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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Markel ist erst drei

Markel ist erst drei Jahre alt und bewegt sich schon sicher mitten in der Herde. Er weiss, dass ihn die Rentiere niemals überrennen würden. sich aufwärmen kann, wird er von den Kindern bestürmt: Er gibt dem Wunsch der Kinder nach und unternimmt mit ihnen eine Spritztour mit dem Buran. Cuba und Kohle Am frühen Abend kommt Grossvater Spiridon von seinem Nachbarbesuch zurück. Das Bellen der Hunde hat schon lange zuvor sein Kommen angekündet. Auf seinen Schlitten hat er fünf gefrorene Wildrentiere gepackt, die sein Nachbar auf der Jagd erlegt hat. Davon kann die Familie wieder ein paar Wochen leben. Aus einem Plastikbeutel, den er in seine Felljacke gesteckt hatte, zieht er zur Überraschung und Freude von Irma und Markel einen drei Monate alten Hund. Der zittert am ganzen Körper vor Kälte. Am Kopf ist das Fell mit Eis verklebt. Irma tauft das kleine Häufchen Elend Cuba, was nichts mit dem Land zu tun hat, sondern in der Dolgan-Sprache «Schwan» bedeutet – der Hund hat ein mehrheitlich weisses Fell. Schon bald tapst Cuba herum, fällt aber bei den Gehversuchen immer wieder hin. Irma und Markel tragen ihn umher und hätscheln ihn, was er sich gerne gefallen lässt. Nachts gibt es jedoch kein Pardon: Cuba schläft im Vorraum in der Kälte; immerhin auf einem für ihn vorgesehenen Rentierfell. Trainiert müssen die Hunde nicht werden, denn sie haben ihre Arbeit im Blut und lernen von den anderen Hunden. Im Camp hat es insgesamt sechs Hunde. Ein schwarzer mit weissem Kragen ist der Leithund. Er ist völlig auf Spiridon fixiert und immer in seiner Nähe. Falls Spiridon im Balok ist, wo die Hunde keinen Zutritt haben, steht er auf die Hinterbeine und schaut von aussen durch ein Fenster. Es ist schon fast dunkel, als Makar und sein Freund Oleg mit Vollgas auf das Camp zusteuern. Sie haben auf den dem Buran angehängten Schlitten Steinkohle und Holz geladen. An der nur eine Stunde entfernten Uferböschung des Chatangaflusses haben sie die Kohle in einer leicht zugänglichen Ader herausgebrochen. Diese Kohle und das aus der ein paar hundert Kilometer südwestlich gelegenen Taiga stammende Schwemmholz sind das einzige Brennmaterial der Dolgan. In der Tundra, wo es keine Bäume und kaum Sträucher gibt, ist diese Situation jedoch geradezu komfortabel. Die Glut bleibt im Ofen Am nächsten Morgen teilt Irina mit, dass sie beschlossen hat, heute das Camp noch näher in Richtung Syndassko zu verlagern – im Hinblick auf das Fest. Ohne viel Aufhebens helfen die Kinder mit, alle Gegenstände im Balok auf den Boden zu legen oder in Schachteln zu verpacken. Den Ofen lässt Irina ausgehen, die Glut bleibt jedoch drin, damit bei der Ankunft sofort wieder geheizt werden kann. Während die Frauen die Baloks für den Umzug parat machen, fangen die fünf Männer gemeinsam mit den Hunden 37 Rentiere als Zugtiere ein. Das dauert fast drei Stunden. Markel möchte auch mithelfen. Grossvater Spiridon hat für ihn ein kurzes Lasso aus blauer Schnur vorbereitet. So schreitet Markel auf die wild um ihn herumrennende Herde zu und macht Wurfbewegungen nach, die er den Erwachsenen abgeschaut hat. Auch wenn er natürlich nicht trifft, wirkt der Knirps dabei schon sehr selbstbewusst. Er weiss, dass die Rentiere nie einen Menschen über den Haufen rennen würden, sie weichen einem kleinen Kind immer aus, selbst wenn es mitten unter ihnen steht und selbst wenn die Herde von den Hunden getrieben wird. Nachdem genügend Rentiere eingefangen sind, befreien die Männer die Baloks vom Schnee und machen die Schlitten flott. Die Vorbauten werden weggezogen und mit den ebenfalls auf Schlitten montierten Vorratskasten zusammengehängt. Vor dem Start versammeln sich alle zu einem späten Mittagessen. Es gibt Hörnli mit geschnetzeltem Rentierfleisch. Dann werden die Rentiere vorgespannt und los gehts. Fünf Kompositionen und die Rentierherde ziehen durch den unberührten Schnee. Bald Von Null auf über 60 Stundenkilometer: Der Start des Rentier-Schlittenrennens in der Kategorie Männer verläuft ziemlich chaotisch. 56 PolarNEWS

