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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Ozonloch entdeckt

Ozonloch entdeckt Besonders herausragend und von globaler Bedeutung war in wissenschaftlicher Hinsicht die geleistete Vorarbeit der DDR- Atmosphärenforscher: Sie führte zur Entdeckung und öffentlichen Bekanntmachung des Ozonloches. Dieses wurde nicht, wie häufig angenommen, von britischen Forschern entdeckt, sondern eben just durch Forschungsergebnisse aus der DDR. Bereits in der Zeit von 1959 bis 1962 hatte eine Expeditionsgruppe Anomalien in der Ozonschicht festgestellt. Doch erst in der Saison 1976/77 wurden im grösseren Stil Sondenversuche durchgeführt, die dann zehn Jahre später offiziell auf der San- Diego-Konferenz vorgestellt wurden. An dieser internationalen Tagung im Juni 1986 wurden Massnahmen zum Schutz der Ozonschicht diskutiert. Dort wurde die Anerkennung der Entdeckung einer anderen Seite zugesprochen als den Forschern aus dem Osten. Viel Pionierarbeit Die DDR-Forscher gelangten zu weiteren Erkenntnissen, die teilweise erst Jahre später «wiederentdeckt» wurden. Beispielsweise konnten mit Hilfe von Isotopen-Bestimmungen Altersnachweise für Sturmvogelkolonien erstellt werden. So konnten die Forscher zeigen, dass Tiere schon viel länger auf dem antarktischen Kontinent heimisch sind als bisher angenommen. Oder die Oberflächengestalt der Antarktis aus der geo-logischen-geophysikalischen Sicht; detaillierte Vermessung und Kartographierung verschiedenster Regionen in der Antarktis, von Gewässersystemen, von antarktischen Gletschern und von sogenannten Nunataks, Bergspitzen, die aus dem Eis ragen; biologische Bestimmung von Flechten, Moosen, und Mikroorganismen in Seen, auf dem Land und auf dem Eis. Beinahe alle diese Ergebnisse wurden in verschiedensten Fachzeitschriften veröffentlicht, im Normalfall aber immer in denjenigen, die nur auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs gelesen wurden. Denn trotz aller «Freiheiten» in den Weiten der Antarktis waren die ostdeutschen Forscher und ihre Station Teil der sowjetischen Antarktis- Expeditionen, sowohl in logistischer als auch in wissenschaftlicher Weise. Der Schatten des Kreml reichte weiter als die logistische Verbundenheit. Arbeit vor Politik Aber Politik spielte insgesamt eine zweitrangige Rolle, war man doch an einem so abgeschiedenen Ort wie der Antarktis aufeinander angewiesen. Die Zusammenarbeit mit den sowjetischen Kollegen stand im Vordergrund. Diese beschreiben ehemalige DDR-Forscher als sehr freundschaftlich und kollegial, man half sich in verschiedensten Bereichen aus. Zum Beispiel mit Alkohol, der bei den russischen Kollegen nur schwer zu haben war, anders als bei den ostdeutschen Forschern. Wilfried Richter erinnert sich, dass russische Atmosphärenphysiker einmal bei ihnen um Alkohol baten zur Reinigung der Messinstrumente. Auf Nachfrage, wie sie den Alkohol denn zu benutzen gedenken, antworteten die Physiker: «Zuerst nehmen wir einen Schluck, hauchen dann die zu behandelnde Oberfläche an uns polieren sie abschliessend.» In einer Wildnis wie der Antarktis muss man halt viel improvisieren... Umgekehrt profitierten auch die DDR-Leute von den Sowjets. Was beispielsweise die Polarkleidung, Transport und Versorgung betraf, konnten die Ostdeutschen viel Material von den Russen übernehmen. Im Gegenzug halfen sie den Kollegen eben mit richtiger wissenschaftlicher Ausrüstung aus, nicht nur der flüssigen. Umbruch, Einbruch... Während die Forscher aus der DDR fleissig jedes Jahr in der Schirmacher-Oase Daten sammelten und mit den sowjetischen Kollegen auch an anderen Orten der Antarktis ihre Forschungsarbeiten vorantrieben, fing man in der BRD erst langsam an, sich für die Antarktis zu interessieren. 1979 ratifizierte die westdeutsche Bundesregierung den Antarktisvertrag. Erste Forschungsarbeiten wurden in der Saison 1979/80 aufgenommen. Ein Jahr später wurde die erste west-deutsche Forschungsstation, die Georg-von-Neumayer-Station, auch Neumayer I genannt, in Betrieb genommen. Ähnlich wie bei den deutsch-deutschen Kollegen waren auch hier vor allem Geophysik, Meteorologie und Luftchemie die Hauptforschungszweige. Die BRD ist zwar später in die Antarktisforschung eingestiegen als die DDR, sie betrieb diese dann aber um einiges intensiver. So wurde bereits ab 1982 mit der 36 PolarNEWS

«Polarstern» ein eigens für polare Forschung ausgestattetes Schiff eingesetzt. Und in der Nähe der Neumayer-I-Station wurden weitere Stationen eröffnet. Derweil kamen die kommunistischen Länder wirtschaftlich an ihre Grenzen, was sich auch auf die Antarktisforschung auswirkte. Ab Mitte der 1980er-Jahre trat der kalte Krieg in seine Auftauphase, der Eiserne Vorhang fing an zu bröckeln. Doch noch wurden jedes Jahr Forscher aus der DDR in die Antarktis geschickt. 1987 erlangte die DDR endlich den Konsultativstatus, den sie eigentlich schon 1976 erreichen wollte. Konsultativstatus bedeutet, dass man als Land im Antarktisrat offiziell abstimmungsberechtigt ist und setzt u.a. eine eigene Station mit Funkstation voraus. Interessanterweise hatte die BRD diesen Status aufgrund ihrer «wissenschaftlichen und logistischen Leistungen in der Antarktisforschung» bereits 1981 erhalten, gerade mal zwei Jahre, nachdem sie den Antarktisvertrag ratifiziert hatte. Im Zuge der Statusänderung der DDR wurde die Forschungsbasis umbenannt in Georg-Forster-Station, benannt nach dem ersten deutschen Wissenschaftler Georg Forster, der zusammen mit seinem Vater Reinhold unter James Cook 1775 in der Antarktis war. ...Abbruch... Im Jahr 1980/81 initiierte die Akademie der Wissenschaften die bis dahin umfangsreichste Forschungsfahrt der DDR in die Antarktis u.a. auch mit dem Ziel, eine weitere Station zu errichten. Doch dies scheiterte kurzfristig aus Kostengründen. Dies sollte auch die letzte grosse Fahrt sein, denn in der Heimat startete 1989 ein anderes umfangreiches Unterfangen: Der politische Zusammenbruch der DDR und der Mauerfall. Trotz der Öffnung der Grenze existierte die DDR de facto vorläufig weiter. Dennoch trafen sich mehrere ostdeutsche Wissenschaftler im Juni 1990 mit der Leitung des westdeutschen Alfred-Wegener-Institutes, um über die Zukunft der Antarktisforschung und der DDR-Station zu diskutieren. Denn plötzlich war nicht nur das Gehirn, sprich die Akademie der Wissenschaften aufgelöst und verschwunden, sondern auch die Muskeln beziehungsweise die Logistik der Russen. Daher beschlossen die ost-und westdeutschen Institutionen, ihre Programme zusammenzulegen und die Logistik gemeinsam zu bewältigen. Doch dieses Vorhaben war kostspielig, der ganzjährige Betrieb zweier Ganzjahres- Stationen bedeutete sehr grossen Aufwand. Zudem war die Neumayer I gerade im antarktischen Eis versunken und die neue Station Neumayer II eingeweiht worden. Und die DDR-Station hatte bereits ihr 18. «Lebensjahr» erreicht und war nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Ein Neubau war zu kosteninstensiv und die Region auch schlichtweg „übererforscht“. All diese Faktoren führten schliesslich dazu, dass nach 18 Jahren ununterbrochener Besetzung in der Saison 1991/92 der Forscher Günther Stoof als letzter Überwinterer das Licht der DDR-Station ausmachte. ...und Entsorgung Weil aber in der Zwischenzeit von den Antarktis-Vertragsstaaten das umfangreiche und strenge «Madrider Protokoll» zum Schutz der Antarktischen Umwelt in Kraft getreten war, konnte die Station nicht einfach sich selbst überlassen werden. Mit einer massiven Grossreinemacher- Aktion, die schliesslich 2,5 Millionen (West-)Mark kostete (rund 1,25 Millionen Euro), wurde die Station abgebaut, das gesamte Material von insgesamt 10‘000 Tonnen Schrott, Baumaterial und Einrichtung verschifft und in Südafrika entsorgt. Und die Schirmacherianer? Sie erarbeiteten die Vorlage der vielbeachteten Schirmacher-Monographie als erste regionale Zusammenfassung antarktischer Forschungsaktivitäten und setzten sich ein wissenschaftliches Denkmal. Auch der Standort der Station erhielt ein Denkmal, denn sie wurde in das Verzeichnis des historischen Erbes der Antarktis aufgenommen. Heutzutage erinnern gegen aussen eine Plakette und ein Gedenkstein an die erste deutsche Forschungsstation am südlichen Ende der Welt. Und bei den Schirmacherianer gilt: «An jedem Quadratmeter der Umgebung hängt ein grosser Sack voller Erinnerungen.» Von links: Ein Raupenfahrzeug ist im Schnee steckengeblieben – Der Arbeitsraum des Funkers in einem der zehn 20-Fuss-Container – Flechtenforschung anno dazumal – Das Versorgungsschiff hat angelegt – Ein neugieriger Adéliepinguin beobachtet die Station. PolarNEWS 37

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