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PolarNEWS Magazin - 4

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Walfangschiffe sind

Walfangschiffe sind leicht am Steg erkennbar, der von der Brücke direkt zum Bug führt–der Weg des Kapitäns zur Kanone. Die todbringende Kanone. Die «Pfeilspitze» bohrte sich in den Wal und detonierte in seinem Körper. Jeder erlegte Wal wur Fahne und legte die «Willem Barendsz» erneut die leinen los, diesmal Richtung Antarktis. Eine Woche dauerte die Fahrt dorthin. Cor arbeitete auf dem Mutterschiff als «Hakenboy»: Mit dem krummen Messer am langen Stiel schnitt er den Walen den Speck vom Fleisch. Die von einem Sammelboot hergebrachten Wale wurden auf das Speckdeck gezogen und zerschnitten. In dicken Brocken von über zehn Kilo kam der Speck direkt in den Ofen, wo er zu Tran schmolz und in Fässer abgefüllt wurde. «Das war anstrengende und gefährliche Arbeit», sagt Cor. «Das Schiff schaukelte ja ständig. Wer von einem herabfallenden tonnenschweren Speckstück getroffen wurde, konnte leicht erschlagen werden.» Einen bis zwei Tote habe es auf dem Schiff in jeder Saison gegeben. Das Deck war vom Fett und vom Blut so glitschig, dass die Arbeiter Nägel in ihre Schuhe schlugen, um nicht auszurutschen – die Holzbretter, mit denen das Deck ausgelegt war, gab ihnen sicheren Halt. Der entspeckte Wal wurde mit Seilwinden vorwärts gezogen zum Fleischdeck, wo ihm weitere «Hakenboys» das Fleisch von den Knochen schnitten und dieses im Schiffsbauch tiefkühlten. Auf der «Willem Barendsz» waren immer einige Japaner an Bord, die die besten Fleischstücke vom Platz kauften und japanische Schiffe orderten, die das Fleisch abholen kamen. «Die Japaner», sagt Cor, «waren übrigens immer sehr gute Seeleute.» Die Knochen wurden zu Mehl gestampft. Der Rest, die Schlachtabfälle, wurde zügig über Bord geworfen – denn der nächste Wal war buchstäblich schon im Anzug. So ging das 24 Stunden am Tag im Mehrschichtenbetrieb. Grosskombüse wurde ich wie ein Bauerntölpel behandelt, weil ich von einer kleinen Insel kam und nicht wie die meisten anderen aus den Grossstädten Amsterdam oder Rotterdam.» Ein halbes Jahr lang kreuzte Cor auf dem Mutterschiff durch die antarktischen Gewässer, bevor die «Willem Barendsz» wieder in Kapstadt anlegte. Die Vorräte an Früchten und Gemüse waren längst ausgegangen, die mitgeführten Eier rochen schon seit Wochen faulig. «Nach so langer Zeit auf See kam uns die Stadt vor wie das Land, in dem Milch und Honig fliessen», schwärmt Cor. Aber immerhin: 1626 Blau-, Finn-, Buckel- und Potwale hatte die Flotte gefangen und auf dem Mutterschiff verarbeitet. Jetzt ging die ganze Reise retour: Fangschiffe zum Übersommern klarmachen und zurück nach Amsterdam und von dort wieder nach Hause nach Ameland. Neun Monate war er insgesamt weg. Und zurück Vom Deck in die Küche «Nach ein paar Monaten wurde ich in die Küche beordert. Ein Koch war krank, und weil der Küchenchef wusste, dass ich Bäcker gelernt hatte, bestellte er mich zu sich.» So wurde Cor zum Koch, «aber in der Der Mann auf dem Ausguck sichtete die Wale als erster und alarmierte die Mannschaft. Er lotste auch den Steuermann und den Kapitän während der eigentlichen Jagd. 38 Polar NEWS

