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PolarNEWS Magazin - 3

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Das Franz-Josef-Land

Das Franz-Josef-Land fasziniert mit Landschaften so schön wie bizarr. Eis! Immerhin: Als die Männer drei Wochen später am Wiener Nordbahnhof einfuhren, wurden sie wie Helden gefeiert. Falsche Landkarten Die Österreicher hatten eisverkrustete Berge entdeckt. Auf sehr harten, stürmischen Schlittenfahrten bei tiefsten Temperaturen vermassen Weyprecht und vor allem Payer das neu entdeckte Land. Auf Kaps, auf Bergspitzen, auf Inseln und Strömungen wurden sämtliche Namen österreichischer und internationaler Aristokratie, sofern sie auch nur entfernt mit der Expedition zu tun hatten, grosszügig verteilt. Aber auch Österreich selber kam zum Zuge: Wiener- Neustadt-Insel, Kap Tirol, Kremsmünster und das geldspendende Frankfurt. Im Norden sichtete Weyprecht weiteres Land. Dem einen gab er den Namen König- Oskar-Land, dem anderen Petermanns- Land. Das war sehr wichtig, denn noch war der Nordpol nicht erobert, und diese Länder kamen als weitere Stützpunkte für weitere Expeditionen in Frage. Leider haben spätere Expeditionen weder das König-Oskar-Land noch das Petermanns-Land je wieder finden können: Weyprecht war – wie so viele Polarforscher – einer polaren Luftspiegelung zum Opfer gefallen. Spätere Expeditionen mussten deshalb Weyprechts Landkarten wesentlich korrigieren. Die Verdienste der ersten Landvermessung blieben und bleiben aber ungeschmälert. Sogar die damalige Sowjetunion, sehr darauf bedacht, fast jede Insel mit Namen von Pionieren der Arbeiterklasse zu bedenken, hat den aristokratischen Namen dieser Inselgruppe nie geändert, als sie 1926 das Land annektierte. Heute wissen wir: Franz-Josef-Land – Semlja Franza Josefa, wie es die Russen heute noch nennen – besteht aus einer Vielzahl von Inseln. Die geografischen Angaben schwanken zwischen 187 und 191, verteilt auf einem Gebiet von etwas mehr als 16'000 Quadratkilometern. 500 Kilometer ostnordöstlich von Svalbard liegen die Inseln das ganze Jahr von Schnee und Eis bedeckt, zumeist von Packeis fest umschlossen. Das Land ist tatsächlich so, wie der Tiroler Jäger Alexander Klotz es einmal beschrieb: «Nix als Eisch, und nix als Eisch und nit a bisserl Wosser.» Nicht alle dürften den wackeren Tiroler verstanden haben, denn die offizielle Sprache auf der «Tegetthof» war, wie in der kaiserlich-königlichen Marine überhaupt, italienisch. Die geologischen Untersuchungen der Österreicher beschränkten sich auf die Feststellung, der eine Teil des Gesteins sei sibirischen, der andere Teil grönländischen Ursprungs. Man meinte wohl, die jeweiligen Gesteinsarten wären desselben Ursprungs. Als die Forscher Lager von Braunkohle entdeckten, wurde ihnen klar, dass die Inselwelt einmal wärmere Zeiten erlebt haben musste. Bis ans Ende der Inseln Payers Vermutung, Franz-Josef-Land könnte die Basis sein für erfolgreiche Vorstösse zum Nordpol, rief weitere Expeditionen auf den Plan. Als nächster versuchte es 1880 der Brite Leigh Smith mit seiner Motorjacht «Eira». Payer hatte die Inseln noch als Kontinent aufgefasst, in dem die beiden grossen Inseln Zichy und Wilczek lediglich durch den Austria-Sund getrennt waren. Smith erkannte nun das Land als Inselgruppe und vermass 180 Kilometer neue Küste, die er mit den Namen britischer Polarforscher schmückte. Bei Kap Flora auf der Insel Nordbrouk fand Smith einen günstigen Hafen. Im Gegensatz zu den Österreichern empfand Smith die Insel nicht als trostlos. Smith entdeckte riesige Walrosskolonien und Robben in grosser Zahl. Es gelang ihm sogar, eine Sammlung von Pflanzen jener Inseln anzulegen. Doch auch sein Schiff wurde vom Eis zerdrückt, die Expeditionsteilnehmer konnten sich in 42 Tagen nach Nowaja Semlja retten und kamen ein Jahr, nachdem sie aufgebrochen waren, wieder heil zu Hause an. Nach etlichen weiteren gescheiterten Expeditionen gelang dem Briten Frederick Jackson eine Anlandung auf Kap Flora, wo er sich für drei Jahre häuslich einrichtete. 1895 startete er seine erste grosse Schlittenfahrt und ver- Auch die Flora erkämpft sich in diesem unwirtlichen Gebiet ihren Platz. Moos wächst und Pflanzen blühen, wenn auch nur kurze Zeit. 10 Polar NEWS

mass 434 Kilometer neues Land. 1896 stiess er nochmals energisch vor, bis er nur noch offenes Meer erblickte. Neuer Rekord 1899 machte sich die erste italienische Nordpol-Expedition nach Franz-Josef-Land auf. Ihr Führer, Organisator und Finanzmann war Ludwig Amadeus von Savoyen, Herzog der Abruzzen, ein hervorragender Sportsmann, Grosswildjäger und Bergsteiger. Der Herzog plante mit dem Forschungsschiff «Stella Polaris» einen Vorstoss zum Pol, erlitt aber während der Überwinterung derart schwere Erfrierungen und Amputationen, dass er das Kommando seinem tüchtigen Hauptmann Umberto Cagni übergeben musste. Cagni wurde von zwei Gruppen mit Schlittenhunden unterstützt. Die eine Gruppe verscholl beim Rückmarsch, die zweite Gruppe erreichte am 24. April 1900 mit fast 86°36'N einen neuen Nord-Rekord. Cagni war dem Pol 383 Kilometer nahe gekommen. Doch seine Mannschaft war völlig erschöpft, der Hauptmann musste schweren Herzens umkehren. 90 Tage später erreichte er die Treplitzbucht auf Kap Fligely und wurde umgehend zum Kapitänleutnant befördert. Bei der ersten geglückten Expedition zum Nordpol spielte das Franz-Josef-Land keine Rolle: Der amerikanische Forscher Robert Edwin Peary (1856–1920), der am 6. Mai 1909 den Pol erreichte und als erster Nicht- Inuit auf dem Nordpol gilt, segelte von Kanada aus über die Baffin-Bay und die Westseite Grönlands. Wie erwähnt annektierten die Russen 1926 das Franz-Josef-Land und errichteten viele Forschungsstationen. Bald überwogen aber militärische Interessen, ein hoch geheimes Sperrgebiet wurde abgesteckt. Erst der dramatische Umbruch in der Sowjetunion hob diese Geheimnistuerei auf und lockerte die Einreisemöglichkeiten. Seither dürfen Polarfahrer aus aller Welt das Franz-Josef-Land wieder besuchen. Forschung gibt es auf den Inseln so gut wie keine mehr. Weitab von Zivilisation und Tourismus ist die Tierwelt kaum gestört. Die Appolonov-Insel und die Stolichky-Insel sind die Lieblingsorte der Walrosse. Dreizehenmöwen nutzen sogar kleinste Felsvorsprünge am Rubinirock als Nistplatz. Hier ist der Heimatort von Tausenden von brütenden Vögeln. Polarbären auf der Suche nach Futter sind auf den Inseln des Franz-Josef-Landes immer wieder anzutreffen. Menschen ist es empfohlen, sichere Distanz zu wahren. Das Tegetthof-Kap auf der Insel Hall wurde zu Ehren des gleichnamigen Expeditionsschiffes benannt. Hier sind auch die Überreste des Holzbaues der Wellman-Expedition zu finden, die in den Jahren 1898 und 1899 hier vorbei kam. Polar NEWS 11

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