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PolarNEWS Magazin - 25 - D

der Sehnsucht. Bei

der Sehnsucht. Bei milden minus 11 Grad Aussentemperatur werden die norwegische, die amerikanische und die italienische Flagge abgeworfen. Amundsen findet, die norwegische Fahne habe am schönsten geweht. Expeditionsleiter Nobiles Italien-Flagge ist die grösste von allen. Ellsworth freut sich, weil er heute seinen 46. Geburtstag feiert. Nobiles Mischlingshund Titina, der ebenfalls an Bord ist, bellt trotz seiner Flugangst freudig. Die «Norge» fährt weiter über die Arktis und landet nach insgesamt über 70 Stunden Flugzeit sicher in Teller bei Nome. Die Welt jubelt. Umberto Nobile ist der Held der Stunde. Benito Mussolini, inzwischen zum Diktator Italiens aufgestiegen, befördert ihn zum General. An der Siegerparade in Seattle kriegt Nobile Blumen überreicht. Amundsen nicht. Das hält Amundsen für ungerecht, er ist beleidigt. Wie er später in seinen Memoiren schreibt, findet er, der Ruhm gebühre einzig ihm, Amundsen. Nun eskaliert der Streit. Amundsen sagt öffentlich, dass er Nobile für technisch ungenügend qualifiziert hält. Nobile kontert, Amundsen habe sich in der «Norge» aufgeführt wie ein Halbgott, sich nicht an den Arbeiten in der Kabine beteiligt und bloss nach Neuland Ausschau gehalten. Worauf Amundsen zetert, Nobile sei auf der «Norge» nur ein Angestellter gewesen und der Zeppelin habe mit der italienischen Flagge ausgesehen «wie ein Zirkuswagen am Himmel». Was wiederum Nobile nicht auf sich sitzen lassen will. Er beschliesst, ein neues Luftschiff zu bauen und noch mal zum Nordpol zu fliegen, ganz ohne Amundsen und ganz ohne norwegische Unterstützung. Er baut einen neuen Zeppelin, den N4, genannt «Italia»: 104 Meter lang, 18’500 Kubikmeter Volumen, drei 245-PS-Maybach-Motoren, Höchstgeschwindigkeit 117 kmh. Zweiter Akt: Sieg und Drama 24. Mai 1928, 00.20 Uhr, Nordpol Geschafft! Das Luftschiff «Italia» erreicht beim dritten Anlauf ab Spitzbergen bei eher schlechtem Wetter den Nordpol. Nobile wirft zum zweiten Mal die italienische Flagge aus der Kabine – plus ein massives Holzkruzifix, das ihm Papst Pius XI. mitgegeben hat. Weil neben den 14 Italienern an Bord auch ein Schwede und ein Tschechoslowake Teil der Mannschaft sind, dürfen sie beide ebenfalls ihre Nationalflaggen abwerfen. Laut erklingen die Kommunistenhymne «Giovinezza» und Heimatschlager im Stil von Bella Italia. Nobile hats der ganzen Welt gezeigt: Bella Italia kann auch ohne Amundsen! Auch Hündin Titina ist dabei, der einzige Hund der Welt, der zweimal am Nordpol war. Weil das Wetter aber zunehmend stürmisch wird, kann Nobile nicht wie geplant einige Wissenschaftler am Pol für Forschungen absetzen. Stattdessen umkreist er zwei Stunden den Nordpol und erteilt schliesslich das Kommando zur Rückfahrt Richtung Königsbucht in Spitzbergen. Bald schon türmt sich eine dicke Nebelbank vor ihnen auf. Nobile steigt auf 1000 Meter Flughöhe, wo die Sicht aber immer noch miserabel ist, und orientiert sich nach dem Magnetkompass. Das ist nichts Aussergewöhnliches. Aber der Gegenwind wird immer heftiger. Es hagelt Eiskörner. Manche bleiben an der Hülle der «Italia» kleben. Andere werden vom Wind der Turbinen beschleunigt und durchsieben die Zeppelinhülle. Wegen des vielen Eises wird das Luftschiff immer schwerer. Und schliesslich verklemmt Eis das Höhenruder. Es ist der 25. Mai 1928, 7 Uhr am Morgen, Position rund 180 Kilometer nördlich der Nordküste Spitzbergens. Jetzt geht alles rasend schnell: Die «Italia» sackt innert Sekunden ab – schlägt mit dem Hinterteil auf das Packeis – von der Wucht des Aufpralls reisst die Gondel beim Heckmotor ab – weil der Zeppelin somit um hunderte Kilo leichter