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PolarNEWS Magazin - 4

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Walfang Der Jäger und

Walfang Der Jäger und sein Schützling Einst war Cornelius Cransbergen Walfänger. Heute ist er Greenpeace-Mitglied und wütend auf Japan und Norwegen. Wie der fischende Holländer vom Saulus zum Paulus wurde. Von Christian Hug (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Ameland ist ein schöner Flecken Erde. Eine kleine Nordsee-Insel vor Westfriesland, ganz oben in Holland, 27 Kilometer lang und ein paar wenige Kilometer breit. Platz genug für vier Dörfchen, die aussehen wie zu gross geratene Modelleisenbahn- Siedlungen: winzige braune Ziegelhäuser mit winzigen roten Kopfsteinpflaster- Strassen und winzigen grünen Gärten. Der salzige Meerwind weht mal kräftiger, mal schwächer über die Dünen, aber permanent. Ebbe und Flut bestimmen den Rhythmus des Wattenmeeres, wo im Sommer abertausende Vögel brüten. Kurz: Ameland ist idyllisch. Und so ruhig, dass es auf der Insel fast nichts zu tun gibt, wenn die Fähre keine Sommerfrischler übersetzt. Ausser zur See fahren und Fische fangen, Heringe zum Einlegen und Schollen zum Braten. Doch die sind auch im sprichwörtlichen Sinne nur kleine Fische. Von der Zeit der richtig grossen Brocken, die einst Ruhm und Ehre einbrachten, gibt es auf Ameland nur noch das, was man heute Historie nennt: Die 400 Jahre alten Wohnhäuser ehemaliger Kapitäne von Walfangschiffen. Das Walfang-Museum in Ballum, Gartenzäune aus längst verwitterten Walknochen. Und Cornelius Cransbergen. Vertrauen in die Theorie Cor, wie er von den Insulanern genannt wird, arbeitete in den fünfziger und sechziger Jahren zehn Saisons lang auf den Schiffen der holländischen Walfangflotte und jagte die riesigen Meeressäuger in den Gewässern der Antarktis. Seine Arbeit brachte ihm grosses Ansehen ein, viel Geld und den Segen der Wissenschafter. Heute ist er Greenpaece-Mitglied wie die meisten seiner ehemaligen Berufskollegen und setzt sich für den Schutz seiner einstigen Beutetiere ein. «Es ist eine Schande für die ganze Menschheit, dass diese wunderbaren Tiere heute immer noch gejagt werden», schimpft Core, «schlicht und einfach eine Schande. Es gibt heute keinen Grund mehr, Wale zu jagen.» Cor ist 78 Jahre alt, hat kräftige, ruhige Hände, buschige Augenbrauen mit tiefsitzenden, dunklen Augen. Er ist gross und immer noch von eindrücklicher Statur. Er lebt mit seiner Frau Hennie in einem dieser winzigen Ameland-Häuschen und hält ein halbes Dutzend langhaarige Dackel. Wenn er zu den Dünen geht oder in den Ferienhäuschen, die er an Touristen vermietet, zum Rechten sieht, zieht er eine grüne Wachsjacke an. Und wenn er von den grossen Walen erzählt, wie sie immer weniger werden und wegen nichts und wieder nichts ihr Leben lassen müssen, beginnen seine Augen wild und wütend zu funkeln. Er, Cransbergen aus Nes, wütend? Wo er doch als Schiffskoch eines Walfängers selber zur fatalen Situation der Wale beigetragen hat? Cor scheut diese Frage nicht. «Wissenschafter haben uns damals glaubwürdig in Blauwal-Einheiten vorgerechnet: Zwei Finnwale oder drei Buckelwale entsprachen einer Blauwal-Einheit. Pro Jahr könne man weltweit getrost 16'000 Blauwal-Einheiten jagen, denn jährlich wachse die Gesamtpopulation der grossen Wale um 20'000 Blauwal-Einheiten, woraus sich immer noch ein jährlicher Zuwachs von 4000 Blauwal-Einheiten ergäbe. Wir stachen also mit dem akademisch gesicherten Wissen in See, die Bestände der Wale keinesfalls zu dezimieren. Es gab klare Bestimmungen, wie gross ein Wal im Minimum sein musste, dass er geschossen werden durfte. Kapitäne, die sich nicht an die Vorschriften hielten, wurden damals noch in den Tageszeitungen getadelt. Und auf unserem Schiff waren immer mehrere Wissenschafter an Bord, die jeden gefangenen Wal genau vermassen. Ein Blauwal zum Beispiel musste mindestens 66 Fuss lang sein. Wenigstens bei uns.» Bei anderen sei das nicht so gewesen. «Russische Walfänger erzählten mir, sie hätten auf alles geschossen, was sich bewegte...» Walfang-Tradition Die Gewissensfrage war also geklärt, bevor sie gestellt wurde. Doch das war nur einer der Gründe, warum Cor als Walfänger anheuerte. Der andere war Ameland. «Es gab keine Arbeit hier, zumal unser Land immer noch an den schlimmen Folgen des Zweiten Weltkrieges litt», erzählt Cor. «Als mein Vater wegen einer Kinderlähmung seine Bäckerei aufgeben musste, war ich zu jung, um sein Geschäft zu übernehmen.» Cor tat das Naheliegendste, er ging zur See. Zuerst auf einem kleinen Küstenhandels- 36 Polar NEWS

