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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Text: Heiner Kubny

Text: Heiner Kubny Rossrobben sind die geheimnisvollste Robbenart der Antarktis, beinahe schon der «Heilige Gral» der Robbologen. Sichtungen der kleinen Robbe, die normalerweise zwischen 1,7 und 2,5 Meter lang wird, je nach Geschlecht, waren und sind selten. Denn die Tiere sind echte Packeisliebhaber und verstecken sich in den schwer zugänglichen Packeisregionen entlang der gesamten antarktischen Küste. Viele der Informationen, die man für seine nächsten Verwandten Krabbenfresser, Seeleopard und Weddellrobbe kennt, liegen bei der Rossrobbe hinter dem Schleier des Unbekannten. Tatsächlich waren die Beobachtungen bis Ende der 1940er-Jahre auf weniger als 45 beschränkt. Erstmals beschrieben wurde diese Robbenart zwar bereits 1841 während der Expedition von James Clark Ross, von dem die Robbe ihren Namen hat. Aber erst mit den modernen, stärkeren Eisbrechern konnten Forscher sich weiter in den eisigen Lebensraum der Rossrobbe vorwagen und versuchen, mehr über dieses Tier zu erfahren. Doch bis heute sind Beobachtungen eher zufällig als beabsichtigt. Man kennt das ja: Je mehr man etwas sucht, desto weniger findet man es. Klein, aber fein Die Tatsache, dass Rossrobben so schwierig zu entdecken sind, steht im Gegensatz zur doch eher auffälligen Färbung der Tiere. Erwachsene Tiere sind auf dem Rücken dunkel, fast schwarz gefärbt, die Flanken gehen dann aber in ein Silbergrau über, das im Wenig beschrieben: Zeichnung von Benjamin Waterhouse Hawkins (1807–1894). Bauchbereich hellgrau bis silbrigweiss erscheint. Besonders markant ist der Kehlbereich, an dem silbergraue Streifen vom Unterkiefer bis zum Brustbereich verlaufen. Diese Streifen sind einzigartig und erlauben eine individuelle Identifizierung durch Forscher. Auf Distanz lässt sich eine Rossrobbe vor allem durch ihre Form und geringere Grösse von den anderen Robben unterscheiden. Denn die Kopfform ist gedrungen, und eine längere oder kräftigere Schnauze wie beispielsweise beim Krabbenfresser oder die ausgeprägtere Kopfform eines Seeleoparden sind bei Rossrobben nicht vorhanden. Die Kiefer der Rossrobben sind kurz und die Zähne eher klein. Der Halsbereich ist dick und geht beinahe nahtlos in den Körper über, etwa wie bei einem kräftig gebauten Rugbyspieler. Im Gegensatz zum restlichen Körper sind bei Rossrobben aber die Augen sehr gross, bis zu 7 Zentimeter im Durchmesser. Die Tiere können damit auch bei schlechten Lichtverhältnissen während des Südwinters und bei tiefen Tauchgängen immer noch genügend sehen. Wahrscheinlich besitzen sie, wie alle antarktischen Robben, einen «eingebauten» Restlichtverstärker, das sogenannte Tapetum lucidum, und eine Nickhaut über dem Auge. Die verhindert, dass das Auge gereizt wird bei Schneetreiben, und schützt vor dem Salzwasser. Man geht davon aus, dass die Tiere insgesamt mehr Zeit im Wasser verbringen als auf dem Eis und auch tief tauchen, wenn sie jagen. Bisher gelang es nur selten, die Tiere mit Sendern zu versehen. Doch von den wenigen Daten wissen die Forscher, dass Rossrobben mehr als 100 Meter tief tauchen und bis zu 6 Minuten unten bleiben können. Der Rekord liegt zurzeit bei 212 Metern Tiefe und 10 Minuten Tauchzeit. Dort unten jagen die Tiere ihre Hauptnahrung, Tintenfische und verschiedene Fische. Aus Mageninhaltsanalysen hat man die Erkenntnis gewonnen, dass mehr als 80 Prozent der Nahrung aus diesen zwei Komponenten besteht. Krill scheint nicht so sehr eine Option zu sein. Dadurch erfährt das Tier weniger Konkurrenzkampf um Nahrung und kann sich so von den grossen Ballungszentren der anderen antarktischen Robben fernhalten. Lieber einsam als gemeinsam Die Tiere sind echte Einzelgänger und gehen einander aus dem Weg. Die höchste Dichte an Rossrobben, die bisher notiert wurde, betrug «satte» 2,9 Tiere pro Quadratkilometer. Sie bevorzugen auch keine besonderen Liege- oder Brutplätze. Dies macht es für Wissenschaftler sehr schwierig, genauere Zahlen zu ihrer Population zu liefern. Schätzungen gehen von 20’000 bis 220’000 Individuen aus, die sich rund um den gesamten antarktischen Kontinent verteilen. Einfachheitshalber hat man sich auf einen Durchschnitt von 130’000 Tieren geeinigt. Daten über die Geschlechterverteilung existieren nicht, und daher weiss man auch nicht, ob James Browns «It’s a man’s man’s man’s world» auch bei Rossrobben zutrifft. Das Paarungsverhalten ist auch noch nicht hinreichend geklärt. Denn die Tiere halten sich keine Atemlöcher offen wie die Weddellrobben, und daher müssen sich Mann und Frau anderweitig treffen. Wahrscheinlich sind Rufe und Vokalisierungen unterwasser, denn man kennt insgesamt fünf verschiedene Rufe bei Rossrobben. Einen davon nennt man Sirenenruf, einen zweigeteilten Pfiff mit auf- und absteigenden Harmonien. Dieser Ruf ertönt vor allem zwischen Dezember und Januar unter dem Eis – deshalb geht man davon aus, dass diese Laute zum Anlocken von paarungswilligen Partnern genutzt werden. Die Paarung selbst wurde noch nie beobachtet, weil sie wahrscheinlich im Wasser stattfindet. Rossrobben sind promiskuitiv und gehen auch keine langfristigen Bindungen ein. Man paart sich und geht dann wieder seiner Wege. Forscher gehen davon aus, dass sich Weibchen mit mehreren Männchen paaren. Die Jungen werden im darauffolgenden November geboren, sind schon zwischen 1 und 1,2 Meter lang, aber nur rund 20 Kilo schwer. Sie werden während rund eines Monats ge- Bilder: Alamy (vorhergehende Doppelseite), Benjamin Waterhouse Hawkins (links), Michael Wenger (rechts). 68 PolarNEWS

