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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Umberto Nobile passiert.

Umberto Nobile passiert. In der Logik Amundsens ist es besser, Nobile zu retten, als das Risiko einzugehen, dass Nobile stirbt und somit auf ewig zum Helden wird. Mehr noch: Sollte er, Amundsen, Nobile retten, wird Amundsen zum Über- Helden. Amundsen wird also bei den Italienern vorstellig. Aber der Diktator höchstpersönlich, Benito Mussolini, wünscht, dass Amundsen nicht bei seinem Vorhaben unterstützt wird. Die französische Regierung springt in die Bresche und stellt Amundsen ein Wasserflugzeug, eine Latham 47, samt vierköpfiger Crew zur Verfügung. Natürlich akzeptiert Amundsen. Das Flugzeug wird von Frankreich nach Tromsø geflogen, Amundsen drängt zum Weiterflug am nächsten Tag – obwohl sich die Latham 47 in einem schlechten Zustand befindet und das Wetter kritisch ist. Mit Amundsen und weiteren Männern an Bord sowie 2500 getankten Litern Treibstoff ist das Flugzeug extrem schwer und schafft es erst beim fünften Versuch, vom Wasser abzuheben. Um 18.45 Uhr wird der letzte Funkspruch abgesetzt. Dann bricht der Kontakt ab. Das Flugzeug stürzt ins Meer. Amundsen und seine Begleiter bleiben spurlos verschollen. Zweieinhalb Monate später, am 31. August, wird ein norwegischer Trawler einen Tragflächenschwimmer der Latham 47 aus dem Wasser fischen. Es hätte Amundsen wohl getröstet, dass Nobile zwar lebend, aber ebenfalls nicht als Held aus dieser Geschichte rauskommen wird. Fünfter Akt: Der Pilot 24. Juni 1928, auf dem Eis Der schwedische Fliegerleutnant Einar Lundborg landet mit seinem Beobachter in einem waghalsigen Manöver an der Absturzstelle. Vier Tage zuvor hat ein italienischer Pilot endlich das rote Zelt im Packeis gesichtet und Proviant abgeworfen. Nun gelingt Lundborg sogar die Landung. In seiner dreisitzigen Fokker CV ist nur ein Platz frei. Lundborg besteht darauf, zuerst den Kapitän, also Umberto Nobile, auszufliegen. Nobile soll im Stützpunkt in Spitzbergen die gigantische internationale Rettungsaktion koordinieren. Das sei sein strikter Befehl, sagt Lundborg, der weiss, dass ein Kapitän eigentlich als Letzter sein sinkendes Schiff verlässt. Der Italiener lässt sich also ausfliegen – mitsamt seinem Hund Titina. Lundborg bringt Nobile nach Spitzbergen und fliegt gleich wieder los, um weitere Leute vom Eis zu holen. Doch bei der neuerlichen Landung überschlägt sich das Flugzeug und geht zu Bruch. Lundborg überlebt zwar leicht verletzt, ist nun aber selber im Packeis gefangen. Sechster Akt: Die Rettung 12. Juli 1928, auf dem Eis Giuseppe Biagi funkt zur «Città di Milano»: «Sichten Krassin, etwa zehn Kilometer südwestlich.» Die Crew ist gerettet! Vor 27 Tagen war das russische Schiff «Krassin», zu dieser Zeit der stärkste Eisbrecher der Welt, in Leningrad in See gestochen, um Umberto Nobile und seine Crew zu retten. Damit hat nach 49 Tagen das Drama wenigstens ein halbwegs glückliches Ende gefunden. Denn nur einen Tag zuvor, am 11. Juli, ist die «Krassin» zufällig auf die völlig entkräfteten Adalberto Mariano und Filippo Zappi gestossen – zwei der drei Männer, die von der Absturzstelle losgezogen waren, um Hilfe zu holen. Der dritte Mann des Stosstrupps, Finn Malmgren, hat den Marsch nicht überlebt. Mariano wird später an Bord der «Città di Milano» ein abgefrorener Fuss amputiert. Die Bilanz: Von der 16-köpfigen Mannschaft des Zeppelins «Italia» überlebt die Hälfte. Plus der Hund. Nachspiel I: Die anderen 13. Juli 1928 bis heute, Europa • Roald Amundsen ist auch ohne ein nach ihm benanntes Land der erfolgreichste