Aufrufe
vor 7 Monaten

PolarNEWS Magazin - 25 - D

Zu hundert Prozent? Muss

Zu hundert Prozent? Muss es! Denn wenn der Schlitten nicht bewegt werden kann, wenn es zu einer Havarie, zu einem Defekt oder einem Bruch kommt, dann ist nicht nur der Schlitten verloren, sondern auch die wertvolle Fracht. Die Forscher müssen sich absolut darauf verlassen können, dass der Schlitten unter allen vorhersehbaren klimatischen Bedingungen gut funktioniert. Bei Schneesturm, bei extremer Kälte und und und. Ich gehe davon aus, dass die hundert Prozent erfüllt werden... Oder gab es je Zwischenfälle? Es ist vor einigen Jahren passiert, dass ein Schlitten durch Unachtsamkeit in eine Gletscherspalte gerutscht ist. Ich habe aber nie gehört, dass aufgrund eines Defektes eines unserer Schlitten eine Last verloren war. Und wir haben schon weit über 100 Schlitten hergestellt. Wie sind Sie denn überhaupt zur Entwicklung dieser Schlitten gekommen? Wir sind, wie gesagt, Sondermaschinenbauer. Das heisst, wir «Lehmänner» sind ein KMU, das spezielle Produkte entwickelt, baut und diese auch in der Montage sowie im Einsatz mit den Kunden erprobt. Dafür sind wir weltweit bekannt. Wir sind auch als ein Unternehmen bekannt, das auf Innovation setzt, das sich an Probleme herantraut, für die es nicht sofort eine Lösung gibt. Das sind auch Probleme, bei denen ein anderes Unternehmen vielleicht sagt: «Das ist uns zu kompliziert und zu risikoreich.» Wir sagen da: «Mach’mer!» Irgendwann kam eine Anfrage vom Alfred- Wegener-Institut aus Bremerhaven. Das war zirka 2002, vor 15 Jahren. Sie suchten eine Firma, die Schlitten für die Antarktis baut. Damit gingen die Entwicklung und ein äusserst aufwendiges Verfahren los, bei dem wir auch mit Hochschulen und Universitäten zusammengearbeitet haben. Dort, wo wir selber nicht weiterkommen, haben wir vertrauensvolle Partner, ein gutes Netzwerk. Wie weit sind Sie persönlich an der ganzen Geschichte beteiligt? Diese Schlittengeschichte bewegt mich. Meinen Kunden sage ich: «Ich bin Schlittenfan.» Ich mache das gerne, nicht nur einfach, weil ich das muss, sondern weil es Freude macht, einmal vom Projekt her, und dann auch, mit den internationalen Partnern zu kommunizieren. Da kommt auch mal ein Dankeschön zurück: «Ja, die Schlitten haben funktioniert, war alles perfekt.» Anfang des Jahres gingen Bilder um die Welt, die zeigten, wie eine Polarforschungsstation 23 Kilometer ins Landesinnere gezogen wurde, auf Kufen der «Lehmänner». Was war das Problem, warum der Umzug? Die Halley VI ist eine von vielen Forschungsstationen in der Antarktis. Sie gehört dem British Antarctic Survey und steht auf dem Brunt-Eisschelf. Und da hatte sich ein riesiger Riss gebildet. Das Eis drohte abzubrechen und in den Ozean zu driften. Deshalb hat man die Forschungsstation ins Landesinnere gefahren. Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen? Lange bevor die Forschungsstation entwickelt wurde, hatten wir schon Schlitten an den British Antarctic Survey geliefert. Die wussten also, dass es uns gibt. Und so durften wir die Kufen für die Station herstellen. Warum eine Station auf Kufen? Da gibt es zwei Problematiken. Die erste habe ich schon gesagt: Wenn eine Last längere Zeit im Schnee steht, dann versinkt sie im Schnee. Durch den Druck entsteht Wärme, das Wasser schmilzt, presst den Schnee seitlich weg und die Kufe samt der Station sinkt zusehends in den Schnee ein. Die zweite Problematik ist die, dass es die Station mit Schnee zuweht. Und das innerhalb von kürzester Zeit. Dank unserer Konstruktion können sich die einzelnen Module sozusagen aus eigener Kraft aus dem Schnee hochheben. Denn die Kufen sind mit der Station durch hydraulische Stemmen verbunden, und die ganze Anlage hat ein spezielles Steuerungsmodul. Dadurch kann jede Kufe einzeln angehoben werden. Das funktioniert folgendermassen: Die heben von den sechs Kufen eine an – die anderen fünf bleiben stehen –, schaufeln Schnee drunter, setzen die Kufe ab. Nehmen die nächste Kufe, heben die hoch, schaufeln Schnee drunter und lassen sie wieder ab. Und so weiter. Zweitens ist die Kufe in der Lage, das Modul horizontal zu bewegen. Sprich: Man kann vorne ein Raupenfahrzeug dransetzen und nun die Station bewegen. Auf diesen Kufen wurde die Forschungsstation dann ins Landesinnere gefahren. Genau. Und für diesen Fall, dass einzelne Module transportiert werden müssen, haben wir auch den Jacking Tower entwickelt und mitgeliefert. Das ist eine Stahlkonstruktion, die wiederum auf Kufen steht. Man fährt damit unter die Module der Forschungsstation, hebt die Kufen an, gräbt die komplette Station aus und kann sie nun vorziehen. Die ganze Rettungsaktion dauerte 13 Tage. Haben Sie den erfolgreichen Abschluss dieser Aktion gefeiert? Wir haben noch nicht gefeiert. Aber der Plan ist, dass ich dieses Jahr nach Cambridge zum British Antarctic Survey fahre, und dann werden wir bestimmt... Womit stösst man bei den Briten an? Vielleicht mit einem Pint of Beer? Das mach’mer. Ja, das ist der Plan. Reisen Sie denn auch ab und zu mit Ihren Kunden in die Antarktis? Ich habs noch nicht geschafft. Es ist mein grösster persönlicher Wunsch in meinem Leben, einmal in der Antarktis tätig zu sein. Sie waren noch nie dort? Das meine ich von ganzem Herzen: Ich möchte es einmal erleben, eine Reise zum Polarkreis zu machen. Ich weiss, das ist sehr teuer. Aber vielleicht kann ich mich irgendwo nützlich machen mit meinen Kenntnissen oder eine praktische Aufgabe übernehmen, die Sinn macht. Wenn es da jemanden gibt, der mich brauchen kann: Ich bin dabei! Wünsche sind da, damit sie in Erfüllung gehen! Es gibt eine weitere Station, eine schwarze Kugel, die verschoben werden musste. Auch da wurde die Firma Lehmann-UMT um Hilfe angefragt. Das ist die Forschungsstation der Dänen auf Zur Person Werner Kirsten arbeitet seit 27 Jahren bei der Firma Lehmann. Er hat in Chemnitz Physik sowie elektronische Bauelemente studiert und war anschliessend als Entwicklungsingenieur in der Herstellung von Klimakammern zur Umweltsimulation tätig. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wechselte Werner Kirsten zu den «Lehmännern», die jemanden für das Controlling und den Aufbau der Geschäftsstruktur suchten. Kirsten arbeitete in der Folge viele Jahre als Produktionsleiter. Seit einigen Jahren kümmert er sich um strategische Betriebsprojekte und um den Kontakt mit den Kunden. Die Produktion der Schlitten begleitet er seit vielen Jahren. Sie ist zwar Teil seiner Arbeit, er betrachtet sie jedoch fast als Passion. Bild rechts: zvg. 42 PolarNEWS