Rossrobben haben in der Abgeschiedenheit des Packeises ihre ökologische Nische gefunden. säugt. Danach trennen sich die Wege von Mutter und Kind. Die Weibchen paaren sich erneut und müssen sich dann wieder Fettreserven anfressen, um den alljährlichen Fellwechsel durchstehen zu können und auch die nächste Babyentwicklung in die Wege zu leiten. Erstaunlich: Ohne Reserven der Mutter kann der befruchtete Embryo zwei Monate im Mutterleib in Ruhephase bleiben, bevor die Entwicklung entweder losgeht oder es zu einem natürlichen Abort kommt. Let’s chill Das Leben einer Rossrobbe scheint eher gemächlich und ruhig zu verlaufen. Fressfeinde sind kaum bekannt, und an den bisher beobachteten Tieren konnten die Forscher keine nennenswerten Narben entdecken, wie man es beispielsweise von Krabbenfressern kennt. Während der Paarungszeit ziehen sich die Erwachsenen so tief ins Packeis zurück, dass ein Aufeinandertreffen mit möglichen Räubern eher selten ist. Orcas und Seeleoparden, die als mögliche Räuber gelten, halten sich mehr am Packeisrand und in den Bereichen der grossen Krillschwärme auf. Und über die Zeit, in der sich die Rossrobben im offenen Wasser befinden, sind keine Daten bekannt. Es ist möglich, dass wegen der geringeren Körpergrösse der Robbe die Tiere ziemlich schnell und komplett als Mahlzeit dienen oder sie sich soweit nach Norden zurückziehen, dass sie wiederum für die grösseren Verwandten unerreichbar sind. Auch untereinander scheinen Rossrobben nicht viel zu kämpfen. Wenn die Tiere sich gestört fühlen, setzen sie sich auf, reissen das Maul auf und werfen ihren Kopf nach hinten. Wird es ihnen zuviel, verschwinden sie im Wasser und suchen sich ein anderes, ruhigeres Plätzchen. Und davon hat es im dichten Packeis der Antarktis ja glücklicherweise genug. PolarNEWS 69

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