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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Logistik Es ist

Logistik Es ist kompliziert Dass Logistik in der Antarktis schwierig ist, weiss jeder. Seit Professor Kleemann darüber geforscht hat, ist das Problem magistral analysiert. Text: Florian C. Kleemann Bilder: Alfred-Wegener-Institut Logistik in der Antarktis: Traumreise in einen Alptraum? So, wie dieser Artikel mit einer Frage beginnt, so beginnen viele Gespräche zum Forschungsprojekt Antarktische Logistik, das ich im November 2015 ins Leben gerufen habe, mit Fragen – oder zumindest mit fragenden Blicken: Warum untersucht jemand die Logistik in der Antarktis? Oder, noch viel grundsätzlicher: Was ist Logistik – und wozu brauche ich die eigentlich in Polarregionen? Dabei könnte man sich allein schon der Frage, was Logistik ist, seitenweise widmen. In Kürze aber sei gesagt: Logistik beschreibt die Aufgaben von Unternehmen und Organisationen rund um Transport, Lagerung, Bereitstellung und Verteilung von benötigten Vorräten an Materialien und Waren. Das betrifft den Transport von Lebensmitteln von einem Produzenten in das Lager zu einem Detailhändler – oder eben die Versorgung von Polarforschern mit den Vorräten, die diese das ganze Jahr über brauchen. Ihren Ursprung nahm die Logistik im Übrigen im Militär, war doch die Versorgung von Truppen im Einsatzgebiet schon vor Jahrhunderten ein entscheidender «Erfolgsfaktor». Hält man sich demzufolge vor Augen, welch widrige Umstände für den Menschen wir in der Arktis und der Antarktis vorfinden, so erkennt man klar: Ohne Logistik wäre eine Nutzung oder gar Erschliessung gar 44 PolarNEWS

Analysiert werden in diesem Buch Infrastrukturen wie Strassennetze, Flug- und Seehäfen sowie allgemeine Rahmenbedingungen. Doch während «gängige» Regionen wie Westeuropa, Nordamerika oder Asien umfassend Erwähnung finden, ist die Antarktis mit keinem Wort gewürdigt. Da mir zu diesem Zeitpunkt bereits die Idee der Sieben-Kontinente-Reise im Kopf rumgeisterte, lag es nahe zu prüfen, ob Fragen zur Logistik auf dem Siebten Kontinent wenigstens in anderen Büchern behandelt werden. Doch lange Stunden der Recherche ergaben nichts ausser einem Handbuch aus dem Jahre 1962 sowie einem Zeitschriftenartikel von 1988. Oder anders ausgedrückt: Die Forschungslücke war identifiziert. Wetterglück: Das AWI-eigene Versorgungsschiff «Polarstern» dockt zum Abladen direkt am Eisschild an. nicht möglich. Die unwirtlichen, ja lebensfeindlichen Umstände «am Ende der Welt» schränken die Möglichkeiten der Selbstversorgung so stark ein, dass ohne regelmässige Nachlieferung von Vorräten eine dauerhafte Existenz nicht denkbar wäre. Insbesondere was die Antarktis betrifft, wäre diese ohne Logistik – in diesem Fall Expeditionsschiffe auf der Suche nach Handelswegen – gar nicht so zielgerichtet entdeckt worden. Und trotzdem dauerte es bis in die 1820er-Jahre, bis dies geschah. Die Frage sollte daher vielleicht weniger lauten, warum jemand die Logistik in der Antarktis untersucht, sondern vielmehr, warum das bisher niemand getan hat. Denn als ich das erste Mal genauer prüfte, inwieweit die antarktische Logistik schon untersucht wurde, fand ich – nichts. Reisen und forschen Dabei war mein Interesse an der Antarktis lange gar nicht von der Logistik geprägt, sondern von einem «Sammel-Ziel»: Die endlosen Tage am Schreibtisch während der Doktorandenzeit übersteht man nur, wenn man für die Zeit nach Abschluss der Promotion Wünsche entwickelt – jedenfalls half mir das. Der erste Wunsch, ein viel zu schnelles Auto, ist bis heute nicht umgesetzt. Der andere, alle sieben Kontinente zu bereisen, rückte nach Südamerika 2013 und Ozeanien 2015 in greifbare Nähe – und war daher fest im Visier. Es fehlte nur noch die Antarktis. Doch auch aus finanziellen Gründen – Mitreisende waren nicht in Sicht, eine Einzelkabine schien zu teuer – blieb das Vorhaben eigentlich nur ein Traum. Doch spätestens mit der Idee, eine touristische Reise mit einem Forschungsvorhaben zu antarktischer Logistik zu verknüpfen, wurde es konkreter. Auf die Idee zu dem Projekt kam ich in einer meiner Vorlesungen zum Thema internationale Logistik. In der Veranstaltung nutzte ich das Buch «Internationale Logistik in und zwischen unterschiedlichen Weltregionen» meiner Kollegin Ingrid Göpfert, um den Studierenden einen Überblick über wesentliche Regionen und deren Entwicklungsstand in Sachen Logistik zu geben. Enge Zusammenarbeit Etwa zur gleichen Zeit – Ende 2015 – machte mich eine Bekannte darauf aufmerksam, dass es auch im Bereich Antarktisreisen Last-Minute-Angebote gibt. Normalerweise plant und bucht man eine Antarktisreise ja schon Jahre im Voraus... Nach kurzer Suche würde ich fündig – und buchte eine touristische Expeditionsreise, die keine drei Monate später starten sollte. Nun musste alles schnell gehen: Die Idee zum Forschungsprojekt «Logistik in der Antarktis» musste konkretisiert, der Reiseveranstalter von der Bereitstellung von Interviewpartnern überzeugt werden. Immer wieder erntete ich skeptische Reaktionen oder gar Amüsement bei der Beschreibung meines Vorhabens. Selbst die Logistikmanager der deutschen Polarmission des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), die ich zwischenzeitlich um Interviews gebeten hatte, waren überrascht. Zum ersten Mal stand nicht die Forschung ihrer Wissenschaftler, sondern ihre eigene Arbeit zur Versorgung der Stationen im Fokus. Nach kurzem Austausch bekam ich auch hier grünes Licht für ausführliche Gespräche – wenn auch im Hauptquartier im norddeutschen Bremerhaven. So wurde ich mir meiner Sache immer sicherer. Während viele Logistikthemen schon hundertfach behandelt worden waren, war antarktische Logistik thematisch buchstäblich eine weisse Wüste. Wie gross sowohl die Verwunderung über und das Interesse an meiner Forschung waren, merkte ich, als ich Anfang 2016 im argentinischen Ushuaia das Expeditionsschiff MS «Endeavour» betrat. Schnell kannte ich die Expeditionsleitung und fast die gesamte Crew. Das wiederum fiel meinen Mitreisenden auf – die natürlich nachfragten, warum ich gar so viel mit der Reiseleitung diskutierte. Aber es galt ja auch, trotz acht Meter hoher Wellen in PolarNEWS 45

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