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PolarNEWS Magazin - 3

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Abenteuer Auf

Abenteuer Auf Wiedersehen, Nordpol Einmal zum Nordpol und das mit Skis, das war unser grosser Traum. Letzten April sollte er endlich wahr werden. Ab als wir uns vorstellten: Oder zählt die Reise auch dann, wenn man zwar da war, aber den Boden nie berührt hat? Von Heiner Kubny (Text und Bilder) Endloses Eis, vorwärts auf Skis, das Gefühl, Neuland zu erobern. Romantisch, aber anstrengend. Vom Tag an, als Rosamaria und ich uns für die Reise zum nördlichsten Punkt der Welt entschieden, begann deshalb das Konditionstraining: lange Wanderungen, Nordic Walking und noch längere Wanderungen, monatelang. Vier Monate vor dem Abenteuer erhalten wir von unserem Reiseleiter und -veranstalter Victor Boyarsky eine Ausrüstungs-Liste. Viktor kennen wir schon von früher. Der russische Extremabenteurer wurde 1989 durch seine legendäre Transantarktis-Expedition bekannt und weiss, was bei längeren Ausflügen bei minus 40 Grad ins Gepäck gehört. Uns fehlen nur noch unsere «Betten» und Schuhe. Schlafsäcke kaufen wir von Mammut, die laut Beipackzettel Temperaturen bis minus 35 Grad standhalten sollen. Als Unterlage dient eine 8 Zentimeter dicke, aufblasbare Matte mit Daunenfüllung. Die Schlafsäcke haben wunderbar warm gegeben. Besondere Aufmerksamkeit richten wir auf die Schuhe. Die auf der Liste aufgeführten Fabrikate sind in der Schweiz nicht erhältlich. Wir erkundigen uns in einem Fachgeschäft, wo uns ein Modell empfohlen wird, das laut Hersteller bis minus 54 Grad Celsius ausreichend Schutz bieten soll. Ein ziemlich schlechter Scherz, wie sich später herausstellen sollte, doch dazu später. Kalte Füsse Am 8. April 2005 geht’s endlich los. Mit Zwischenstopp und Übernachtung in Oslo treffen wir am darauf folgenden Tag in Longyearbyen auf Spitzbergen ein, wo Victor Boyarsky schon auf uns wartet. Sein Helfer kontrolliert am nächsten Morgen unsere Ausrüstung, danach nehmen wir unseren Schlitten, das Zelt und Proviant in Empfang. Ein riesen Paket: Schokolade, Nüsse, Speck und Butter, 6000 Kalorien pro Tag und Person für 12 Tage, ergibt für jeden 20 Kilo Nahrung. Am 11. April Punkt 9 Uhr bringt man uns und eine Handvoll weitere Expeditionsteilnehmer aus aller Welt zum Flugplatz. Eine Stunde später sitzen wir in einer Antonov AN 74 TK-100, die uns ins Eiscamp Barneo bringen wird, jeweils im April und Mai der nördlichste Flughafen der Welt, 100 Kilometer vom Nordpol entfernt und Ausgangspunkt unserer Ski-Expedition. Die Spannung der Teilnehmer ist im Flieger förmlich spürbar. Zu unserem Erstaunen gibt’s an Bord eine kalte Mahlzeit, serviert von einer russischen Schönheit. Das Tablett auf den Knien, Tische sind keine vorhanden, geniessen wir unser Essen, zum Dessert gibt’s einen Apfel. Die Getränke sind ausschliesslich alkoholfrei. Sicher ist sicher! Durch die Fenster sehen wir Eis, nur Eis, nichts als Eis und einige Risse darin mit Wasserflächen. So soll unser Traum aussehen? Die Landung muss kurz bevorstehen, da wir rasch an Höhe verlieren. Hat jemand was von Anschnallen gesagt? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern! Ein Schlag geht durchs Flugzeug, es rumpelt gewaltig, wir sind unten. Die Triebwerke heulen bei der Schubumkehr auf, und mit der Bremskraft eines Formel-1-Boliden kommen wir nach nur etwa 300 Metern zum Stehen. Welcome to Barneo! Einchecken im Zelt Die minus 35 Grad kalte Luft schlägt uns wie ein Hammer entgegen. Ziemlich stürmisch hier. Schnell wird das Flugzeug entladen. Es wird nach 50 Minuten wieder zurückfliegen, denn aus Sicherheitsgründen dürfen hier auf dem Packeis keine Flugzeuge, die eine Piste für Start und Landung benötigen, geparkt werden. Das Eis ist nur 2 bis 3 Meter dick und kann jederzeit reissen, im schlimmsten Fall quer durch die Landebahn. Wir verstauen unser Gepäck im uns zugewiesenen Zelt, in dem wir auch die erste 28 Polar NEWS