Mit wehenden Fahnen und der Ehrendame auf dem Rentier schreitet die kleine Parade zum Startgelände des Rennens. Es ist ziemlich windig. taucht die langsam untergehende Sonne die sanfte Landschaft in ein warmes Licht. Von Zeit zu Zeit hält Spiridon an und wartet auf die nachkommenden Schlitten und Rentiere. An einer Stelle, die er ausgewählt hat, hält der ganze Tross an, und das neue Camp wird schnell erstellt. Die Schlitten mit ihren Aufbauten werden wie immer positioniert, die Vorbauten angehängt, der Schnee an die Baloks geschaufelt, der Ofen «gefüttert» und Tee gekocht. Währenddessen wollen die Kinder wieder nach draussen. Dascha knüpft den beiden warme geblümte Wollschals um den Kopf und über die Nase. Gut vor der Kälte geschützt, erkunden Irma und Markel die Umgebung des neuen Camps. In 100 Metern Entfernung hat es eine kleine Anhöhe, die sofort als Rutschbahn in Beschlag genommen wird. Was jetzt noch fehlt, ist frisches Trinkwasser. Kein Problem: In kurzer Entfernung vom Camp befindet sich ein zugefrorener Teich. Dort hauen Makar und Oleg mit Beil und Brecheisen Eisblöcke heraus und binden sie auf die Schlitten. Nach dem Nachtessen holt Spiridon eine Flasche Vodka aus dem Vorratskasten. Bevor die Erwachsenen das Glas erheben, dankt Spiridon den Geistern für die gelungene Fahrt und bittet um einen glücklichen Aufenthalt an diesem Standplatz, indem er einige Tropfen ins Feuer schüttet. Mittlerweile ist die Nacht hereingebrochen, der ganze Himmel hat sich rot-orange-lila verfärbt. Letzte Vorbereitungen Am Tag vor dem Fest ist noch ein letztes Rentier-Schlittentraining angesagt. Neben den Männern trainiert heute auch Dascha, denn es gibt auch ein Rentier-Rennen für die Frauen. Grossmutter Irina richtet derweil die Festtagskleider für die ganze Familie her. Sie bestehen in erster Linie aus Rentier- und Fuchsfellen. Anschliessend häutet Irina den schneeweissen Polarfuchs, den Oleg am Vortag mit einer Falle erlegt hat, und spannt das Fell zum Trocknen auf einen Holzspanner. Die Qualität des Fells ist mässig – der Winter war für hiesige Verhältnisse zu milde. Der Kadaver hat wenig Fleisch und kein Fett. Nicht nur die Kinder zeigen kein Interesse für das gehäutete Tier, auch die Hunde lassen das Fleisch unangetastet. Spiridon erhält von Irina den Auftrag, das Holzhacken zu unterbrechen und eine Rentierkeule aus dem Vorratsspeicher zu holen. Bei Aussentemperaturen von aktuell minus 20 Grad sind dort alle Lebensmittel tiefgefroren. Heute gibt es zur Fleischsuppe rohes Knochenmark. In einem zweiten Topf kochen Rentierfüsse. Die Sülze, die nach stundenlangem Kochen entstehen wird, ist eine Delikatesse, Irina will sie den Verwandten zum Fest mitbringen. Am Nachmittag spielen Irina, Spiridon, Dascha und Iwan Domino. Zur vollen Stunde legt Irina eine Pause ein für ein Funkgespräch mit den Nachbarn in weit entfernten Standplätzen. Irma, die gerade in einem dicken Heft Kreuzworträtsel löst, übernimmt Irinas Domino-Part. Nach kurzer Zeit liegt sie vorne, obwohl Irinas Aussichten auf den Gewinn bis jetzt nicht sehr hoch waren. Schliesslich gewinnt Irma das Spiel. Niemand ist überrascht, wissen doch alle, dass sie sehr schnell im Denken, Rechnen und Kombinieren ist. Gegen Abend fährt die ganze Familie gemeinsam zum Festort PolarNEWS 57

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