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PolarNEWS Magazin - 26 - D

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Ausbooten zum Landgang.

Ausbooten zum Landgang. Halang schreibt: «Schade, dass man nicht wenigstens den russischen Sprachführer mit hat. Aber wer dachte daran?» «Geröll, Felsen, Schutt, Gletscher, körniger Schnee. Gletscherbäche, Gletscherfarn, feine Blümlein, moosartig am Boden.» Am flachen Strand beim Ostgletscher liegt ein gestrandeter Wal. «Schwanz sogar mit Haut und Fleisch.» Gletscher-Cruise. «Übrigens wird es weiter tüchtig kalt. Abends schon unter 4 Grad. Ich merke es in meiner Nase.» Durcheinander, aber keine Panik. Andere Zeitzeugen jedenfalls beschreiben diese dramatischen Momente allesamt recht nüchtern. Kapitän Meyer lässt die Passagiere via Kabinenpersonal informieren, dass lediglich ein schiffsinternes Seewasserrohr gebrochen sei. Doch, wie Walter Halang schreibt: «Niemand glaubt es. Allerlei Gerüchte schwirren, niemand weiss Genaues.» Mit Volldampf fährt das Schiff in den nahegelegenen Bellsund, geht vor Anker und lässt die Passagiere mit den Rettungsbooten an die Küste evakuieren. Somit sind die Gäste erstmal in Sicherheit. Das Schiff hingegen sinkt vorne mit Schräglage drei Meter tief ins Wasser ein – das ist so tief, dass hinten ein Teil der Schiffsschrauben aus dem Wasser ragt. Niemand weiss, wo und wie gross das Leck genau ist. Aber die Schotten im Bug sind abgedichtet. Kapitän Meyer lässt SOS funken – unter anderem direkt an den Eisbrecher «Krassin», der nur 80 Seemeilen entfernt durch das Eis fährt. Hilfe kommt Szenenwechsel: An Bord des «Krassin», 13.55 Uhr am 25. Juli 1928. Der Funker meldet dem Kapitän Karl Eggi einen Hilferuf: «An den Kommandanten der ‹Krassin›. Kann Ihr Taucher uns helfen? Haben Havarie im Eise. Vorpik unter Wasser. Laufen Bellsund an. An Bord 1500 Passagiere. Meyer, Kapitän der ‹Monte Cervantes›.» War das nun ein SOS-Ruf? Kapitän Eggi muss nachfragen. Kapitän Meyer antwortet: «Benötigen sofortige Hilfe.» Eggi macht sich mit dem «Krassin» umgehend auf den Weg zur «Monte Cervantes» – obwohl der Eisbrecher selber seit Tagen gravierende Probleme mit dem Schiffsantrieb und eigentlich seinerseits den Befehl hat, in Norwegen anzulegen, um den Schaden zu beheben, damit er sich wieder auf die Suche nach den noch vermissten Mitgliedern der «Italia»-Expedition machen kann. Kapitän Meyer lässt die Gäste derweil vom Land zurück an Bord der «Monte Cervantes» holen für ein Mittagessen in Schieflage, danach müssen alle Passagiere wieder aufs sichere Festland. Gegen Mitternacht erreicht der «Krassin» die «Monte Cervantes» unter tosendem Jubeln der Kreuzfahrt-Gäste. Kapitän Eggi wundert sich derweil, dass auf der «Monte Cervantes» keinerlei Reparaturwerkzeug für den Fall einer Havarie zu finden ist, weder Segeltuchpflaster noch Planken noch Zement. Und er merkt im Gespräch mit Kapitän Meyer, dass dieser unterschätzt hat, dass nur ein Neuntel eines Eisberges aus dem Wasser ragt – und die restlichen acht Neuntel unter Wasser eine erhebliche Gefahr für Schiffe sind. Noch zwei Löcher Aus den Memoiren von Professor Rudolf Samoilowitsch, dem wissenschaftlichen Leiter auf dem «Krassin», wissen wir recht ausführlich, wie die Reparaturen in den folgenden zwei Tagen ablaufen. Zwei Taucher, die nur eine Stunde nach Ankunft ins Wasser gehen, finden in der rechten Bordwand ein 56 PolarNEWS

«Man könnte gleich hierbleiben, so ein Friede. Sommerfrische im unwirtlichen Spitzbergen.» Landgang. «Überall an den Hängen krabbeln Menschen. Hat der Bellsund lange nicht gesehen!» Der erste, improvisierte Landausflug. Die Gäste sind immerhin in Sicherheit. «In der Ferne die lahme Monte.» Die Mitternachtssonne fasziniert die Ausflügler. «Abends grosser Betrieb. Wir sitzen bei der Musik.» Loch von 3,8 auf 1,3 Meter. «Sowie das Leck gefunden war, wurde es mit Segeltuch überzogen. Inzwischen arbeiteten unsere Zimmerleute auf dem Eisbrecher an der Holzverkleidung, die dann mit Hilfe der Taucher an das Leck angelegt wurde, um die Löcher für die Bolzen zu bohren. Besonders schwierig war es nachher, die Holzplatte an den eingedrückten Stellen der Stahlpanzerung zu befestigen, was aber schliesslich ganz ausgezeichnet gelang.» Walter Halang notiert frei von jeglicher Poesie: «Anständiges Loch.» Das Wasser im Schiff wird abgepumpt, aber die Wassermenge wird nicht weniger. Irgendwo muss Wasser nachfliessen. Die Taucher gehen erneut auf Leck-Suche – und finden am 29. Juli auf der linken Seite der Bordwand eine horizontale Eindrückung von 3 mal 1,2 Meter mitsamt einem ebenso langen Riss und «drei Quadratfuss grosse» Lecks. Auweia! Das wird länger dauern. «Und heute Tanz!» notiert derweil Walter Halang auf der «Monte Cervantes» in sein Tagebuch. Die Todesgefahr ist gebannt, die Passagiere dürfen an Bord bleiben. Und es gibt fortan viel Zeit totzuschlagen. Man unternimmt ausführliche Wanderungen im Bellsund, an der Küste spielt das Schiffsorchester Openair-Konzerte, es wird ein «Strandbad» eingerichtet, und abends gibts eben Tanz im schrägen Ballsaal. Zwecks Aufrechterhaltung von Moral und Disziplin verordnet Kapitän Meyer Nachtruhe ab 23 Uhr. Katastrophen-Alltag Immerhin: Die Matrosen des «Krassin» sind jederzeit auf das lecke Kreuzfahrtschiff eingeladen, für die meisten von ihnen gibts dieser Tage ja auch nichts zu tun. Man kommt ins Gespräch, freundet sich an, macht Fotos, was Professor Samoilowitsch missfällt: «Überall klapperten die unvermeidlichen Filmaufnahmeapparate.» Vor allem aber wollen die Passagiere von den Matrosen wissen, wie es war, die Überlebenden des Luftschiffes «Italia» gerettet zu haben. Die Russen erzählen gerne. Walter Halang beschreibt ihre Geschichten als Kauderwelsch aus gebrochenem Englisch, erstaunlich gutem Deutsch, Russisch und Gestikulieren. Aber überaus interessant. Es gibt auch Besuchsstunden auf dem «Krassin». Was allerdings den Reparaturarbeiten nicht sonderlich zuträglich ist. «Ich persönlich vermied es, mich überhaupt noch auf Deck zu zeigen», schreibt Samoilowitsch, «denn sofort tauchte irgendwo ein Aufnahmeapparat auf ... Aber auch die geschlossene Kajüte, in die ich mich schliesslich rettete, hielt die Besucher ebenso wenig ab wie die Aufschrift ‹Eintritt verboten›.» Trotzdem begibt sich Samoilowitsch hin und wieder an Bord der «Monte Cervantes» – und vertieft sich am 28. Juli in ein Gespräch mit Walter Halang über den mangelhaften Bau des deutschen Kreuzfahrtdampfers. Halang notiert: «Gespräch mit dem Professor. Er meint, Cervantes schlecht schlecht gebaut, oben zuviel Gewicht, daher das Schlingern.» Die Tage sind lang, wenn man nichts anderes zu tun hat als zu warten. Das geflügelte Wort PolarNEWS 57

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