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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Text und Bilder: Michael

Text und Bilder: Michael Wenger Expeditionen in die Arktis waren niemals ein Zuckerschlecken. Hunger, Kälte, Einsamkeit, wilde Tiere, kurze Sommer und lange Winter waren die ständigen gefährlichen Begleiter, wenn man den Beschreibungen der alten Forscher Glauben schenken mag. Besonders die Suche nach der legendären Nordwestpassage trieb hunderte von Menschen in die Region zwischen Grönland und Kanada. Aber warum wollte man (und will man immer noch) dorthin? Waren diese Männer asketische Masochisten, die nichts Besseres mit ihrem Leben anzufangen wussten? War die Aussicht auf Ruhm und Ehre und Vaterlandsstolz ein so grosser Antrieb, dass man sich diesen Gefahren und Entbehrungen gerne aussetzen wollte? Oder waren die Abenteurer einfach das, was man heute Aussteiger nennt? Männer, die genug von der damals neu entstandenen industriellen Gesellschaft hatten und die neue Ziele suchten? Von welchem Geist waren jene Menschen damals beseelt, die an Bord der beiden Schiffe HMS «Erebus» und HMS «Terror» Richtung Grönland und kanadische Arktis segelten, angeführt von Sir John Franklin, der als «der Mann, der seine Stiefel ass» bekannt war? All diese Fragen gehen mir durch den Kopf, während ich im Flugzeug nach Kangerlussuaq sitze. Geht es meinen Mitreisenden ähnlich? Unterwegs bin ich mit 24 polarbegeisterten Gästen, die mit mir zusammen die nächsten drei Wochen an Bord der MS «Sea Adventurer» auf den Spuren ebendieser legendären Franklin-Expedition wandeln werden. Die meisten sind bereits Arktis-erfahren und freuen sich darauf, diesen weissen Fleck auf ihrer persönlichen Landkarte tilgen zu können. Könnte es sein, dass es Franklin und seinen Männern ähnlich ging? Wir werden es hoffentlich in den nächsten Wochen erfahren… Einstieg nach Mass: Sonniges Grönland Vorerst aber Grönland: arktische Kälte; Eis und Schnee; dicke Leute, die in noch dickeren Felljacken und Fellhosen auf Hundeschlitten zu ihren Iglus rauschen. Die Vorurteile, die man gegenüber Grönland hat, sind mannigfaltig und sehr stereotyp. Die Realität ist: Kangerlussuaq empfängt uns mit Die Reise: Franklins Legende – Grönland und die Nordwestpassage Crew: 14 Wann: 9. bis 28. August 2016 Ort: Grönland / Kanada Schiff: MS «Sea Adventurer» (heute: «Ocean Adventurer») Passagiere: 94, davon 24 PolarNEWS-Gäste. strahlendem Sonnenschein, über 15 Grad Lufttemperatur und Leuten in ganz normaler Kleidung wie überall in Europa auch. Das Essen, das man uns serviert, besteht auch nicht nur aus Wal-, Robben- und Moschusochsenfleisch, sondern gleichermassen aus Lachs, Kartoffeln und sogar Salat, Tomaten und sonstigem Gemüse. Den Schnee muss man sich allerdings vorstellen, wir haben schliesslich Sommer. Eis gibts jedoch in Fülle. Denn ein Ausflug ins Landesinnere in einem monströsen Bus bringt uns bis in die Nähe des mächtigen Inlandeises: Über 1,8 Millionen Quadratkilometer gross, bis zu 3000 Meter dick und so schwer, dass die gesamte Insel in die Erdkruste hineingedrückt wird… der Eisschild ist wirklich gigantisch. Aus der Distanz wirkt der Eispanzer wie eine einzige glatte Fläche. Doch jetzt, wo wir näher dran sind, sehen wir Risse und Spalten und enorm viel Wasser, das unter dem Eis rausfliesst und die Tundra in sattem Grün erstrahlen lässt. Immerhin, die Insel macht ihrem Namen «Grünes Land» alle Ehre. Ein Einstieg nach Mass, zumindest für uns. Denn als wir zum Schiff kommen, werden wir informiert, dass die übrigen Passagiere, die aus Kanada anreisen sollten, ein paar Stunden auf sich warten lassen werden. Langsam wird auch das Wetter etwas arktischer, der Wind frischt auf, die Wolken ziehen sich zusammen und die Temperatur fällt merklich ab. Expeditions-Koordinatorin Laurie, quirlige und schnelle Kanadierin, und Expeditionsleiter Solan, ruhiger und überlegter Alaskaner, nehmen es gelassen. Schliesslich kriegen wir doch noch alle 94 Passagiere aus elf Ländern plus den fehlenden Teil der Crew an Bord und können mit vier Stunden Verspätung unsere Expedition starten. Alle Passagiere werden von Expeditionsleiter Solan und dem restlichen Leitungsteam auf die Reise eingestellt. Auch Kapitän Saterskog, ein Schwede mit langer Arktis-Erfahrung, stellt sich uns vor. Angenehmerweise ist er, trotz ähnlichem Alter, das genaue Gegenteil von Franklin: dynamisch, fit und offen. Na dann, los gehts! Zuerst ankern wir vor Sisimiut, mit über 5500 Bewohnern die zweitgrösste Stadt auf Grönland. Und schon wieder laufen unsere Vorurteile ins Leere: nichts von wegen fellbekleidete Menschen, keine Iglus, Zelte oder Torfhäuser. Sisimiut ist eine moderne Stadt mit allen Annehmlichkeiten (Läden, Schulen, Spital, Sportanlagen) und Problemen (Verkehr, Lärm, Abfall). Unsere lokale Führerin sieht auch nicht aus wie ein Michelin- Männchen, sondern scheint dem aktuellen westlichen Schlankheitswahn zu folgen. Auf meine Frage, ob sie denn nicht friere nur mit einem Shirt und den engen Hosen bekleidet, lächelt sie – schweigt und nickt. Wir erhalten einen erhellenden Einblick in das Alltagsleben der Grönländer und stellen fest, dass es wohl gar nicht so übel ist, hier zu leben. Fehlen würde einem fast nichts, und Grönländisch ist als Sprache so exotisch wie Schweizerdeutsch. Alles schön und gut: Zahmes Grönland Unser nächstes Ziel ist die Diskobucht mit ihrer berühmten Eisberg-Allee und dem Touristenörtchen Ilulissat. Captain Franklin hatte sich ebenfalls in der Disko-Bucht aufgehalten und sich hier auf die Fahrt in die Passage vorbereitet. Aber das ist beim Anblick, der sich uns hier bietet, nebensächlich: gigantische Eisberge im Nebel, der die 28 PolarNEWS

Von oben links nach unten: Uummannaq und der Herzberg in Westgrönland; Eisberge des Jakobshavn-Gletschers bei Ilulissat; Pfad zur Eisbucht von Ilulissat; kulturelle Inuit-Darbietung in Pond Inlet; der Gletscher Eqip Sermia; die Bucht von Beechey Island, Franklins letztem Überwinterungsort. PolarNEWS 29 Kap Dezhnev, der östlichste Landpunkt von Russland.

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