So hätte es ausgesehen: Mit schwerem Schlitten 100 Kilometer bis zum Nordpol wandern. Erste Gehversuche im Eiscamp Barneo machten aber schnell klar, dass wir die falschen Schuhe anhatten. er es kam alles anders, Nacht bei frischen minus 45 Grad verbringen. Aber zuerst schauen wir uns erstmal ein wenig im Camp um und unternehmen erste Gehversuche mit Schlitten und Skis. Bereits zwei Stunden nach Ankunft kriegen wir kalte Füsse. Wir melden dies Victor Boyarsky, und als dieser unsere Schuhe begutachtet, gibt er uns zu verstehen, dass wir die falschen Schuhe haben. Spätestens in zwei Tagen würden wir ernsthafte Probleme mit unseren Füssen kriegen. Die falschen Schuhe! Ausgerechnet im ewigen Eis... Zum Glück haben wir von Longyearbyen Reserveschuhe mitgenommen, es sind mit Filz gefütterte Mokassins aus dickem Leder, wie sie die Inuit tragen. Erste Gehversuche mit dem neuen Schuhwerk zeigen, dass zwar das Kälteproblem gelöst ist, dass wir jedoch mit diesem weichen, instabilen Schuh keinen Halt in der Skibindung haben. Zudem belastet der unsichere Stand auf dem unruhigen Eis unsere ungewohnten Fussgelenke stark. Helikopter, hilf! Rosamaria und ich müssen uns entscheiden, was zu tun ist. Nach eingehender Überlegung kommt Rosamaria zum Entschluss, dass sie mit diesen Schuhen nicht eine Distanz von über 100 Kilometern laufen kann. Ich schliesse mich schweren Herzens diesem Entscheid an. Die restlichen Teilnehmer brechen am Nachmittag des 12. April in Richtung Nordpol auf. Für uns ist der Pol aber noch nicht verloren: Gegen Mitternacht desselben Tages werden Rosamaria, ein weiterer Schweizer Teilnehmer mit denselben falschen Schuhen und ich mit einem Helikopter des Typs MN-8 zum Nordpol geflogen. Auf dem Hinweg, rund 20 Kilometer vor dem Nordpol, nehmen wir eine vierköpfige französische Gruppe auf, die wegen der Kälte und ständig aufreissender Eisfläche ihre Expedition abbrechen muss. Endlich, endlich am Nordpol, dem Ziel unserer Träume angekommen, meldet sich der Pilot zu Wort: Der Wind bläst viel zu heftig, deshalb kann er seinen Helikopter nicht aufs Eis setzen. Keinen Fuss werden wir auf den Pol setzen, ganz egal in welchen Schuhen. Mission gescheitert im allerletzten Moment. Landemanöver abbrechen, umkehren, zurück nach Barneo. Sch...ade. Ankunft in Barneo, dem für jeweils ein paar Wochen im Jahr nördlichsten Flughafen der Welt. Das Eis ist dünn. Die Schilder am Pfahl weisen in Städte der Welt und informieren, wie weit es von hier nach dort ist. Polar NEWS 29

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