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PolarNEWS Magazin - 3

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Morgendliche Besprechung

Morgendliche Besprechung mit dem Führungsteam: Jeder Tag wird neu geplant, die Offiziere erhalten Anweisungen, was zu tun ist. Die Büroarbeit hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Ulf Wolter bleibt via Mail in Kontakt mit dem Festland und anderen Schiffen. Natürlich sind Kapitäns-Tische bei Dinners ein wichtiger Bestandteil. Nehmen wir zum Beispiel diese Reise: In diesen zwei Wochen repräsentiere ich an vier Kapitäns-Tischen, am Willkommens- und am Abschiedsabend, dazu kommen eine Repeater-Veranstaltung und eine Club-Veranstaltung. Zum Glück hilft mir bei der Planung all dieser Anlässe eine Hostesse. Was die Büroarbeit und die Verwaltung betrifft, so nimmt dieser Bereich immer mehr zu. Es werden unheimlich viele Emails zwischen Schiff und Land gesendet, zum Beispiel die Anmeldungen in den Häfen oder die Kommunikation mit der Reederei. Ansonsten prägt natürlich das Fahrtengebiet meinen Tagesablauf. Heute ist ein eher ruhiger Tag, ein Seetag, das Wetter ist schön. Deshalb beginnt mein heutiger Tag erst gegen 8 Uhr mit dem Frühstück. Meine erste Aufgabe ist die «Neunuhrdurchsage» des Kapitäns, auf die die Passagiere warten. Danach bespreche ich an einem Meeting mit dem leitenden Offizier, der Hotelmanagerin, dem leitenden Ingenieur und dem Kreuzfahrtdirektor den Tagesablauf und die nächsten Tage. Auf Expeditionsreisen nimmt auch der Expeditionsleiter an den täglichen Sitzungen teil. So ein Meeting kann schon mal einen grossen Teil des Vormittags in Anspruch nehmen, und schon ist es wieder Mittag, Zeit zum Essen. Am Nachmittag arbeite ich an meinem Schreibtisch, anschliessend geht es schon wieder los mit der Abendveranstaltung. Der Repeater-Cocktail beginnt um 18 Uhr, das anschliessende Nachtessen dauert bis etwa 22 Uhr. Danach bin ich froh, wenn ich mich in die Koje legen kann, denn am nächsten Morgen kann es unter Umständen schon früh losgehen. Wenn es neblig wird und wir viel Eis haben, dann werde ich schon um 5.30 Uhr geweckt. Sind Ihre Tage abwechslungsreich? Klar, deshalb bin ich ja auf einem Kreuzfahrtschiff. Morgen zum Beispiel wird eher ein Tag, an dem ich mich mehr dem Schiff widmen muss. Zuerst muss ich die Entscheidung fällen, ob wir einlaufen oder nicht. Das hängt davon ab, ob der Liegeplatz frei oder mit Eis versperrt ist, wie stark der Wind bläst und wie gut die Sicht ist. Wenn wir nicht einlaufen können, gehen wir vor Anker und beginnen mit der Ausbootung der Gäste. Der Expeditionsteil der Reise erfordert deutlich mehr Präsenz auf der Brücke. Es liegen immer auch kleinere und grössere bordinterne Angelegenheiten an, von denen die Passagiere nichts mitbekommen, die aber trotzdem aufgearbeitet werden müssen. Wie viele Länder haben Sie schon gesehen? Ich führe für mich persönlich eine Statistik, danach müssen es so um die neunzig Länder sein, die ich gesehen habe. Und es gibt noch sehr viele Orte, wo ich hin möchte. Ich denke da die Westküste Südamerikas, dann den Norden von Kanada. China und Japan kenne ich überhaupt nicht, und Kamchatka würde mich sehr reizen. Die Nord-West-Passage und die Nord-Ost-Passage bin ich auch noch nie gefahren. Auf all meinen Reisen habe ich jedoch noch keinen Ort gefunden, wo ich sagen könnte: Da möchte ich bleiben. Aber es gibt viele Fahrziele, die ich immer wieder gerne ansteuere: Expeditionsgebiete wie die Antarktis und Spitzbergen, Grönland oder der Amazonas. Dort hat es mir immer gut gefallen. Wovor fürchtet sich ein Kapitän am meisten? Unfälle an Bord wie Feuer auf dem Schiff möchte man sich gar nicht erst ausmalen. Grosse Havarien gehören sicherlich auch dazu. Ich fürchte kein schlechtes Wetter, aber man muss unbedingt den Respekt vor Naturgewalten wahren. Wenn schlechtes Wetter droht, hat die Sicherheit des Schiffes immer erste Priorität, auch wenn das mit einem Umweg oder verspäteter Ankunft im nächsten Hafen verbunden ist. Die «Hanseatic» fährt auch in die Antarktis. Macht es Sinn, mit Touristen dieses ökologisch hochsensible Gebiet zu befahren? Ja, ich denke schon, weil wir das tun, was man sanften Tourismus nennt. Wir reisen mit maximal nur 150 Passagieren und sind an die Vorschriften der internationalen Vereinigung der Antarktis-Veranstalter IAATO gebunden. An Land wird tunlichst darauf geachtet, dass alle diese Vorschriften eingehalten werden. Wir haben regelmässig Wissenschaftler und Lektoren mit langjähriger Antarktiserfahrung an Bord, so werden die Passagiere und Besatzung auf dieses ökologisch sensible Gebiet eingestimmt. Was mir aber zunehmend Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass immer mehr riesengrosse Schiffe ohne Eisklasse da runterfahren, zum Teil mit über 2000 Passagieren an Bord. Ich hoffe, dass es nie zu Unfällen kommt, denn das wäre für dieses sensible Gebiet eine riesengrosse Katastrophe. 20 Polar NEWS

