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PolarNEWS Magazin - 3

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Umwelt Tod durch

Umwelt Tod durch Ertrinken lautet das tragische Urteil für zig Tausende Albatrosse pro Jahr. Die Riesenvögel bleiben an den Haken der kilometerlangen Langleinen der Fischer hängen und werden unter Wasser gezogen. Doch man kann etwas dagegen tun. Von Roland Knauer (Text) und Heiner Kubny (Bilder) Bei jedem Treffen scheint der Graubrauen- Albatros seiner Partnerin auf der Falkland- Insel New Island die Treue erneut beweisen zu wollen: Mit der gebogenen Spitze des orangeroten Schnabels streicht er sanft wie mit einem Kamm durch die Flaumfedern am Kopf der Partnerin und bürstet dieser so Parasiten aus, an die sie selbst nicht heran kommen würde. Sie revanchiert sich mit dem gleichen Liebesdienst und durchkämmt seine Flaumfedern. Stundenlang sitzen die mächtigen weißen Vögel hoch oben auf den Klippen von New Island und kraulen sich gegenseitig. Wenn die Partnerschaft einige Jahrzehnte zuverlässig halten soll, scheint man sich so am besten der Zusammengehörigkeit versichern zu können. Anschließend wirft sich einer der Vögel über die Klippen und segelt in den meist stürmischen Winden des Süd-Atlantik elegant davon, während der zurück gebliebene Partner mit dem Schnabel kunstvoll das Nest aus festgedrücktem Lehm verbessert. Erst wenn der Partner nach einigen Tagen mit vollem Magen zurückkehrt, fliegt der zurück gebliebene Vogel nach stundenlangem Begrüssungskraulen zur Futtersuche aufs Meer hinaus. In den letzten Jahren aber warten die Graubrauen-Albatrosse oft vergeblich auf ihren Partner, berichtet der Naturforscher und Historiker Kim Heacox aus Gustavus in Alaska. Mit dem Antarktis-Expeditions- Kreuzschiff «Polar Star» besucht der Amerikaner gemeinsam mit seiner Frau Melanie jedes Jahr zwei oder drei Mal die großen Albatros-Kolonien auf den kleinen Inseln vor den Falklands und vor South Georgia im Süd-Atlantik. Beobachtung per Satellit Und jedes Jahr finden die beiden neue Lehmnester unbesetzt. Im Durchschnitt zählen Kim und Melanie Heacox jedes Jahr 4 Prozent weniger Graubrauen-Albatrosse. Nicht viel besser sieht die Situation bei den meisten anderen der insgesamt 24 Albatros- Arten aus. Galten 1996 noch drei Albatros- Arten als in ihrem Bestand gefährdet, waren es fünf Jahre später bereits 16 gefährdete Arten. Im vergangenen Vierteljahrhundert hat sich zum Beispiel die Zahl der Wanderalbatrosse halbiert, berichtet der Ornithologe Norbert Schäffer von der britischen Vogelschutzorganisation Royal Society for the Protection of Birds. Aufgefallen war dieser massive Rückgang zuerst Wissenschaftlern des British Antarctic Tod am Angelhaken Survey. Auf den kleinen Brutinseln vor der 200 Kilometer langen Insel South Georgia, die rund 2000 Kilometer östlich von Feuerland auf dem 54. Breitengrad Süd liegt, zählten die britischen Antarktisforscher jedes Jahr weniger Wanderalbatros-Weibchen. Die bis zu 10 Kilogramm schweren Vögel mit einer Flügelspannweite von durchschnittlich 320 Zentimetern ziehen auf solchen abgelegenen Inseln ihren Nachwuchs auf, weil dort keine Raubtiere den Eiern und Küken gefährlich werden könnten. Da auf der britischen Insel South Georgia gerade einmal 19 Menschen leben und ansonsten nur wenige Kreuzfahrtschiffe in diese Gegend kommen, schien die Aufzucht der Jungen nach wie vor ungefährdet. Den Gründen für das seltsame Verschwinden der Weibchen kamen die Forscher auf die Spur, als sie einige Wanderalbatrosse mit Sendern ausrüsteten. Via Satellit verfolgten die Wissenschaftler nun die Streifzüge der Vögel und entdeckten rasch einen deutlichen Verhaltensunterschied zwischen den Geschlechtern: Die Weibchen flogen erheblich weiter nach Norden als die Männchen. Irgendeine Gefahr musste also in Richtung Äquator lauern, die den Männchen in Antarktisnähe weniger zu schaffen machte. Ein weiterer Puzzlestein ergänzt das Bild vom Leben und Sterben der Albatrosse zu einem erschreckenden Ganzen: Rund 3000 Kilometer nördlich von South Georgia holen Fischerboote vor der brasilianischen Küste immer wieder Langleinen aus dem Wasser, an deren Haken ertrunkene Wanderalbatrosse hängen – meist sind es Weibchen. Damit aber ist das geheimnisvolle Sterben der Albatrosse geklärt: Die Tiere fallen der modernen Fischerei zum Opfer. Auch den Hintergrund dieser Todesursache kennen Ornithologen inzwischen: Rund 70 24 Polar NEWS