Arktis- und Antarktis-Entdecker aller Zeiten. Eine 2009 durchgeführte zweiwöchige Suchaktion der norwegischen Marine nach dem Wrack des Absturzflugzeugs bleibt erfolglos. • Einar Lundborg kommt drei Jahre nach der «Italia»-Katastrophe bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Er wird heute in Schweden als Nationalheld gefeiert. • Benito Mussolini schenkt Einar Lundborg 1929 zum Dank eine Uhr. Mit seinem Faschismus hat er später wenig Erfolg. Er wird am 28. April 1945 von Partisanen erschossen. • Nikolaj Schmidt stirbt wahrscheinlich 1942. Die Quellen sind sich bis heute nicht einig, ob er Kinovorführer, Lehrer oder Bauer war. Vielleicht war er alles. • Gegen Adalberto Mariano und Filippo Zappi wird schon bald nach der Rettung der schwere Vorwurf erhoben, während ihres Marsches durch das Packeis ihren schwedischen Kollegen Finn Malmgren verspiesen zu haben. Der Verdacht des Kannibalismus wird nie abschliessend aufgeklärt. • Giuseppe Biagi wird Teilhaber einer Tankstelle in der Hauptstadt Italiens. Er stirbt 1965 in Rom. • Hjalmar Riiser-Larsen ist bisher noch gar nicht erwähnt worden. Der norwegische Luftfahrtpionier und Amundsen-Vertraute war einer der beiden Dornier-Piloten von Amundsens Flugversuch (Vorspiel II), befand sich an Bord der «Norge» (Erster Akt) und beteiligte sich an der Suche nach den Überlebenden der «Italia» (Dritter Akt). Letzteres war einer der Gründe, warum Amundsen das Flugzeug bestieg, mit dem er tödlich verunglückte: Er wollte seinem ehemaligen Weggefährten zuvorkommen. Riiser-Larsen stirbt am 3. Juni 1965 in Kopenhagen. • Der Eisbrecher «Krassin» ist heute ein Museumsschiff in St. Petersburg. • 1929 strahlt die Funk-Stunde Berlin sehr erfolgreich das Radio-Hörspiel «SOS ... rao rao ... Foyn … Krassin rettet Italia» aus. Es ist heute das älteste vollständig erhaltene Hörspiel deutscher Sprache. Nachspiel II: Nobile 13. Juli 1928 bis 30. Juli 1978, Italien Die Rettung Nobiles wird von der ganzen Welt gefeiert – ausser von Italien: Weil sich Nobile als Kapitän als Erster hat retten lassen, fällt er als schlechtes Faschismus-Vorbild in Ungnade und wird von Mussolini unehrenhaft aus der Armee entlassen. Andere Quellen besagen, er sei freiwillig zurückgetreten. Nobile geht nach Russland und arbeitet dort als Luftschiffbauer. Später wird er Aeronautik-Dozent in Amerika, verbringt einige Jahre in Spanien und kommt schliesslich wieder nach Italien. 1945 wird er rehabilitiert. 1961 führt er einen Verleumdungs-Prozess gegen ehemalige Militärs und Politiker, Nobile sieht sich als Opfer von Intrigen. Der Prozess bringt ihm aber die Ehre auch nicht zurück. Umberto Nobile verbringt seine letzten Lebensjahre zurückgezogen in Rom. Er stirbt am 30. Juli 1978, fast gänzlich erblindet und an den Rollstuhl gefesselt. In seiner Wohnung findet man Dutzende Andenken aus seiner grossen Zeit – und den ausgestopften Hund Titina. Der Hund ist heute im Italienischen Luftfahrtmuseum in Bracciano ausgestellt. Bilder: Getty Images (oben links/unten links), zvg. 64 PolarNEWS

Umberto Nobile auf einem Inspektionsgang im Innern des von ihm konstruierten Luftschiffs «Norge». Aufnahme des Absturzlagers aus einem Flugzeug – das berühmt gewordene rote Zelt wurde nachträglich koloriert. Das einzige Zelt bot allen Überlebenden Schutz, Proviant und Material hatten die Männer genug. Einar Lundborg erleidet mit seiner Fokker CV eine Bruchlandung, überlebt und ist nun selber im Eis gefangen. Endlich: Nach 49 Tagen auf dem Eis werden die Überlebenden vom russischen Eisbrecher «Krassin» gerettet. PolarNEWS 65

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