Aufrufe
vor 7 Monaten

PolarNEWS Magazin - 25 - D

Text: Sylvia Furrer

Text: Sylvia Furrer Bilder: Holger Hoffmann Irma ist 7-jährig und Spiridon Antonovs Enkeltochter. Spiridons Familienmitglieder sind Rentiernomaden und gehören zur knapp 8000 Personen zählenden Volksgruppe der Dolgan, die im Mündungsgebiet des Chatangaflusses auf der Taimyr-Halbinsel im hohen Norden Sibiriens leben. Irma will nach den Ferien nicht mehr zurück in die Schule, sondern beim Grossvater in der Tundra bleiben. Die Dolgan leben nicht wie andere sibirische Rentiernomaden in Zelten, sondern in direkt auf den Rentierschlitten gebauten Behausungen, den Baloks. Wenn sie ihren Standort wechseln, müssen sie also nicht ihre Zelte abbrechen, sondern lediglich genügend Rentiere vor den Schlitten spannen. Die Balken und Wände der 10 bis 12 Quadratmeter grossen Baloks sind aus Holz, zur Isolation folgt aussen eine Schicht Rentierfelle, die bei den beiden Fensteröffnungen noch sichtbar sind. Darüber ist zum Schutz vor der Witterung eine Aussenhaut aus Segeltuch gespannt. Im Innern: Neben dem Ofen und den Fellen am Boden, die als Unterlage zum Sitzen und Schlafen dienen, steht ein niedriger Tisch mit drei noch niedrigeren Hockern. Töpfe für das Schmelzwasser und weitere Küchenutensilien sind an der Wand oder an der Decke aufgehängt. Neben einem der Fenster steht ein Funkgerät. Spiridons Camp besteht aus zwei Baloks. Im einen leben die Grosseltern Spiridon und Irina sowie Irmas Onkel Mikhail und Makar. Im anderen hausen Irma, ihre Eltern Dascha und Iwan sowie ihr 3-jähriger Bruder Markel. Das Camp befindet sich aktuell rund 60 Kilometer südwestlich des 400-Seelen-Dorfs Syndassko, eine der nördlichsten ganzjährig bewohnten Ortschaften in Russland. Der Grund, warum sie ihr Lager so nah von Syndassko aufgeschlagen haben, ist das alljährlich Mitte April stattfindende Rentiernomadenfest. Besuch von Superman In der Ferne ertönt das Motorengeräusch eines Buran, wie man den Motorschlitten in Russland nennt. Es ist wohl Tante Anna und ihre 10-jährige Tochter Mira mit einer Freundin sowie Irmas 4-jähriger Cousin, der nach dem Grossvater ebenfalls Spiridon heisst. Sie kommen aus Syndassko auf Besuch. Sie hatten ihr Kommen per Funk angemeldet – Irina hat den Standort des Camps beschrieben mit «geradeaus der Buranspur entlang und dann links». Es verstreichen zehn Minuten, bis der Buran im Camp auftaucht. Die Wiedersehensfreude ist auf beiden Seiten gross. Tante Anna berichtet, dass sie drei Stunden unterwegs waren, fast doppelt so lange wie erwartet. Wegen des leichten Schneefalls seien die Spuren immer weniger erkennbar gewesen. Sie und der Chauffeur, ein Freund von Onkel Mikhail, seien sich nicht einig geworden, wann sie sich links zu halten hätten. Die monotone, hügelige Tundralandschaft bietet bei bedecktem Himmel kaum Orientierungspunkte. «Aber jetzt sind wir ja da», sagt Tante Anna. Die Besucher schlagen den Schnee mit einem am Eingang stehenden Stock von den mit Stickereien verzierten Fellmänteln, Mützen und Stiefeln. Alle drängen sich nun Irma besucht gerne ihre Verwandten in Sydassko. Das nomadische Leben in den Weiten der Tundra gefällt der Siebenjährigen aber besser. 54 PolarNEWS

