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PolarNEWS Magazin - 3

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Im Wapusk-Nationalpark

Im Wapusk-Nationalpark südöstlich von Churchill/Manitoba in Kanada finden sich rund 700 Eisbärbauten, die aber nicht alle in jedem Jahr besetzt sind. Etwa 120 Eisbärenfamilien erblicken hier jedoch jährlich das Licht der Welt. Am häufigsten anzutreffen sind Mütter mit Zwilingen. Von Peter Balwin (Text) und Norbert Rosing (Fotos) Windstille. Tagelang war ein Sturm über die verschneite Tundra gefegt; ein letztes Mal schien der hocharktische Winter seine Unerbittlichkeit beweisen zu müssen. Bereits blinzelten die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings über den weissen, weiten Horizont und kündigten – zögernd noch – das Herannahen der warmen Sommertage an. Nichts regt sich auf den gleissend hellen, schier konturlosen Schneeflächen an diesem frühen Märztag. Nach Stürmen ist die arktische Landschaft noch ruhiger als sonst, kein Laut, kein Hauch, keine Spur, kein Leben. Doch da, eine Regung! Die unberührte Schneeschicht bewegt sich dort am Hangfuss, wird von unten her aufgewühlt von einem schwarzen Etwas: Die feuchte Nase eines Eisbären durchstösst die zwischen 10 Zentimeter bis 2,5 Meter dicke Decke seiner Schneehöhle. Bald folgt der mächtige Kopf, dann die Pranken. Bevor das Tier seinen riesigen, weiss behaarten Körper vollständig aus der Schneehöhle hievt, riecht es minutenlang und beobachtet seine Umgebung ganz genau. Das Weibchen scheint mager und mitgenommen zu sein. Vor über fünf oder noch mehr Monaten, zu Beginn des langen arktischen Winters, hatte sich die werdende Mutter ein geeignetes Gebiet gesucht, um im tiefen Schnee eine Geburtshöhle zu graben, sich dort hineinzulegen und gute zwei Monate später Nachwuchs zu gebären. Bevorzugte Gebiete Bärenforscher fanden 17 Regionen über die gesamte Arktis verstreut, welche für solche Schneehöhlen besonders geeignet scheinen und von trächtigen Bärinnen deshalb bevorzugt zum Bau von Geburtshöhlen aufgesucht werden. Das weltweit wichtigste Gebär-Gebiet der Eisbären liegt auf der Wrangel-Insel in der russischen Arktis; auf einer Fläche so gross wie die Kantone Graubünden und Jura zusammen hat man dort rund 500 Geburtshöhlen gezählt. In der europäischen Arktis wählt die Mehrzahl der trächtigen Weibchen die Kong-Karls-Inseln in Spitzbergen/Svalbard zum Bau der Schneehöhlen. Unser Eisbären-Weibchen dreht sich um und stösst urtümlich gutturale Laute aus, worauf zwei reinweisse, 10 bis 12 Kilogramm schwere, pelzige Jungbären unbeholfen aus ihrer Kinderstube im Tiefschnee kraxeln und zum ersten Mal in ihrem Leben in die Frühlingssonne blinzeln. Obwohl schon drei oder vier Monate alt, sind diese beiden jungen Eisbären jetzt richtig «auf die Welt» gekommen. Noch sind sie putzig, klein und ungelenk, trotzdem können Jungbären in den ersten Lebenswochen ausserhalb der schützenden Höhle bereits Lufttemperaturen von minus 45 Grad überleben. Nur den Kontakt mit dem eisigen Wasser des Arktischen Ozeans Nach langen Stunden des Wartens bei minus 25 Grad kam endlich ein Eisbärchen im letzten Licht des Tages aus dem Bau, spielte etwa 20 Minuten und zog sich dann wieder zurück. 38 Polar NEWS