Albatrosse brüten in grossen Kolonien wie diese Schwarzbrauen-Albatrosse auf Saunders Island, eine der Falklandinseln. Die grösste Gefahr droht den Vögeln aber weder an Land noch in der Luft, sondern unter Wasser. Prozent ihres Lebens segeln die Vögel über den Wellen der stürmischen Regionen der Süd-Ozeane und suchen nach Nahrung. Tintenfische und Krebse, kleine Fische und die Kadaver verendeter Fische aber sind in den offenen Weltmeeren selten. Nur wenn sie äusserst sparsam mit ihren Energiereserven umgehen, halten es die riesigen Vögel bis zur nächsten Beute durch. Segelt ein Albatros über den Wellen, verbraucht er lediglich 30 Prozent mehr Energie als beim Schlafen, erzählt Kim Heacox. Ein Mensch dagegen benötigt bei seiner sparsamsten Fortbewegungsart, dem Gehen, 400 Prozent der Energie, die er beim Schlafen in der gleichen Zeit verbraucht. Während ein Mensch am Tag aber auf ebener Strecke nur gerade 30 oder 40 Kilometer weit läuft, segelt ein Wanderalbatros in der gleichen Zeit bis zu 900 Kilometer weit. Tödliche Falle Sobald das Energiesparwunder Albatros eine Beute erspäht, stürzt er ins Wasser und greift sie sich. Früher waren das häufig Fische, Krebse und Tintenfische, die beim Vorbeischwimmen eines großen Wals aufgeschreckt worden waren. Um solche Beute zu erwischen, folgen Albatrosse heute aber nicht nur Walen, sondern auch Schiffen, die das Meer ganz ähnlich umpflügen wie die riesigen Meeressäuger. Wirft der Schiffskoch dann auch noch Essensreste über Bord, finden die Vögel rasch ein Festmahl auf den Wellen. Manchmal aber entpuppt sich die vermeintlich leichte Beute als tödliche Falle. Heute stecken die Leckerbissen nämlich häufig an den 3200 Haken, die sich entlang einer 130 Kilometer langen Leine verteilen. Mit solchen Langleinen holen die Fischer bis zu 700 Kilogramm schwere Thunfische aus 50 bis 300 Metern Tiefe. Manchen Köder aber schnappt sich ein Albatros bereits, wenn die Leine ins Wasser gleitet. Das klappt oft genug recht gut. Im Durchschnitt erwischt ein Vogel vier bis sechs Köder, bevor sich der Haken in seinen Schlund bohrt. Nun zerrt ihn die Leine in die Tiefe – und der elegante Segler ertrinkt. Die Fischer können solchen gefiederten Beifang verkraften, nicht einmal an jedem tausendsten Haken hängt ein Albatros, berichtet der Ornithologe Norbert Schäfer. Bei insgesamt 30 bis 40 Millionen Haken, die jedes Jahr allein für den Thunfischfang über Bord gehen, bedeutet das aber rund 30’000 tote Albatrosse. Im Süd-Atlantik werden mit der gleichen Methode zusätzlich Schwert- und Billfische gefangen, im Süd-Pazifik soll der Patagonische Toothfish an den Haken gehen. Nicht nur Albatrosse, sondern auch Sturmvögel und andere Vögel der Hochsee fallen dieser Methode zum Opfer. Bei den Albatrossen ist dieser Beifang gleich doppelt verheerend, weil ein Vogel sich nach dem Verlust seines Partners entweder nie mehr oder erst etliche Jahre später wieder neu paart. Vom Wander-Albatros gibt es heute allenfalls noch 20’000 Brutpaare, berichtet der Direktor des Berliner Zoos Jürgen Lange. Vom Kurzschwanz-Albatros gab es im Jahr 2001 sogar nur noch 174 Brutpaare, weiß Norbert Schäffer. Und Kim Heacox nennt den Chatham-Albatros, von dem nur noch 5000 Paare auf der gleichnamigen Insel rund 800 Kilometer östlich der Südinsel von Neuseeland brüten. Mehr als 8000 Kilometer weit fliegen die Chatham- Albatrosse bis zur peruanischen und chilenischen Küste über den Pazifik – und treffen dort auf Langleinen-Fischer. Wirksame Massnahmen Für Artenschützer ist die Langleinen- Fischerei allerdings besser als die Netzfischerei, die erheblich mehr Tiere anderer Arten wie Wale oder auch nicht gehandelte Fische tötet. Deshalb kämpfen Kim Heacox und Norbert Schäffer auch nicht gegen die Langleinenfischerei, sondern wollen sie «Albatros-verträglicher» machen. Dazu gibt es einige Möglichkeiten: Albatrosse suchen ihre Nahrung meist tagsüber. Bringen die Schiffe die Langleinen also in der Nacht aus, erwischen sie erheblich weniger Albatrosse. Hängt man Gewichte an die Leinen, versinken die Köder erheblich schneller in den Wellen, und Seevögel haben deutlich schlechtere Chancen, diese vermeintlich leichte Beute zu erwischen. Die Fischer können die Leinen auch unter Wasser ausbringen, die meisten Vögel haben dann keine Gelegenheit, die Unterwasser-Köder zu erwischen. Farbige Plastikbänder an den Leinen können Albatrosse erschrecken und so von den Haken fernhalten. Solche Methoden machen die Fischerei nur unwesentlich teurer, kosten aber deutlich weniger Albatros-Leben. Um sie auch durchzusetzen, sollten auf den Booten Beobachter mitfahren, die den sachgerechten Fang kontrollieren, fordert Kim Heacox. Er möchte schliesslich die Graubrauen- Albatrosse der Falkland-Inseln noch öfter bei ihrer zärtlichen Begrüssung beobachten. Kehrt eines der beiden Elterntiere nicht mehr heim, wird es für den überlebenden Albatros sehr schwierig, sein Junges durchzubringen. Polar NEWS 25

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