Aufrufe
vor 1 Monat

PolarNEWS Magazin - 25 - D

Forschung Mit Zirkel und

Forschung Mit Zirkel und Hamm Die DDR errichtete bereits 1976 eine eigene Station in der Antarktis. Trotz der A Text: Michael Wenger Bilder: Wilfried Richter Wer sich an die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR, zurückerinnert, denkt wahrscheinlich zuerst an Berlin, stark befestigte Mauern, gedopte Übersportler und ledermantelbekleidete Männer, die alles und jeden beobachteten. Hollywood lässt grüssen... Ohne jedoch in die sogenannte Ostalgie zu verfallen, bestand der ehemaligen Arbeiterund Bauernstaat aus mehr als nur diesen Aspekten. Vielen Leuten dürfte unbekannt sein, dass die DDR beispielsweise sechs Jahre früher den Antarktisvertrag unterschrieben und ratifiziert hatte als die damalige Bundesrepublik Deutschland. Schon 1974 hatte die Staatsführung das Vertragswerk in Kraft gesetzt und zwei Jahre später den Weg frei gemacht für die erste deutsche Station auf antarktischem Boden. Die nächsten 17 Jahre wurde das «Basislabor der Deutschen Demokratischen Republik», das später in Georg-Forster-Station unbenannt wurde, zur Heimat von einigen Dutzend Forschern, die dort der rauen und wilden Schönheit der Antarktis erlagen. Auch heute noch treffen sich die sogenannten Schirmacherianer (benannt nach dem Standort der Station) immer wieder zum Austausch und erinnern an ihre Leistungen, Markensteine der deutschen Antarktisforschung. Der grosse Bruder Die Sowjetunion, der grosse Bruder der DDR, war bereits in den 1950er-Jahren federführend in der Errichtung von Stationen auf dem Eis und in der Polarforschung. Im Zuge der Errichtung der russischen Antarktisforschung wurden auch Forscher aus der DDR eingeladen, Forschungsarbeiten in den Stationen Mirny und Molodyoshnaya durchzuführen. In den nächsten Jahren konnten Spezialisten im Rahmen des SAE (Sowjetische Antarktis-Expeditionen) in dem Gebiet vor allem Stratosphärenforschung, Glaziologie und Meteorologie betreiben. Das Gebiet, in dem geforscht wurde, war die Schirmacher-Oase, ein von der dritten deutschen Antarktis-Expedition 1938/39 beschriebenes südpolare Felswüste, das als Stationsort ideal lag. Mehrere Süsswasserseen auf dem Plateau, die Tatsache, dass es Festland war und vor allem seine Eisfreiheit machten das Gebiet sowohl logistisch wie auch wissenschaftlich interessant. Die Sowjets verlagerten dann 1961 ihre eigene Station auf das Plateau und bauten die Basis aus. Es lag für die Führung in Berlin auf der Hand, dass man seinem grossen Bruder folgen sollte: Unter der Leitung der Akademie der Wissenschaften wurde ein multidisziplinäres Forschungsprogramm ausgearbeitet. 1974 ratifizierte die DDR den Antarktisvertrag und begann mit der Realisierung einer eigenen Aussenstation in der Schirmacher- Oase, selbstverständlich nicht allzu weit weg von der sowjetischen Station. Denn man war ja trotz eigenem Programm auf die Logistik und auch das partnerschaftliche Beziehung 34 PolarNEWS

er in der Antarktis bhängigkeit von Russland leisteten die Forscher viel Pionierarbeit. der Sowjets angewiesen. Denn der Weg in die Antarktis war weit und schwierig und zu der Zeit fast nur mit Schiffen erreichbar, das gesamte Material musste zuerst dorthin gebracht werden. Dr. Wilfried Richter, der selber zweimal in der Station gearbeitet hatte und einmal dort überwinterte, beschrieb gegenüber Polar- NEWS die Anreise 1979 so: «Umstieg in der Lazarev-See auf den eisgängigen Frachter «Kapitän Markov» , zehn Jahre alt, reichlich mit Saisonleuten an Bord überbelegt, beklagenswerter Zustand.» Kein Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten. Doch für den Bau der Station war die Hilfe vom Arktischen & Antarktischen Forschungsinstitut Leningrad (heute: St. Petersburg). Denn die Station bestand aus insgesamt 10 umgebauten 20-Fuss-Containern: 3 Wohn-/ Schlafcontainer, 1 Messe-/Aufenthaltscontainer, 1 Küche, 1 Sanitärbereich, 1 Diesel- Elektrostationscontainer, 1 Radiotechnischer Container, 1 Chemie-Container, 1 Korridorsystem. Alle Module wurden mit Hilfe von Stahlschlitten, die auch heute noch in der Antarktis Verwendung finden, rund 80 Kilometer weit in die Schirmacher-Oase transportiert, knapp 1 Kilometer von der Station Novolazarevskaya entfernt. Am 21. April 1976 war es soweit, das «Basislabor der Deutschen Demokratischen Republik» wurde in Betrieb genommen. Moskaus Schatten In der Vergangenheit waren Forschende immer im Zuge der sowjetischen Antarktis- Expeditionen mitgereist und waren Teil der ganzen Expedition, lebten mit den sowjetischen Genossen im gleichen Lager und waren entsprechend unter Beobachtung der mitgereisten Verbindungsoffiziere und «Berichterstatter». Mit der neuen, eigenen Station und den daraus resultierenden Arbeitsmöglichkeiten eröffnete sich für die deutschen Forscher eine neue Welt in der Antarktis – obwohl sämtlicher Funkverkehr vom Basislager immer noch zuerst zur nähergelegenen russischen Station Novolazarevskaja, von dort nach Moskau und erst dann weiter nach Ostberlin geleitet wurde. So war die staatliche Kontrolle immer noch gewährleistet. zumindest offiziell reichte der Schatten Moskaus bis in die Antarktis. Kontakte zu nicht-sozialistischen Stationen waren vor allem aufgrund der Distanzen damals nicht möglich. Doch auch hier hielten später „Perestroika“ und „Glasnost“ Einzug, die Öffnung fand statt. Trotzdem erlaubte die antarktische Arbeit den Forschern mehr Freiheiten als zu Hause. In der Antarktis ist und war halt schon immer alles anders. Von links: Das Basislabor der Deutschen Demokratischen Republik auf 70°46’39’’S 11°51’03’’E – Ein russischer Helikopter bringt Material und Proviant – Einer von 17 Forschern an der Arbeit – Windsturm im Dronning-Maud-Land – Barbecue im Sommer. PolarNEWS 35

© 2015 by PolarNEWS • Redaktion Heiner Kubny – Impressum