommt Lange galt Inuit-Art als dekoratives Handwerk. Doch mit dem Selbstbewusstsein der Inuit stieg auch die Qualität ihrer Arbeiten. Inzwischen David Ruben hat sein Atelier in Toronto und gehört zur Zeit zu den renommiertesten Inuit-Künstlern. Von Denise Daenzer (Text und Bilder) Das Schnitzen ist für die Bewohner der Arktis keine neue Tätigkeit. Seit über zweitausend Jahren verwenden sie die Stosszähne des Walrosses zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen. Aber auch aus fossilen Stosszähnen des Mammuts und aus Zähnen von Pott- und Narwalen wurden Amulette, Menschen- und Tierfiguren sowie Teile des Jagdgerätes geschnitzt. Die Elfenbeinschnitzerei war eine Aufgabe der Männer, die sie gerne in Gemeinschaft ausführten. Als später dann Pelzhändler, Forscher, Walfänger und Missionare an den Gegenständen Interesse zeigten, weiteten die Inuit ihr Repertoire aus. Die Schnitzer stellten ver- mehrt Objekte für den Handel her und fassten Szenen in Elfenbein, die uns noch heute von der alten Tradition und ihrem längst vergangenen Alltag erzählen – einem Leben, das sich mit dem Kontakt der Europäer drastisch änderte. Aus den Jagd betreibenden Inuit wurden Fallensteller und Christen. Aus den nomadisierenden und selbstbestimmten Familiengruppen wurden sesshafte kanadische Bürger – zweiter Klasse. Wenn man die heutige Kunst der kanadischen Inuit richtig würdigen will, muss man sich der Situation bewusst sein, in der diese Menschen seit Anfang des 20. Jahrhunderts leben: umgesiedelt und mittellos, weit weg von ihrer früheren Umgebung und in Dörfern, die von anderen erbaut wurden. Starthilfe vom Staat Nach dem 1948 einsetzenden Preisverfall für Polarfuchsfelle versuchte die kanadische Regierung, die Notlage einer Bevölkerungsgruppe abzuwenden, die ohnehin schon saisonbedingten «normalen» Hungerzyklen ausgesetzt war. Für die gefährlich schnell schwindenden Unterhaltsmöglichkeiten durch Jagd und Fischfang musste ein Ersatz geschaffen werden. Findige Beamte der kanadischen Regierung fassten deshalb die Entwicklung einer kunstgewerblichen Massenindustrie ins Auge. Das nomadische Leben hat die Inuit nicht vorbereitet auf das Siedlungsleben, welches neue Fähigkeiten abverlangte – vor allem das Englisch als Arbeitssprache. So ist es wenig erstaunlich, dass sich in kurzer Zeit viele Männer dem Specksteinschnitzen zuwandten. Dies war ein Weg aus der demütigenden Abhängigkeit. Denn so konnten sie nach eigener Zeiteinteilung arbeiten, ihre eigenen Rohmaterialien verwenden und eine ihnen vertraute Art der Arbeitsteilung nutzen. Heute gibt es auch viele Frauen, die ihre geheimnisvollen und manchmal auch kühnen Kompositionen aus dem Stein schnitzen. Kunst als Ersatzwirtschaft Die kanadische Regierung war bestrebt, den Inuit die Selbstversorgung wieder zu ermöglichen. Mit Lohnarbeit sollten sie «modernisiert» werden, ohne dass dabei die traditionelle Kultur allzu grossen Schaden nahm. Dabei entpuppten sich die Kooperativen für Kunst und Kunsthandwerk als Glücksfall. Diese stärken die traditionellen Werte und Arbeiten und ermöglichten den Inuit, ihre Vergangenheit zu respektieren. Bald gehörten Specksteinfiguren zum erfolgreichsten Produktionszweig und lösten Pelze als wichtigstes Handelsgut ab. Bis vor kurzem haben die Kooperativen nahezu alles aufgekauft, was produziert wurde. Die Praxis der unterschiedslosen Bewertung hatte aber zunehmend Probleme der Überproduktion, der Qualität und der Preisgestaltung zur Folge. Heute versucht man vermehrt, den Markt für Inuit-Kunst mit qualitativ hochwertigen Werken zu erschliessen. 49 Polar NEWS

Shaman’s Soul Künstler: Manasie Akpaliapik. Siedlung: Arctic Bay. Masse: 63 x 45 x 35 cm (HxBxT). Material: Walknochen, Moschusochsenhorn, Karibugeweih Falke Ashoona Künstler: Kaka Ashoona / Cape Dorset, Nunavut Material: Speckstein Motivation und Motive Die Anerkennung, die das Kunstschaffen mit sich bringt, hat die Selbstachtung vieler Inuit gestärkt: Sie sind nicht mehr von Sozialhilfe abhängig. Waren es bis vor ein paar Jahren vorwiegend Figuren, die dem Traditionalismus folgten – Klischees verkauften sich gut –, so spiegeln heute immer mehr Kunstwerke die Individualität ihrer Schöpfer. In den arktischen Siedlungen lebt man nicht mehr abgeschirmt gegen künstlerische Einflüsse von aussen. Viele Künstlerinnen und Künstler sind bemüht, von anderen Kunsttraditionen zu lernen. Sie erhalten Ausbildungen an Kunstakademien und erlernen verschiedene Kunstformen, die sie in ihren persönlichen Stil miteinbeziehen. Vor allem in der Druckgrafik hat sich eine eigene Formensprache und Ästhetik entwickelt. Die Grafiker – darunter erstaunlich viele Frauen – übernehmen mit ihren Werken eine neue Art des Erzählens. Geschichten waren für die Inuit schon immer mehr als nur Unterhaltung – durch sie wurden Tradition und Weisheiten weitergegeben. Sie verknüpften die Gegenwart mit der Vergangenheit, verbanden Mensch und Tier, Alltagswirklichkeit und mythische Welt. Heute setzen sich viele Künstlerinnen und Künstler in ihren «Bildergeschichten» mit der eigenen Lebenssituation auseinander: Sie sehen darin eine Chance, die traditionellen Werte in die neue Welt hinüberzuretten und sich in der modernen interkulturellen Kommunikation zu behaupten. Inuit-Kunst in der Schweiz Heute ist die Kunst der Inuit in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt vertreten. Mehr noch: Die kühnen Kompositionen aus Speckstein und Walknochen und die aussagekräftigen Druckgrafiken nehmen auf dem internationalen Kunstmarkt einen festen Platz ein. Drei Institutionen in der Schweiz repräsentieren Inuit-Art: das Nordamerika Native Museum, das dem Bildungsdepartement der Stadt Zürich unterstellt ist und in seinen Sonderausstellung regelmässig Kunst indigener Künstlerinnen und Künstler ausstellt – die «Cerny Inuit Collection» von Martha und Peter Cerny aus Bern, die beide sowohl auf musealer als auch kommerzieller Ebene tätig sind und sich für die Kunst aus dem ganzen zirkumpolaren Kulturkreis engagieren – und schliesslich die Canadian Arctic Gallery in Basel, die von Ursula Grunder geführt wird und vor allem Kunst der kanadischen Inuit zeigt. Mehr Informationen finden sich unter deren jeweiligen Webseiten: www.nonam.ch; www.cernyinuitcollection.com; www.canadian-arctic.ch Denise Daenzer ist leitende Kuratorin im Nordamerika Native Museum in Zürich. Tanzbär Tamela Künstler: Nalenik Talema / Kimmirut, Nunavut Material: Speckstein Polar NEWS 48

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