ist, kracht nun der vordere Teil aufs Packeis – auch die vordere Gondel bricht ab – zehn Männer werden aufs Eis geschleudert – um eine weitere Gondel «erleichtert», steigt der Zeppelin wieder auf – im Innern des Zeppelins befinden sich sechs Mechaniker – der Zeppelin treibt führer- und steuerlos in die Ferne ab. Eine erste Schadensbilanz ist ernüchternd: Der Zeppelin ist mitsamt den sechs Männern verschwunden, wahrscheinlich hat er Feuer gefangen und ist im Meer versunken. Der Mechaniker Vincenzo Pomella wurde beim Abbruch der vorderen Gondel getötet. Der Techniker Natale Ceccione hat beide Beine gebrochen. Kommandant Umberto Nobile ist ebenfalls schwer verletzt, ein Arm und ein Bein sind gebrochen. Die restlichen sieben Männer sind vergleichsweise nur leicht lädiert. Die Hündin Titina ist nervös, aber unverletzt. Glück im Unglück: In der abgebrochenen hinteren Gondel befindet sich alles, was die Crew zum Überleben auf dem Eis benötigt: Proviant, ein Zelt, Kleider, Waffen, Batterien, Streichhölzer und ein Kurzwellen-Notfunkset, das Nobile spontan in letzter Minute vor dem Abflug an Bord hat bringen lassen. Umgehend beginnt Funker Giuseppe Biagi, SOS zu senden. Aber alles, was er als Antwort zu hören bekommt, sind die aktuellen Sportberichte und die neusten Schlager. Unglück im Unglück: Die Welt weiss tagelang nichts von ihrem Absturz. Dritter Akt: Die Suche 3. Juni 1928, 19.30 Uhr, Wosnessenje, Russland Seit zehn Tagen gilt die «Italia» als vermisst. Niemand weiss, ob Nobile und seine Männer noch leben. Auf dem Versorgungs- Zeppelin «Città di Milano», der in Spitzbergen beim Ausgangspunkt der Expedition stationiert ist, hat man bruchstückhaft einen SOS-Funk aufgeschnappt, ihn aber als Funker-Irrtum ignoriert. Die Überlebenden auf dem Eis haben derweil einen Eisbären erlegt. Drei Männer sind vor vier Tagen quasi als Stosstrupp losgezogen, um sich bis an Land durchzuschlagen und Hilfe zu holen: die beiden Marineoffiziere Adalberto Mariano und Filippo Zappi sowie der schwedische Meteorologe Finn Malmgren. 3000 Kilometer entfernt im russischen Dorf Wosnessenje nahe Archangelsk schnappt der Amateurfunker Nikolaj Schmidt einen SOS-Ruf auf, den er dem Zeppelin «Italia» zuordnet. Es gibt Überlebende! Schmidts Entdeckung geht durch die Weltpresse. Am 6. Juni gelingt es dem Funker der «Città di Milano», mit Giuseppe Biagi auf dem Eis Kontakt aufzunehmen. Was jetzt beginnt, wird sich zur grössten Rettungsaktion auswachsen, die je in der Arktis unternommen wurde. Berühmte Fliegerpiloten, die neuen Helden der Lüfte, starten zu Erkundungsflügen. Schlittenhundeteams schwärmen aus. Schiffe stechen in See. Bis zur Rettung werden es 21 Flugzeuge und 16 Schiffe aus sechs Nationen sein, mehr als 1500 Rettungskräfte stehen im Einsatz. Die ganze Welt ist grenzenlos begeistert. Ausser einem: Roald Amundsen. Vierter Akt: Die Niederlage 18. Juni 1928, 16.00 Uhr, Tromsø, Norwegen Denn Amundsen will als grösster Entdecker aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Er hat schliesslich damals den Wettlauf zum Südpol gegen den Briten Robert Falcon Scott gewonnen! Aber er weiss auch: Tote Helden leben länger. Robert Scott starb auf dem Rückweg vom Südpol den Heldentod und ging somit gleichwertig wie Amundsen in die Geschichte ein. Nun will Amundsen unter allen Umständen verhindern, dass ihm dasselbe mit Bilder: zvg (oben), Getty Images (unten). 62 PolarNEWS

Das Luftschiff «Norge» liegt in Ny Ålesund auf Spitzbergen vor Anker – bereit für den Flug zum Nordpol. Die Crew der «Norge» lässt sich in Seattle feiern: Umberto Nobile (mit Hund), rechts neben ihm Lincoln Ellsworth und Roald Amundsen (mit Schnauz). PolarNEWS 63

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