müssen sie jetzt, so mager wie sie noch sind, meiden: ohne die schützende Fettschicht würde ihre Kerntemperatur lebensbedrohlich sinken. Spielerisch lernen Doch vorerst heisst es: spielen. Die Mutter bleibt mit ihren Jungen eine Zeitlang in der Nähe der Geburtshöhle, wo sich die Kleinen mit der weissen Umgebung vertraut machen können. Etwa zwei bis drei Wochen lang wird die Geburtshöhle zum Schlafen weiter benutzt, danach baut die Bärin oft neben der Höhle ein tiefes Tagesbett im Schnee, wo es sich leichter herumtollen lässt und wo die schwache Frühlingssonne besser wärmen kann. Dann folgt der Gang auf das noch immer zugefrorene Meer, wo das Muttertier auf Beutefang geht. Schliesslich hat sie seit Monaten nichts mehr gefressen. Die beiden Bärenbabys wurden nach einer Tragzeit von sieben bis acht Monaten im tiefsten Polarwinter geboren. Unter der isolierenden Schneedecke der Höhle fällt die Temperatur selten unter minus 1 Grad. Forscher berichten, dass sich in solchen Schneehöhlen kaum Kot- oder Urinstellen finden – sie sind blitzsauber. Dies rührt daher, dass das Weibchen ihren im Sommer angefressenen Fettvorrat (es verdoppelt sein Gewicht, sobald es trächtig ist) während des monatelangen Aufenthaltes in der Geburtshöhle vollständig in Energie umsetzt. Im Zustand einer tiefen Winterruhe verbrennt das Tier ein Kilogramm Körperfett pro Tag. Wenn ein starker, kalter Wind über das Land fegt, bietet nur Mutters dickes Fell genügend Wärme und Schutz für das dreimonatige Junge. Einzelne Babys sind relativ selten anzutreffen. Bis zu acht Monate, je nach Breitengrad des Lebensraumes, bleibt das Weibchen in der engen Höhle unter dem Schnee, monatelang frisst und trinkt es überhaupt nichts und zehrt einzig von den eigenen Fettreserven. Hierbei könnte es sich um die längste Periode handeln, die ein Säugetier ohne Nahrung auskommen muss – und dies in einer Zeit, während der die Eisbärin ihre Jungen gebären und ernähren muss. Am häufigsten erblicken mehreiige Zwillinge das diffuse Licht der Schneehöhlen-Welt. Am zweithäufigsten sind Einzelkinder, aber auch drei oder selten vier Junge werden beobachtet. Eisbären, die Könige der Arktis, beginnen ihr hartes Leben in einem Mitleid erregenden Zustand. Die Bärchen kommen taub zur Welt, sind so klein wie eine Ratte, mager und nackt. Erst vom zehnten Lebenstag an entwickelt sich ein feines Haarkleid. Ihre Blindheit weicht nach vier bis fünf Wochen; bis dann hat sich auch das Gehör voll entwickelt. Riechen können die jungen Eisbären aber erst vom fünfzigsten Tag an. Neugeborene werden vom Muttertier sorgsam zwischen den mächtigen Vorderbeinen gehalten, wo es den hilflosen Nachwuchs mit seinem Atem wärmen kann. Rund 10 Prozent aller Geburten sind Drillinge. Leider ist einer der Geschwister immer der Schwächste und wird von seinen Geschwistern von der Milchquelle weggebissen. Hier vertragen sich alle drei gut. Abruptes Ende der Kindheit Mit einem Geburtsgewicht von 400 bis 600 Gramm wiegen die jungen Arktiskönige gerade einmal so viel wie ein Paar Turnschuhe und sind im Vergleich zum Gewicht eines ausgewachsenen Tieres 15 Mal leichter als Menschenbabys. Ein neugeborener Bär hat rund 0,3 Prozent des Gewichts eines ausgewachsenen; beim Menschen sind es rund 4 Prozent. Aber Eisbären wachsen schnell, dank der Muttermilch mit ihrem enorm hohen Fettgehalt von durchschnittlich 33 Prozent. Zum Vergleich: Menschliche Muttermilch hat rund 4 Prozent Fettanteil. Die Milch der Eisbären-Weibchen weist generell viel mehr Fett auf als diejenige anderer Bärenarten, sie gleicht der Milch von Robben. Von Geburt an haben die Minibären lange, scharfe Krallen, mit denen sie sich an der Mutter festhalten können, um den Weg zu den Zitzen zu finden und alle zwei bis drei Stunden zu säugen. Wen wundert es da noch, dass die jungen Eisbären bei derart optimaler Verpflegung ihr Körpergewicht zwischen ihrem ersten und zweiten Geburtstag verdoppeln. Doch schon nach dem ersten Lebensjahr müssen die kleinen Bären mit einem reduzierten Fettgehalt der Milch von noch rund 20 Polar NEWS 39

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