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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Von oben links nach

Von oben links nach unten: Eine Mahlzeit auf Eis; drei Männer von Franklin sind auf Beechey Island begraben; Besuch von Moschusochsen bei Pasley Bay; der Himmel brennt über der Nordwestpassage; Besuch eines Belugawalkalbs; Gletscher formten die Landschaft der Nordwestpassage. 32 PolarNEWS

Einmal mehr zeigt der Kapitän, wie sehr er das Schiff beherrscht: Ruhig und sicher steuert er seine «Sea Adventurer» bis auf etwa 80 Meter an besagten Eisbrocken heran, während der Bär darauf seelenruhig weiterfrisst. Viel ist es nicht mehr, aber trotzdem eine gute Mahlzeit. Wir können über eine Stunde lang den König der Arktis bei seiner Mahlzeit beobachten, bevor sich Ihre Majestät zurückzieht, um etwas landeinwärts ein Nickerchen zu machen. Bis zum Äussersten: Auf Leben und Tod Wir nutzen die Gelegenheit, um mit den Zodiacs die Mächtigkeit des nahegelegenen Devongletschers aus der Nähe zu geniessen. Und wie bei vielen Expeditionen vor uns holt auch uns der Nebel wieder ein und senkt sich wie ein Tuch über die Gegend. Also ziehen wir mit der «Sea Adventurer» weiter und steuern die Stelle an, wo auch Franklin einst länger verweilte, Beechey Island. Für die Franklin-Expedition und für alle nachfolgenden Suchexpeditionen war diese kleine Insel sozusagen das Hauptquartier. Sie bietet eigentlich nichts ausser Steinen, Vögel und Schutz vor schlechtem Wetter. Keine höheren Pflanzen, keine Trinkwasserquelle, nur sandbraunes Gestein. «Hier möchte ich nicht einmal begraben werden», höre ich eine Passagierin flüstern. Und doch ragen vier Grabsteine aus dem Boden, vier arme Seelen, die hier ihre letzte Ruhe fanden: drei aus der Franklin-Expedition, geschwächt durch Skorbut und vergiftet durch bleiverseuchte Nahrung, der vierte ein Mann aus einer späteren Suchfahrt. Wir hören uns die Geschichte der tapferen Männer an, fühlen uns trotz Sonnenschein und Wärme plötzlich etwas verloren und einsam. Wir erfahren von den Tourguides, dass auch Franklin nur eineinhalb Jahre nach den drei Unglücklichen das Zeitliche gesegnet hatte und dass seine Todesursache ist bis heute ungeklärt ist. Dass Franklins Männer danach noch fast drei Jahre um ihr Überleben gekämpft hatten und es unter ihnen sogar zu Kannibalismus gekommen war. Zurück an Bord unserer bequemen «Sea Adventurer», sind wir schwer beeindruckt: Wahrscheinlich war für diese Männer die Arktis nicht eine wilde Schönheit, sondern nur etwas Wildes, Gefährliches, aus dessen Fängen sie entkommen wollten. Doch das Gefährliche hat sie nicht losgelassen. Es lässt bis heute nicht mal ihre Geister los. Ganz nah dran: Dutzende Belugas Unsere Reise führt uns wieder Richtung Süden, vorbei an Somerset Island in die Bellotstrasse, eine wirklich enge Passage zwischen der Insel und dem kanadischen Festland. Die Route ist sehr beeindruckend, da wir an bis zu 700 Meter hohen Felswänden beinahe vorbeischrammen, so eng ist es zuweilen. Kommen die kräftige Gegenströmung, Wind und zahlreiche Untiefen hinzu, wird die Navigationsleistung unseres Kapitäns aus dem Ikea-Land noch bemerkenswerter. Wenn nur die Möbel so zuverlässig wären, wie er… Auf der anderen Seite zeigt die Arktis ihre Vielseitigkeit. Sonne, blauer Himmel und kein Wind. Wir steuern eine unbekannte Bucht an, die noch keiner von uns je befahren hat, und suchen nach Tieren. Tatsächlich