Zum Landgang übernimmt der Kapitän hin und wieder persönlich das Ruder beziehungsweise den Motor des Zodiacs und setzt seine Gäste ans Ufer über. Das Captain’s Dinner ist das gesellschaftliche Highlight: Wo sich Ulf Wolter zum Nachtessen an den Tisch setzt, werden Reisende zu Ehrengästen. Was tun Sie in Ihrer Freizeit, wenn Sie Heimaturlaub haben? Auch in meiner Freizeit bin ich eng mit dem Wasser verbunden. Ich lebe am Wasser und möchte nicht vom Wasser wegziehen. In der Schweiz zum Beispiel hat es mir zu viele Berge und kein Meer. Ich segle in meiner Freizeit, neuerdings sehr intensiv mit meiner zwanzig Meter langen Segelyacht. Mit ihr segle ich nicht nur die Elbe hoch und runter, sondern gehe schon mal weitere Wege bis in europäische Gewässer. So ein Boot braucht natürlich Pflege und alles, was so dazugehört. Das ist sehr zeit- und kostenintensiv. Normalerweise bin ich mit dem Kreuzfahrtschiff zwei bis drei Monate am Stück unterwegs und danach dieselbe Zeit an Land. So komme ich in einem Jahr auf sechs bis sieben Monate Fahrtzeit. Aber damit ist mein Job noch nicht erledigt, denn ich nehme für meinen Arbeitgeber Hapag Lloyd an Werbeveranstaltungen teil, mehrheitlich im Winterhalbjahr. Gelegentlich werden wir Nautiker in die Zentrale eingeladen, um über die Fahrplangestaltung oder die Festlegung von neuen Fahrzielen zu reden. Im Herbst werde ich eine Woche nach Gambia fahren, um dort nach neuen Zielen Ausschau zu halten, damit wir im Oktober nächstes Jahr eine spannende Gambia-Reise mit der «Hanseatic» anbieten können. Und dann geht’s wieder auf die «Hanseatic»? Ja! Als Nautiker ist es immer wieder eine Herausforderung, ein Schiff sicher durchs Eis zu manövrieren. Ausserdem macht es mir Spass, neue Destinationen anzusteuern. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert von der Schönheit unseres Planeten. Ulf Wolter Ulf Wolter wurde am 15. Oktober 1966 in Hamburg geboren und wuchs auf der Elbinsel Krautsand zwischen Hamburg und Cuxhaven auf. In Stade machte er sein Abitur und studierte in Hamburg Nautik. «Auf kurz oder lang» will er aber wieder auf die Elbinsel Krautsat zurück. Er lebt von seiner Frau getrennt, die beiden haben einen zweijährigen Sohn. Der Landgang mit dem Zodiak ermöglicht eine Panoramasicht auf die «Hanseatic». Voller Stolz präsentiert der Kapitän «sein» Fünf-Sterne-Kreuzfahrtschiff: 122,8 Meter lang, 18 Meter breit, 16 Knoten Geschwindigkeit und Platz für 184 Passagiere sowie 125 Mann Besatzung. Polar NEWS 21

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