Aufrufe
vor 2 Jahren

PolarNEWS Magazin - 5

  • Text
  • Polar
  • Arktis
  • Thierry
  • Inuit
  • Heiner
  • Polarnews
  • Belugas
  • Zeit
  • Eisfuchs
  • Weisse

Abenteuer unsichere Zone

Abenteuer unsichere Zone und beginnen ihre Expedition auf sicheren Eis. Nicht so Thomas Ulrich: Er wollte von Küste zu Küste wandern – und scheiterte schon am zweiten Tag im unruhigen Eisgürtel: Ein unerwarteter Sturm überraschte den Solisten, zerstörte seine Ausrüstung und trieb ihn auf einer Eisscholle mehr als vierzig Kilometer ab in Richtung offenes Meer. Drei Tage musste Ulrich auf einer stets kleiner werdenden Eisscholle ausharren, bis ein Helikopter ihn aus der Todesgefahr befreite. Wieder zu Hause bei seiner Frau und den gemeinsamen drei Töchtern, muss Thomas Ulrich das Scheitern der Expedition, auf die er sich jahrelang vorbereitet hatte, verarbeiten. Und sein Leben neu ausrichten. Sie sind ein erfahrener Alpinist und haben das Inlandeis von Patagonien durchquert: Warum wollten Sie die Arktis durchqueren? Thomas Ulrich: Vor drei Jahren hatte ich bei einer Expedition am Cerro Torre in Patagonien ziemlich Glück: Ein Eisabbruch stürzte direkt über uns ins Tal, wir überlebten nur mit viel Glück. Da wurde mir klar, dass das Risiko, am Berg zu sterben, zunimmt, je länger ich bergsteige. Und das wäre nicht gut für meine Familie, ich habe Frau und drei Kinder. Ich suchte deshalb ein Betätigungsfeld, in dem ich aber meinen Abenteuerinstinkt weiter ausleben konnte, und fand es in der Arktis. Dort wollte ich alle meine Erfahrungen, die ich in meinem Leben bisher gesammelt habe, auf den Punkt bringen, und zwar mit einem richtig grossen Projekt. Arctic Solo hätte eine Art grandioser Abschluss meiner, wie soll ich sagen: aktiven Karriere werden sollen. Thomas Ulrich Nur mit viel Glück überlebte Thomas Ulrich seinen Versuch, zu Fuss und alleine die Arktis zu überqueren. Wieder zu Hause in Interlaken, macht sich der Abenteurer Gedanken über Gefahren, Gefühle und Glücksritter. Von Christian Hug (Text) und Thomas Ulrich, Uli Wiesmeier, Jost von Allmen (Bilder) Das Projekt hiess Arctic Solo und hätte die erste Nordol-Überquerung eines Sologängers ohne fremde Hilfe werden sollen. Ganz auf sich allein gestellt wollte der Interlakner Bergsteiger und Abenteurer Thomas Ulrich Anfang März dieses Jahres 2000 Kilometer über das arktische Eis zu Fuss zurücklegen, ohne dass Helikopter alle zwei Wochen Nachschub an Nahrung und Material gebracht hätten – und zwar von Festland zu Festland. Doch genau hier lag die zweite grosse Schwierigkeit dieser Expedition: Zwischen der Küste und der kompakten Eisdecke auf dem Meer liegt ein rund 20 Kilometer breiter Streifen, wo das Eis wegen der Meeresströmung dünn und dauernd in Bewegung ist. Die allermeisten Abenteurer überfliegen deshalb per Helikopter diese Und dann hätten Sie sich zur Ruhe gesetzt? Das weiss ich nicht. Wahrscheinlich hätte ich mich danach an das Projekt gemacht, auch durch die Antarktis zu laufen. Es liegt nicht in meiner Natur, nur im Büro zu sitzen. Aber ich mag heute nicht mehr jeden Tag in Felswänden unterwegs sein für meine Bilder. Eine Frage des Alters? In den Bergen schon. In der Arktis nützen einem die Erfahrungen, die man als 40- oder 50-Jähriger hat, natürlich sehr. Wieso ausgerechnet die Arktis? Beim Bergsteigen bin ich vielen Gefahren ausgesetzt wie Eis- und Steinschlag, ich kann abstürzen oder in Gletscherspalten fallen. Auf dem Eis hingegen beschränken sich die objektiven Gefahren auf zu dünnes Eis, in dem man einbrechen kann, und auf Eisbären. Gegen das erste hilft Vorsicht und Erfahrung, gegen Eisbären ist man bewaffnet. Die Herausforderung in der Arktis ist also psychi- 34 Polar NEWS