Links: Werner Kirsten (rechts) bespricht mit Kollegen technische Details. Rechts: Dank der Kufen ist die Halley-VI-Station «transportabel». dem Eisschild von Grönland, eine schwarze Kugel mit einem Durchmesser von über 30 Metern. In dieser Kugel sind auf mehreren Etagen Mannschaftsräume, Büroräume und so weiter integriert. Die Dänen haben diese Kugel aufs Eis gestellt. Doch nach einiger Zeit versank sie, wie ich schon gesagt habe, wegen des Eigendrucks und des Zuwehens im Schnee. Und nun war die Frage der Dänen: «Mensch, wie kriege ich denn die Kugel da raus?» Bei uns in Deutschland würde man einfach einen Kran hinfahren und die Kugel wegheben. Der wie in der Antarktis auch in der Arktis nicht zur Verfügung steht. Was war die Lösung? Eine zerlegbare Fahrradnabe! Dieses Prinzip haben wir übernommen, mit einer Nabe in der Mitte, an der Stahlseile befestigt sind, wie Speichen, und die aussen herum einen Ring halten. Dieser Ring ähnelt einer Felge beim Fahrrad und kann die Last der Kugel aufnehmen. Unter dem Ring sind vier riesige Kufen und eine Zugkette vorne dran. Mittels der Kufen und der Kette konnte die Kugel dann herausgezogen werden. Tönt genial einfach. Die besondere Herausforderung daran war, dass die Vorrichtung in kleinen Segmenten geliefert und vor Ort manuell und segmentweise montiert werden musste. Also haben wir den Ring entwickelt, haben ihn bei uns in der Halle trocken aufgebaut und die Partner in der Montage eingewiesen. Dann haben wir den Ring wieder zerlegt, in Container verpackt und in die Arktis geschickt. Hat es geklappt? Die Dänen haben unter der Kugel den Schnee Stück für Stück weggeschoben und die Segmente mit den Kufen darunter gebaut. Zuletzt wurde – wie bei den Ägyptern und den Pyramiden – eine geneigte Ebene in den Schnee gefräst, die Zugseile an zwei Pistenbullies angeschlossen und die Kugel aus dem Schnee rausgezogen. Das hat geklappt, ganz ohne Stress. Wie lange haben Sie denn für die Entwicklung gebraucht? Vier, fünf Monate für Entwicklung und Bau. Und wie viele Personen waren daran beteiligt? Das kann man schwer sagen. Die Kollegen sind ja nicht permanent an dieser Transportvorrichtung dran. Am Anfang sind es die Entwickler, dann die Konstrukteure, dann gibt es die, welche die Arbeitsreihenfolge festlegen, die die Teile bauen, die schweissen, die Lack draufmachen. Es gibt die Ingenieure, die zum Schluss die Qualitätsprüfung vornehmen. Und als Allerletztes gibt es jemanden, der das alles noch einpackt. Schätzungsweise also zehn bis fünfzehn Mann. Ein ganz schöner Aufwand! Damit verdienen wir nicht unseren Jahresumsatz. Das sind einfach schöne Projekte. Ihre Schlitten sollen neuerdings auch in Wäldern zum Einsatz kommen. Das Problem hier ist: Die Forstmaschinen werden immer schwerer. Wenn die durch den Wald fahren, dann ist der Boden plattgedrückt. Die Mikroben und die Poren im Boden sind zerstört. Sprich: Da wächst nachher lange Zeit nichts mehr. Der Waldboden lebt ja von seiner Porigkeit. In Deutschland soll deshalb ein Gesetz geschaffen werden, das den Bodendruck beim Befahren definiert. Und da kommen wir ins Spiel und sagen: Mit unseren Holzfrachtschlitten bieten wir euch die Möglichkeit, mit äusserst geringem Auflagedruck schwere Baumstämme durch den Wald zu transportieren. Wir treiben die Entwicklung dieser Holzschlitten aktuell voran, wir knien uns da rein. Da winkt ein grosser Markt. Tatsächlich besteht weltweit ein enormer Bedarf. Wir wissen das von Kanada, von Russland, die ja beide sehr waldreich sind. Wir wissen auch von der sibirischen Tundra, deren Böden ja zugefroren sind, aber nun mit dem Klimawandel auftauen, dass es zunehmend Probleme mit den schweren Lastwagen gibt. Auch da können unsere Schlitten zum Einsatz kommen. Eine letzte Frage: Ihre Begeisterung für die Sache ist spürbar und gross. Was treibt Sie an? Der Umgang mit den Menschen ist immer spannend und voller Überraschungen. Meine Arbeit hilft mir, die Entwicklung unserer Umwelt und unserer Erde immer noch positiv zu sehen. So gewinne ich Kraft, diese Entwicklung mit unserer Technik und unserem Wissen nachhaltig zu gestalten. PolarNEWS 43

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum