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PolarNEWS Magazin - 4

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Eisbrecher Eisbrecher

Eisbrecher Eisbrecher sind die schwimmenden Kraftprotze unter den Schiffen. Mit spezialisierter Technik und Taktik machen sie sich auch unter harten Bedingungen nützlich. Unterwegs mit dem Eisbrecher «Kapitan Dranitsyn». Von Daniel B. Peterlunger (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Kapitän Vladimir Zajerko zuckt nicht mit der Wimper, als im dichten Nebel plötzlich mächtige Eisschollen vor dem Bug seines Schiffes auftauchen: tonnenschwere Eisplatten, mit denen wir gleich mit hoher Geschwindigkeit – 12 Knoten! – kollidieren müssen. Ein eiskalter Kuss, der jeden Kahn beschädigt und versenkt. Wie die «Titanic». Adieu, Welt! Doch die unter russischer Flagge fahrende «Kapitan Dranitsyn» ist kein normales Schiff, sondern ein Eisbrecher. Gebaut für Fahrten durch viel dickeres und härteres Eis als die weissen Schollen, die wir jetzt rammen. Bloss ein schwaches Rumpeln geht durchs Schiff. Geschwindigkeit: unverändert. Der Zweite Offizier schaut nicht einmal von der Seekarte auf, in der er die aktuelle Position markiert: 76 Grad 40 Minuten nördliche Breite, 69 Grad 25 Minuten östliche Länge – wir haben das erste Treibeisfeld der russischen Arktis erreicht. Weit hinter uns, im Südwesten, liegt unser Ausgangspunkt Murmansk, das sich selber das Tor zur russischen Arktis nennt: mit 350'000 Einwohnern die grösste Stadt nördlich des Polarkreises, Heimathafen der russischen Nordflotte und der Atom-U- Boote sowie Sitz der Murmansk Shipping Company: Dieses Unternehmen betreibt die elf Eisbrecher im Besitz des russischen Staates, darunter den mit 75'000 PS stärksten der Welt, die atomar angetriebene «Yamal». Die «Kapitan Dranitsyn» besitzt ein Drittel dieser Leistung und ist konventionell angetrieben. Es ist ein sogenannter Elektrodiesel-Eisbrecher. Er ist 132 Meter lang und hat sechs Wartsilä-Sulzer-Dieselgeneratoren mit insgesamt 24'840 PS. Sie erzeugen Strom für drei Gleichstrom-Elektromotoren, die wiederum die drei Schiffsschrauben von 4,8 Metern Durchmesser antreiben. Ähnlich grosse Frachter oder Passagierschiffe besit- Eis in S Volle Kraf Eis in vielen Formen Später, 82 Grad Nord, an der Nordspitze der Inselgruppe Severnaja Semlja, 900 Kilometer vom Nordpol entfernt: Das Eis macht dicht. Starker Wind verhindert einen Erkundungsflug mit einem der zwei Helikopter, wie sie jeder anständige Eisbrecher mitführt. Neue Satellitenaufnahmen helfen weiter: Das Eis ist unterschiedlich dick. Der Kapitän hat die Bilder von der MSCOzen lediglich einen Viertel dieser Leistung. Das Elektrodiesel-Antriebssystem macht ein klassisches mechanisches Getriebe überflüssig. Ein Vorteil, denn das Eisbrechen erfordert hohe Antriebskraft und schnelle Lastwechsel, und dafür wäre ein herkömmliches Getriebe zu empfindlich, zumal dieses keine schnelle Schubumkehr zulässt: Volle Fahrt voraus und dann, wenn das Schiff im Eis stecken bleibt, sofort zurücksetzen, um neuen Anlauf zu holen. Zudem würde ein mechanisches Getriebe wahrscheinlich zerstört, wenn Eisbrocken so gross wie ein Wohnzimmer in die Schiffsschraube geraten und diese schlagartig blockieren und massiv beschädigen. Hohe Lastwechsel treten auch beim Freischleppen eingefrorener Schiffe auf – eine der Hauptaufgaben von Eisbrechern. 26 Polar NEWS

Rumpfs bestehen aus einer 45 Millimeter dicken, ultraharten Titan-Stahl-Legierung. Herkömmliche Schiffe dieser Grösse verfügen lediglich über eine etwa 18 Millimeter starke Stahlschicht. icht? – t voraus! Problemlos bahnt sich die «Kapitan Dranitsyn» ihren Weg durch das Eismeer. Wenn nötig, schiebt sich das Schiff einfach aufs Eis und bricht dieses mit dem Gewicht der eingebauten Wassertanks. Zentrale in Murmansk per Email erhalten, um eine optimale Route durchs Eis zu finden. Bei der Umschiffung der Inseln lässt sich jedoch die Durchquerung extrem dichter Eisflächen nicht ganz vermeiden. Das Vorgehen ist je nach Eissituation unterschiedlich. Treibeis in losen Schollen ist der einfachste Fall: halbe Kraft voraus, geradeaus durch die Eissuppe. Die Schollen brechen, zerbröseln und werden seitlich weggeschoben. Ganze Treibeisfelder: Sie weisen im Sommer breite Risse auf – Raum, in den die Schollen ausweichen können. Grössere Eisbrocken, von denen bekanntlich nur ein Bruchteil aus dem Wasser ragt (die berühmte Spitze des Eisberges), sind jedoch wegen ihrer Masse träge und weichen kaum aus: Sie bleiben vor dem Bug liegen. Um sie wegzuräumen, schiebt sich das Schiff einfach auf die Brocken hinauf. So drückt es entweder den Eisberg oder sich selber seitlich weg. Volle Motorenleistung ist erst im Packeis nötig, in hochverdichtetem Eis, das hart wie Stahl sein kann. Bis zu einer Dicke von etwa zwei Metern knackt es die «Kapitan Dranitsyn» mit der rohen Kraft der hohen Geschwindigkeit: Es kracht, als würden wir Felsen streifen oder über Untiefen schrammen. Doch der Eisbrecher steckt das locker weg: Sein Bug und das erste Drittel des Das Gewicht kommt ins Spiel Ist das Eis dicker als zwei Meter, schiebt sich die «Kapitan Dranitsyn» mit voller Fahrt auf die Eisplatte: Das Eis zerbricht langsam unter dem hohen Schiffsgewicht, der Bug senkt sich, Eisplatten kippen seitlich weg. Manchmal werden dabei Polardorsche, die sich unter dem Eis tummeln, in die Luft geschleudert. In Kursrichtung entsteht ein langer Riss, der Eisbrecher nimmt wieder Fahrt auf. Begünstigt wird diese Taktik durch den flachgeschnittenen Vorsteven. So heisst die gerundete Kante des Bugs mit nur 8,5 Metern Tiefgang und einem speziellen Farbanstrich, der die Reibung im Eis mindert. Zusätzlich befinden sich auf beiden Seiten des Rumpfes unterhalb der Wasserlinie je 24 Düsen: Durch sie wird mit Hochdruck Luft herausgeblasen, um die Reibung zu verringern und gleichzeitig die beim Eisbrechen entstehenden Eisbrocken wegzublasen, damit sie die Antriebsschrauben im Heck nicht beschädigen. Dank den Luftdüsen gelingen auch Hafenmanöver wie seitliches An- und Ablegen besser. Damit das Eisknacken durchs Eigengewicht auch in extrem kompaktem Eis gelingt, wird ein Wassertank im Bug mit 880 Tonnen Wasser gefüllt. Reicht auch dieser temporäre Gewichtszuwachs nicht aus, so greift die Mannschaft zum letzten Trick: schwungvolles Schaukeln! In der vorderen Hälfte des Rumpfs der «Kapitan Dranitsyn» sind auf beiden Seiten je drei lange Tanks eingebaut. Damit können pro Rumpfseite weitere 360 Tonnen Wasser geladen werden. Um das Schiff in den Schaukelgang zu zwingen, füllen und entleeren Pumpen automatisch und innert 30 Sekunden die Ballasttänke wechselseitig. Das Schiff rollt kontrolliert von Steuerbord nach Backbord und zurück – bis das Eis bricht. Die Schaukeltechnik wird auch in Flüssen mit dünner Eisbedeckung angewandt, um möglichst breite Fahrstrassen herauszubrechen. Sie brechen den Weg frei Die Hauptaufgabe aller Eisbrecher besteht darin, vor Frachtschiffen Schneisen durchs Eis zu brechen. Dieser Service kostet mit Polar NEWS 27

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