scher und physischer Art. Hier geht es vor allem um mentale Stärke. Dazu kommt die schiere Grösse dieses Projekts: Alleine die Vorbereitungen für Arctic Solo waren ein Abenteuer für sich. Und warum solo? Weil ich bislang alle meine Expeditionen im Team unternommen habe und also alle Entscheidungen im Team erarbeitet werden mussten. Für dieses letzte grosse Unternehmen wollte ich absolut auf mich allein gestellt sein. Warum liessen Sie sich nicht einfach über den schwierigen Eisgürtel fliegen? Weil das nicht die komplette Überquerung gewesen wäre: Ich wollte von Festland zu Festland laufen, und da kann man nicht bei Kilometer 70 anfangen. Das entspricht nicht meiner Ethik und auch nicht dem ungeschriebenen Gesetz der Abenteurer: Eine Überquerung gilt nur dann als solche, wenn sie von Festland zu Festland erfolgt. Gleichzeitig mit mir sind drei andere Expeditionen gestartet, deren Teilnehmer sich über die bewegte Zone fliegen liessen und auf sicherem Eis losmarschierten. Alle drei Teams mussten auf der kanadischen Seite ausgeflogen werden. Auf ihren Internet-Seiten haben sie dann aber trotzdem geschrieben: Mission completed. Das finde ich verwerflich. Ihre Expedition scheiterte im dünnen Frischeisgürtel. Actic Solo ist nicht am Eis gescheitert, sondern am unerwarteten Sturm, der mich so weit abgetrieben hat. Ich verlor im Sturm wichtige Ausrüstung, das Zelt wurde zerstört, mein Schlafsack wurde nass und gefror, und das Trinkwasser ging mir aus – das Schmelzwasser von salzigem Eis konnte ich ja nicht trinken. Seit ein paar Jahren wird man den Eindruck nicht los, dass Bergsteiger über die Pole wandern wollen, kaum haben sie ein paar Berggipfel geschafft... Genau das wurde auch mir des öftern vorgeworfen. Es gibt tatsächlich viele Romantiker unter den Bergsteigern, und die meisten vergessen dabei, dass arktisches Eis und Bergeis zwei komplett verschiedene Dinge sind. An diesem Romantiker-Boom, wenn man dem so sagen will, sind bis zu einem gewissen Grad auch wir Profis Schuld: In den Fernsehsendungen sieht alles so machbar und abenteuerlich aus, und viele Unerfahrene denken sich dann: Das kann ich auch. Die DOK-Fernsehsendung über Ihre Arctic-Solo-Expedition zeigt einen anderen Abenteurer als Draufgänger, der schon am ersten Tag wieder aufgibt. Der ist ein gutes Beispiel für die Romantiker: Wenn es wirklich hart auf hart kommt, sind sie nicht bereit, bis zur allerletzten Konsequenz alles von sich zu geben, um an ihr Ziel zu kommen. Das beginnt meistens schon bei der Vorbereitung: Romantiker sind meistens katastrophal ausgerüstet und körperlich ungenügend vorbereitet. Vielleicht sollten die Medien weniger über die richtigen Abenteurer berichten... ...dann kämen weniger Träumer auf die Idee, es uns nachzumachen. Das stimmt. Nur würden wir Profis dann keine Sponsoren mehr finden und könnten somit auch nicht mehr auf unsere Expeditionen gehen. Gleichzeitig werden die Expeditionen der Profis immer aufwändiger. Zurzeit ist die In vier Monaten wollte Thomas Ulrich im Alleingang die 1800 Kilometer lange Strecke vom Kap Arktichesky in Russland über den Nordpol zur Ward Hunt Island in Kanada zu Fuss zurücklegen. In der instabilen Frischeiszone entlang der russischen Küste geriet er in einen Sturm und wurde abgetrieben. Polar NEWS 35

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum