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PolarNEWS Magazin - 5

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Reisen Von Rosamaria

Reisen Von Rosamaria Kubny (Text und Bilder) Im Flughafen von Iqaluit, der Hauptstadt von Nunavut, herrscht reges Treiben: Unser Weiterflug nach Resolute ist auf 12.45 Uhr angesagt. Doch nichts passiert. Einige Minuten über der Zeit verkündet die Stimme im Lautsprecher: «Wegen schlechtem Wetter verzögert sich der Abflug um zwei bis drei Stunden.» Wir sind noch über 1000 Kilometer von unserem Ziel, der Wildnis der Sumerset Island im Norden Nunavats entfernt, und die Natur übernimmt jetzt schon das Kommando... Schliesslich werden «alle Passagiere nach Resolute» aufgerufen, sich beim Ausgang 2 einzufinden. Insgesamt 28 Flugwillige finden sich dort ein – aber im Flieger hats nur 20 Sitzplätze. Vorrang haben die 14 Festbuchungen, die restlichen Plätze müssen die Standby-Passagiere unter sich aushandeln. Endlich können wir das Flugzeug besteigen, eine zweimotorige Hawker Siddeley 748 Turboprop. Alles ist anders als gewohnt. Beim Einsteigen begrüsst uns nicht eine hübsche Hostesse in schicker Uniform, sondern eine junge Dame im Overall, hübsch war sie aber trotzdem. Sitzplätze gibts nur im hinteren Teil des Flugzeuges, vorne ist Fracht und unser Fluggepäck eingeladen, selbst der Flugkapitän hat beim Einladen angepackt. Die Motoren starten. Nach fast fünf Stunden Flug über endlose Landschaften und vereiste Buchten landen wir am Abend um 20.45 Uhr in Resolute. Endlich... Von hier aus soll es am Abend des nächsten Tages weitergehen nach Somerset Island, wo die Belugas zu Hause sind. Jedenfalls sieht es unser Reiseprogramm so vor. Doch vorerst geht das grosse Warten weiter: Schon der kleine Bootsauflug, der für den nächsten Morgen vorgesehen ist, fällt ins Wasser – die Bucht ist noch zugefroren. Wir nutzen deshalb unseren unfreiwillig freien Tag für einen Rundgang durchs Dorf. Ungeplanter Dorfrundgang Resolute ist ein kleines Dorf an der Küste der Nordwestpassage mit 240 Einwohnern und zwei Hotels. Polarforscher, Extremtouristen, Arbeiter und Piloten sind hier vor allem während der Zeit der Mitternachtssonne auf der Durchreise. Einer von ihnen, der Inder Aziz Kheraj, ist 1978 in Resolute hängen geblieben: Er hat die Inuit Aleeasuk Idlout geheiratet und sich hier ein kleines Reich aufgebaut. Kheraj betreibt in der Gegend ein eigenes Telefonnetz, Öl- und Treibstofftanks, eine Baufirma, ein Transportunternehmen und eines der beiden Hotels, das South Camp Inn mit 35 Zimmern, in dem auch wir einquartiert sind. Und nebenbei züchtet er Schlittenhunde. Mitten im Dorf begegneten wir einem quirligen Ehepaar: Debora ist in Resolute geboren und aufgewachsen, ihr Mann mit dem für diese Gegend untypischen Namen Hans ist vor zehn Jahren von Qanaqq in Grönland nach Resolute übergesiedelt. Hans ist Jäger. Er erzählt uns von der Dunkelheit und Kälte 59 Polar NEWS

Nunavut Wer im nördlichsten Teil von Kanada unterwegs ist, braucht viel Geduld: Hier diktiert die Natur den Rhythmus. Dafür bietet sie traumhaft schöne Landschaften – und herrliche Ausblicke auf Weisswale. im Winter und wie er Robben, Moschusochsen und Eisbären jagt. Stundenlang stehe er manchmal vor einem Atemloch und warte, bis eine Robbe auftaucht, ohne auch nur einen Mucks zu machen... Hans berichtet, wie hart, aber auch wie schön es sei, hier zu leben, und dass er hier nie wieder weg möchte. Ich möchte von ihm wissen, wie denn Eisbären und Robben munden. Seine Antwort kommt schnell und direkt: «Die schmecken viel besser als eure Kühe, die könnt ihr vergessen! An Eisbären und Robben ist wenigstens ordentlich Fett dran.» Debora übernimmt: «Und aus ihren Fellen fertige ich Kleidung und Schuhe für unsere Familie. Im Winter ist es sehr kalt, und wenn Hans tagelang auf Jagd ist, braucht er warme Kleider.» Nette und sehr bestimmte Leute, diese Resoluter... Zurück im Hotel, erfahren wir, dass der Weiterflug nach Somerset Island wegen Nebel bis auf Weiteres verschoben ist. Es werde wohl 1 Uhr nachts bis zum Abflug, meint unser Lieblings-Inder, und drückt uns die DVD «Durch Kanadas Norden – Abenteuer weisse Wildnis» in die Hand, eine Dokumentation, die der deutsche Fernsehsender ZDF vor zwei Jahren hier gedreht hat. Noch einen Tag frei Irgendwann sind Heiner und ich dann eingeschlafen, und als wir wieder aufwachen, ist es Morgen und immer noch sehr neblig – unser Abflug hat sich offensichtlich schon wieder verschoben. Also schon wieder einen Tag «frei». Inzwischen erstaunt es mich auch nicht mehr, dass es in Resolute gleich zwei Hotels gibt: Die Natur gibt nicht nur den Tagesplan vor, sie füllt auch die Hotelzimmer mit Wartenden – zumal inzwischen eine weitere Gruppe mit 14 Beluga- Freunden im Dorf eingetroffen ist. Am nächsten Morgen wirds noch schlimmer: Jetzt schneit es auch noch im stockdicken Nebel... Es ist Sonntag. Wir warten. Und plötzlich geht alles sehr schnell: Der Schneefall stoppt, der Nebel schwindet, eine Stunde später sitzen wir mit sechs anderen in der Twin Otter der Ken Boreck Airways. Der Flug über die Barrow Street nach Somerset Island dauert nur 20 Minuten. Wegen der tief hängenden Wolkendecke fliegen wir nur etwa 150 Meter über dem Wasser. Und da: Als wir in den Cunningham Inlet einbiegen, sehen wir die ersten Belugas. In der Mündung des Cunningham River am Ende der Bucht schwimmen Hunderte dieser weissen Wale mit ihren schwarzen Kälbern. Ein herrlicher Anblick, ich bin ganz aus dem Häuschen. Auf unseren Wunsch zieht der Pilot noch einige Extra- Schleifen. Nach einer doch recht holprigen Landung auf einem Stück Schotterfeld, das ich nie und nimmer als Landepiste bezeichnen würde, sind wir also doch noch bei den Belugas angekommen. Ohne viel Tara beziehen wir unsere Zelte und machen uns in einem Unimog unverzüglich zu den Belugas auf. Polar NEWS 58

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