de für die Sammelboote mit einer einem Radar-Reflektor markiert. Das Sammelschiff brachte die erlegten Wale zum Mutterschiff. Sie wurden an der Fluke an die Reling gebunden. Die Beute vor der Verarbeitung: Finnwale (mit weissem Bauch) und Blauwale (mit dunklem Bauch). auf die «Willem Barendsz» wollte Cor auf keinen Fall. «Ich sagte meinem Chef, dass ich nächste Saison nur wieder komme, wenn ich auf einem Fangschiff kochen darf.» Kein Problem: Drei Monate später ging Cor erneut an Bord der «Willem Barendsz», fuhr nach Kapstadt und wurde Koch eines Fangschiffes. Die Fangschiffe fuhren dem Mutterschiff einen bis zwei Tage voraus auf der Suche nach Walen. Hatte der Späher auf dem Ausguck die weissen Fontänen der Meeresriesen gesichtet, lotste er das Boot Richtung Wale. War das Schiff nahe genug dran, begab sich der Kapitän von der Brücke via einen direkten Steg an den Bug, denn ausschliesslich ihm war es vorbehalten, die Kanonenharpune abzufeuern. Der Späher im Ausguck lotste jetzt sowohl das Schiff als auch den Kapitän: Von Ausguck herab konnte er am besten abschätzen, wann für den Schützen der ideale Moment für seinen tödlichen Schuss kam. Mit einem lauten Knall feuerte der Kapitän die Kanonenharpune. Das Geschoss bohr sich in den Körper des Wales und detonierte in seinem Inneren. «Ein guter Schütze brauchte nur einen Schuss pro Wal», sagt Cor. «Aber ich habe Kapitäne erlebt, die mussten fünf Mal schiessen, bis der Wal tot war.» Das verendete Tier wurde mit Seilen und Haken zu den Planken gezogen, wo ihm mit Schläuchen Luft in den Körper gepumpt wurde, damit es nicht sinkt. Der Funker meldete den Fang an das Sammelschiff, der Wal wurde mit einer Flagge und einem Radar-Reflektor markiert. Und weiter ging die Fahrt durchs eisige Wasser auf der Suche nach dem nächsten Opfer. Ununterbrochen Tag und Nacht, sechs Monate lang. Cor kochte derweil für seine Männer. Proviant vom Mutterschiff. Und natürlich Walfleisch. «Gebraten schmeckt es wie Rindersteak. Aber man muss es essen, solange es heiss ist, sonst bekommt es einen tranigen Geschmack.» Er servierte seinen Männern frisches Brot und süssen Kuchen, das gebührte seiner Bäcker-Ehre. Ein reicher Mann Wieder zu Hause in Nes, konnte Cor Geld zählen. Sehr viel Geld, denn auf einem Fangschiff verdiente er mehr als auf dem Mutterschiff. Abgerechnet wurde mit Fixum und in genauestens nach Dienstgrad abgestuften Anteilen an Provision pro erlegten Wal. Für ihn, den Koch, 7,69 Cent plus noch mal soviel «Jägerbonus» pro 180-Liter-Fass Tran, 10,38 Cent pro Tonne Knochenmehl, 14,43 Cent für jede Leber. So kam er in der achtmonatigen Jagdsaison 1958/59 bei 219 erlegten Walen auf einen Lohn von 6016.08 holländischen Gulden. Das entspricht 752 Gulden pro Monat – plus, wenn man so will, Kost und Logis. Eine astronomisch hohe Summe. Cor: «In den Monaten zu Hause arbeitete ich auf der Fähre. Dort verdiente ich gerade mal 240 Gulden pro Monat, also einen Drittel des Walfängerlohnes.» Wenn man die Löhne dieser Saison aufrechnet auf 1100 Mann Besatzung und die Betriebskosten für das damals grösste Walfang- Mutterschiff der Welt und deren Fangschiffe bei einem Gesamt-Jagdertrag von 2190 Walen, wird klar, wie lukrativ der Walfang damals war. Mit 6000 Gulden konnte sich Cor damals etwa ein halbes Haus kaufen. Bald hatte er das Geld für sein erstes Haus beieinander. Er «Hakenboys» schnitten mit krummen Klingen und Kränen den Wal in Stücke. Ein Blauwal ist bis zu 200 Tonnen schwer. Eine anstrengende und gefährliche Arbeit. Polar NEWS 39

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