finden wir grasende Moschusochsen, viele Seevögel… und etwas Weisses im Wasser: Belugawale in Strandnähe! Schnell in die Zodicas gehüpft, um die Tiere etwa näher zu beobachten. Was nun folgt, sollte in die Annalen der Expeditionskreuzfahrten eingehen. Wir nähern uns den Tieren langsam und ruhig und erkennen, dass es mehrere hundert sein müssen, die in Gruppen den kiesigen Strand entlang schwimmen. Wir verteilen unsere Boote, damit wir diese intelligenten und kommunikativen Meeressäuger nicht stören. Unser und zwei weitere Zodiacs ziehen ganz nach hinten in die Bucht. Eine kleine Gruppe von Belugawalen kommt auf uns zu. Und statt abzudrehen und zu verschwinden, schwimmen zwei Tiere zwischen den Booten herum und beobachten uns, teilweise nur mit zwei Metern Abstand zu uns. Dann ziehen sie weiter, und wir denken uns, dass es nicht besser werden kann. Doch Conrad, mein südafrikanischer Kollege, entdeckt eine grosse Gruppe, die in unsere Richtung schwimmt. Wir fahren den Tieren entgegen und sind unversehens umzingelt von vorbeiziehenden Belugas. Ich schalte sofort den Motor aus. Links und rechts und unter uns vorbei ziehen die bis zu sechs Meter langen Tiere, sie prusten und pfeifen. Mehrere Minuten lang sind wir umgeben von Weisswalen, bis die letzten Tiere an uns vorbeigezogen sind und ich den Motor wieder starten kann. Wir sind nicht die einzigen, die diese hautnahe Erfahrung gemacht haben, auch einige der anderen Boote waren mittendrin statt nur dabei. Als Zugabe erhalten wir am nächsten Tag noch sehr nahe Moschusochsen, nicht ganz so scheue Schneeeulen und einen fast zu nahen Eisbären, der aber nur neugierig uns folgt. Die Arktis fährt noch einmal die grossen Geschütze auf, und es scheint mir, als ob sie uns zeigen will, dass sie nicht das Monster ist, als das sie von den alten Forschern und Suchmannschaften der Franklin- Expedition dargestellt worden ist. Oder vielleicht hilft uns Franklins Geist? Wer weiss… Regen in Kugluktuk: Trotzdem schön! Unsere Reise neigt sich dem Ende zu, während wir die Inuit-Gemeinden Gjoa Haven und Cambridge Bay besuchen und noch einmal mit der Kultur und der Gastfreundschaft der kanadischen Inuit in Kontakt kommen. Im letzteren Ort treffen wir auf ein weiteres Stück arktische Geschichte, nämlich auf Amundsens Schiff «Maud», mit dem der norwegische Forscher einst erfolgreich die Nordostpassage durchfahren hatte. Doch dem Schiff, das einst den eisigen Wellen der russischen Arktis trotzte, hat der Zahn der Zeit stark zugesetzt. Demnächst soll das Schiff auf Pontons geladen und zurück in die norwegische Heimat gebracht werden. Wenigstens einem Arktis-Veteran ist dies erlaubt. Den letzten Tag verbringen wir am westlichsten Ende der Nordwestpassage, ab hier gibt es nur die Beaufortsee auf der einen und den amerikanischen Kontinent auf der anderen Seite. Auch das Wetter hat nun definitiv seine triste Seite aufgesetzt, Wolken liegen tief. In Kugluktuk, wo wir uns von Kapitän Saterskog, Expeditionsleiter Solan und dem ganzen Team verabschieden müssen, regnet es – zum ersten Mal auf dieser Reise. Vielleicht sind es die Tränen der Männer, die vor über 150 Jahren ihr Leben liessen auf der Suche nach der geheimnisvollen Nordwestpassage. Und deren Geister uns jetzt deren wunderbare Schönheit und grenzenlose Magie zeigen wollten. Das sind die Gründe, warum sie immer noch da sind… PolarNEWS 33

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