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PolarNEWS Magazin - 4

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oder ein Ende der

oder ein Ende der Navigationsbrücke bricht einfach ab! Vergnügungs-Schiff Bis in den Herbst hinein versorgen die Eisbrecher auch Wissenschafter auf den 52 Wetter- und Forschungsstationen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in der Arktis verbliebenen sind. Früher gab es 150 Stützpunkte, die vor allem militärische Aufgaben hatten. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion in den neunziger Jahren war dieses Gebiet mitsamt dem 1926 annektierten Franz-Josef-Land eine hochgeheime Sperrzone. Seit der Wende sind nebst dem touristischen Einsatz der Schiffe im Sommer auch internationale Kooperationen möglich: So wird die «Kapitan Dranitsyn» diesen Herbst von einer US-Kanadischen Forschungsgruppe gechartert, um am 80. Breitengrad spezielle Bojen für seismographische Messungen zu setzen. Der Antennenturm garantiert permanenten Kontakt via Satellit mit der Heimat-Zentrale in Murmansk. Satellitentelefon, Email und Funk sind auch im Eismeer selbstverständlich. Öl für einen Monat Eisbrecher sind teure Schiffe. Eine gute Auslastung ist deshalb für die Wirtschaftlichkeit zwingend. Die derzeitige Auslastung der «Kapitan Dranitsyn» von 80 bis 90 Prozent ist rentabel. Doch der unablässig steigende Ölpreis verteuert die Betriebskosten enorm. Die sechs Generatoren verbrennen Schweröl, und das nicht zu knapp: In besonders hartem Eis, das auch an Flussmündungen entsteht, wo sich Salz- und Süsswasser vermischen, verbrennt die «Kapitan Dranitsyn» bei voller Fahrleistung 90 Tonnen Schweröl pro Tag. Knapp die Hälfte ist es im lockeren Treibeis bei zügiger Elektrodiesel-Eisbrechern rund 45'000 Franken pro Tag. Im Sommer wird so die berühmte Nordost-Passage schiffbar. Sie verbindet Murmansk via Beringstrasse, dem Tor zum Pazifik, mit Asien. Diese Strecke ist 7000 Kilometer kürzer als die Route via Ärmelkanal, Mittelmeer, Suezkanal, Singapur und dem Südchinesischen Meer nach Japan. Im Winter jedoch ist die Nordost-Passage sogar für die stärksten Eisbrecher unbefahrbar. Doch der westliche Teil der arktischen Region Russlands, das Weisse Meer bei Murmansk, die Barents- und Kara-See sowie die grossen Flussmündungen bis zur Mündung des Jenissei sind dank Eisbrechern ganzjährig befahrbar. Auch bei Temperaturen um die minus 50 Grad. Erst unter minus 60 Grad wirds heikel: Die Aufbauten aus Stahl, zuoberst die Navigationsbrücke, schrumpfen, es treten Spannungen auf, Fensterscheiben brechen Hier landen: Zwei Helikopter gehören zur Standard-Ausrüstung eines jeden grösseren Eisbrechers. Sie ermöglichen schnelle Erkundungen vor Ort. 28 Polar NEWS

In der Kommandozentrale des Maschinenraums: Von hier aus wird jede Funktion des Schiffes überwacht. Im Maschinenraum ist von den Elektrodiesel-Motoren so gut wie nichts zu sehen. Von Kohle-Schaufeln-Romantik à la «Titanic» keine Spur. Marschfahrt von bis zu 15 Knoten. Ein voller Tank mit 2990 Kubikmetern Inhalt ermöglicht eine Selbständigkeit des Eisbrechers von mindestens 28 Tagen. 48 Mann Besatzung sind nötig um die «Kapitan Dranitsyn» zu führen. Die «Kapitan Dranitsyn» kostete übrigens 1980 umgerechnet etwa 100 Millionen Franken. Heute wäre die sehr gut erhaltene Occasion relativ günstig für 10 Millionen Franken zu haben... In Zukunft mit Azipod Die Geschichte der Eisbrecher ist jung. Vor genau 106 Jahren bestellte das zaristische Russland in einer Werft in Grossbritannien den ersten Eisbrecher, die «Yermack». 1977 erreichte die russische «Arctica» als erster Eisbrecher den Nordpol. In den letzten zehn Jahren baute das im Eisbrecherbau führende Finnland Elektrodieselschiffe mit einer neuen Antriebs-Technologie namens Azipod. Dabei ist die Schiffsschraube mit einem Elektromotor zu einer Einheit verbunden, die in einer Gondel unter dem Heck drehbar montiert ist. In der Regel sind die Schiffe mit zwei dieser Azipods ausgerüstet. Diese sind um 360 Grad drehbar. Ein Ruder im klassischen Sinne entfällt. Richtungswechsel, Vor- und Rückwärtsfahrt sowie Manöver erfolgen durch Drehung der Azipods. Diese sind in der Wartung und im Energieverbrauch effizienter als das herkömmliche Antriebssystem. Die Murmansk Shipping Company hat bereits zwei derartige Schiffe gekauft. Die älteren, konventionellen Eisbrecher sollen in Zukunft zu Mulitfunktionsschiffen umge- baut werden, damit sie etwa als Kabelleger oder als schwimmende Kraftwerke für Baustellen im Meer dienen können. Seit einigen Jahren schon verleiht die Murmansk Shipping Company im Hochsommer Eisbrecher auch an Reiseunternehmen, die Touristenfahrten nach Franz- Josef-Land, in die russische Arktis oder sogar zum Nordpol durchführen. Um den Ansprüchen westlicher Touristen gerecht zu werden, ist die 1980 gebaute «Kapitan Dranitsyn» in den neunziger Jahren renoviert worden und besitzt jetzt komfortable Kabinen mit Aussenfenster und Nasszellen für insgesamt 100 Gäste, eine leistungsfähige Hotelküche. Daneben bietet das Schiff seinen Gästen auch und verschiedenste Annehmlichkeiten wie Bibliothek, Vorträge und Abendkonzerte. Bizarre Poesie aus dem Bordhelikopter: Mit halber Kraft voraus pflügt die «Kapitan Dranitsyn» (in der Bildmitte) eine Schneise durch das sich allmählich verdichtende Treibeis-Feld. Polar NEWS 29

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