Cornelius Cransbergen geht nicht ohne seine Wachsjacke und die Golfermütze aus dem Haus. Der 78-jährige Amelander backt gerne Süsses und hält Langhaardackel. Früher kochte er für Walfänger in der Antarktis. schiff nach London, Manchester und Paris, «aber das war endlos langweilig». Seine Chance witterte er, als ihm ein Seemann anbot, auf dem Walfangschiff «Willem Barendsz» zu arbeiten, dem einzigen Mutterschiff der holländischen Walfangflotte. Ameland war seit jeher eine Walfänger- Insel. Jahrhundertelang stachen Ameländer auf der Jagd nach Walen in See. Viele verloren dabei ihr Leben, und Kapitäne wie Hidde Dirk Kat erlangten Berühmtheit, aber alle verdienten mit diesem Handwerk gutes Geld und grosses Ansehen bei den Insulanern. Walfänger waren wilde Kerle. Cor wollte sein Glück ebenfalls versuchen. Und Wale waren damals nützliche Tiere: Aus ihnen wurde Kerzen- und Maschinen-Öl hergestellt, Margarine und Fleisch, Elfenbein und Farben, Seifen, Salben und Suppen... Noch nach dem Ersten Weltkrieg meinte die britische Armeeführung: «Ohne das Walöl wäre die Regierung nicht in der Lage gewesen, sowohl die Ernährungsschlacht als auch die Munitionsschlacht zu schlagen.» Auf der «Willem Barendsz» Im Herbst 1951 ging der damals 23-Jährige in Amsterdam an Bord der «Willem Barendsz». «In Amsterdam luden wir 15'000 Kilo Munition, bevor wir nach Curaçao in See stachen, um dort Treibstoff zu tanken», erzählt Cor. Die Reise dorthin dauerte zwei Wochen, weitere drei Wochen war die «Willem Barendsz» nach Kapstadt unterwegs. «In dieser Zeit gab es für uns nicht viel zu tun, mannsdicke Seile knüpfen und das Deck mit Holzbrettern auslegen.» Wozu der doppelte Boden nützlich war, würde Cor bald sehen. In Kapstadt lag das Schiff vor Anker, während die im dortigen Hafen eingestellten Fang- und Sammelboote klar Schiff gemacht wurden: bis zu 18 kleinere Dampfschiffe mit je 15 Mann Besatzung, die dem Mutterschiff voraus fuhren und die Wale erlegten. Zur Verstärkung der Mannschaft kamen rund 350 Südafrikaner an Bord, so dass die gesamte Crew etwa 1100 Mann zählte. Nach drei bis vier Tagen in Kapstadt Polar NEWS 37

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