Trautes Heim, Glück mit Rentieren: Der Balok wird aussenrum mit Schnee «verankert», die Rentiere bewegen sich frei drum herum. durch den Vorraum in den Balok, wo auf dem Ofen bereits ein grosser Topf gekochtes Rentierfleisch auf die Gäste wartet. Obwohl der Balok zum Bersten voll ist, finden alle Erwachsenen einen Platz um den niedrigen Tisch. Die Kinder rutschen in der Ecke beim Ofen zusammen. Nur Markel weicht nicht von der Seite seiner Mutter. Und wenn er ihr im Weg steht, versteckt er sich hinter Irma. Der Grund für Markels Verhalten ist der nur ein halbes Jahr ältere Cousin Spiridon junior, er trägt den Übernamen Superman: Seine Bewegungen und Blicke sind klar und bestimmt. Für einen 4-Jährigen tritt er mit einer Souveränität auf, die ihn bereits jetzt als zukünftigen Anführer auszeichnet und die Markel immer unsicherer werden lässt. Instinktiv stellt sich Irma schützend vor ihren Bruder. Die Situation entspannt sich, als Irina die von Tante Anna mitgebrachten Süssigkeiten verteilt. Besonderen Anklang finden die Orangen, die sie mitsamt Schale in kleine Schnitze schneidet. Fernsehen und gamen Nach dem Essen versammelt sich die Jugend vor dem Laptop. Auch wenn es im Camp keine Internetverbindung gibt, wird er rege genutzt: Eine ganze Reihe von Spielfilmen, Videogames und Fotos sind darauf gespeichert. In Irmas aktuellem Lieblingsfilm geht es um eine Liebesgeschichte im russischen Mafiamilieu. Die junge schöne Heldin ist hin- und hergerissen zwischen ihrem verlässlichen Freund und dem schillernden Schurken. Ihre Onkel sind davon bald gelangweilt und wechseln zu einem Egoshooter-Game. Die Älteren spielen Karten, bis der Generator zu stottern anfängt und die Lampen flackern. Dann werden wie in alten Zeiten die Petrollampen angezündet. Gegen 22 Uhr ist es draussen immer noch ein bisschen hell. Für die Ortskundigen sind das ideale Lichtverhältnisse, um auf dem Schnee die Spur zu finden und den Unebenheiten auszuweichen, die das Schlittenfahren zu einer harten Belastung für das Rückgrat machen. Spiridon senior ist bereits vor einer Stunde mit seinem Rentierschlitten losgefahren. Er besucht einen Nachbarn, der «nur» 70 Kilometer entfernt wohnt. Jetzt brechen auch Tante Anna und die anderen Besucher auf, um nach Syndassko zurückzukehren. Über Nacht haben sich die knapp 200 zu Spiridons Herde gehörenden Rentiere bei der Suche nach Futter unter der 10 bis 20 Zentimeter dicken Schneedecke immer weiter von den Baloks entfernt. Mikhail treibt sie wie jeden Morgen mit dem Buran und der Unterstützung der Hunde zurück zum Camp. Die Hunde hören Mikhails Befehle auf Distanzen von mehreren hundert Metern. Cowboy-Arbeit Bei den Baloks warten schon Makar und Iwan mit ihren Lassos, um diejenigen Tiere einzufangen, mit denen sie heute für das Rennen am Fest in Syndassko trainieren wollen. Gekonnt werfen alle drei Männer ihre Lassos nach den von den Hunden rund um die Baloks getriebenen Tiere. Iwan ist ganz in seinem Element. Wenn dennoch einer von ihnen verfehlt, das falsche erwischt oder ein Rentier sich im letzten Moment aus der Schlinge befreit, wird herzhaft gelacht. So dauert es rund eine Stunde, bis ein Dutzend Tiere eingefangen und ins Zaumzeug gelegt sind. Bevor es dann aber raus in die weisse Unendlichkeit zum Training geht, begeben sich die Männer nochmals in den Balok und stärken sich mit einem Stück Fleisch und einem Tee. Danach sind sie nicht mehr zu halten, sie brausen mit ihren Rentierschlitten los. Doch Makar kehrt bereits nach zehn Minuten zurück. Er hat eine Kurve zu eng genommen, eine Kufe ist gebrochen. Die anderen beiden kommen erst nach gut einer Stunde zurück, mit Eiszapfen und einem Strahlen im Gesicht. Bevor Onkel Mikhail Die warme Stube ist eine Einraumwohnung: Grossvater Spiridon und Mutter Dascha im Inneren des gut isolierten Baloks. PolarNEWS 55

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum