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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Zanda Tibetan Plateau

Zanda Tibetan Plateau Kunlun Pass Modern Eurasian arctic fox North American arctic fox So rekonstruierten Forscher die Herkunft des Eisfuchses: Rote Sterne markieren Fundorte versteinerter Knochen aus dem Erdzeitalter des frühen Pliozän, gelbe Punkte zeigen Fundorte aus der Zeit des späten Pleistozän. Heute lebt der Eisfuchs ganz im Norden. Tibetan Pliocene fox sites Eurasian late Pleistocene arctic fox sites bis zur letzten Eiszeit. Ein chinesischamerikanisches Forscherteam fand kürzlich 4 bis 5 Millionen Jahre alte Knochenreste, die sich einer neuen Eisfuchs-Art zuordnen liessen. Damit war der Eisfuchs schlagartig um ein paar Millionen Jahre älter geworden, als bisherige Funde vermuten liessen. Der neue – und älteste – Eisfuchs erhielt den wissenschaftlichen Namen Vulpes qiuzhudingi, zu Ehren des chinesischen Paläontologie-Professors Qiu Zhuding. Das hohe Alter des Fundes war allerdings nur die eine Sensation – der andere Knüller war der Fundort: Kieferknochen mit Gebissfragmenten lagen im Zandabecken am nördlichen Rand des Himalayas sowie im Kunlun-Gebirge im Norden der Qinghai-Tibet-Hochebene. Das heisst: in Höhenlagen von 4114 beziehungsweise 4726 Metern über Meer. In ihrer Studie von 2014 zeigen sich die Forscher überzeugt, dass das Hochland von Tibet der Ursprung des heutigen Eisfuchses ist – selbst wenn über 2000 Kilometer die heute lebenden Eisfüchse vom Fundort trennen. Der Ur-Eisfuchs vom tibetischen Hochland untermauert zugleich die «Out of Tibet»-Theorie, nach der sich die Entstehung vieler heutiger Tierarten der Arktis auf Vorfahren aus diesem bis 5000 Meter über Meer gelegenen Hochland von Tibet zurückführen lässt. Demnach diente die eisige Hochebene lange Zeit vor dem Beginn der letzten Eiszeit quasi als Trainingsgelände für ein späteres Leben in der arktischen Kälte. Weil Eisfüchse nicht wie Zugvögel oder Wale vor der eisigen Polarnacht nach Süden ausweichen können, müssen sie sich der arktischen Winterkälte stellen. Es bleibt dem kleinen Tier nichts anderes übrig, als sich warm einzupacken. Aber kein Problem: Sein dichter Winterpelz schützt den Eisfuchs hervorragend gegen harte Minusgrade. Der Pelz weist die höchste Isolationsrate unter den Säugetieren auf. Niemand sonst hat es so warm wie der Eisfuchs. Sogar seine Pfoten sind behaart. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Eisfüchse selbst Temperaturen von minus 40 Grad ohne zu frösteln überstehen – sie erhöhen nicht mal ihren Stoffwechsel, um zusätzliche Wärme zu produzieren. In extremen Wintern halten sie sogar Lufttemperaturen von bis zu minus 70 Grad aus! Vorräte für karge Zeiten Natürlich sollte man sich nicht einzig auf seinen tollen Pelz verlassen. Ein bisschen Fett unter dem Wintermantel dürfte unterstützend wirken... Tatsächlich, die Natur hat auch hier vorgesorgt: Im Sommer und im Herbst packt den Eisfuchs die grosse Fresslust; er isst, was er kriegen kann, und baut sich so ein Fettpolster für den Winter auf. Von dieser Energiereserve zehrt er im langen Polarwinter, wenn Rentierkadaver rar und die im Sommer angelegten Nahrungsverstecke gerade nicht zu finden sind. Geht alles schief und der Winter will nicht enden, Mit seiner Nase spürt der Eisfuchs Lemminge unter dem Schnee auf. Mit hohen Sprüngen durchbricht er die Schneedecke. 20 PolarNEWS

überleben Eisfüchse auch mal mehrere Wochen ohne zu fressen. Geradezu kinderleicht scheint dann das Überleben im arktischen Sommer, wenn die Tundra mit bodenbrütenden Vögeln förmlich übersät ist und die Lemminge durch ihre Erdgänge jagen. Ein Blick auf die Grösse der Sommer-Territorien macht aber deutlich, dass sich Eisfüchse auch in der warmen Jahreszeit ihre Nahrung regelrecht erarbeiten müssen: Eisfüchse durchstreifen dann Gebiete von bis zu 60 Quadratkilometern Fläche, je nach Verfügbarkeit der Nahrung. Auf Spitzbergen hat man sogar einen Aktionsraum von 120 Quadratkilometern gemessen. Wir sehen: Je karger der Lebensraum, umso weiter muss der Fuchs auf Beutesuche gehen! In den polaren Wintermonaten, wenn die meisten Eisfüchse über Strecken von Tausenden von Kilometern nomadisierend herumziehen, liegen schon mal Streifgebiete von 500 bis 1000 Quadratkilometern drin, wie Untersuchungen auf Spitzbergen ergaben – und wie wir weiter unten noch sehen werden. Aber so oder so: Wenn der Fuchs kommt, sind Lemminge, Feld- und Rötelmäuse, Gänse und deren Gelege, aber auch junge Ringelrobben ihres Lebens nicht mehr sicher. In Spitzbergen konzentrieren sich die Füchse hauptsächlich auf die Vögel: Dickschnabellumme, Krabbentaucher, Dreizehenmöwe, Eissturmvogel, Weisswangen- und Kurzschnabelgans. Ökologisch gesehen ist das eine einfache Rechnung: Gibt es viel zu essen, gibt es auch viele Eisfüchse. Studien decken auf, dass zum Beispiel in und um Vogelkolonien zwei bis drei Mal mehr Eisfüchse leben als ausserhalb von Kolonien. Das grosse Nahrungsangebot erlaubt es den Füchsen sogar, Beute zu vergraben und somit Futterverstecke für den Winter anzulegen. Wer in einem so gearteten Paradies lebt, der sammelt mühelos 12, 13 Vogeleier ein – pro Stunde. Da kann die Speisekammer eines einzigen Eisfuchses schon mal über 1000 Vogeleier enthalten. Andere Beute hingegen, wie etwa kleinere Säugetiere oder Gänse, konsumieren die Füchse sofort. Oder sie schleppen sie zum Bau. Rekordverdächtig verhielten sich Eisfüchse während Untersuchungen im Gebiet des Karrak Lake im kanadischen Nunavut: An die 3000 Vogeleier legte sich jeder Fuchs pro Jahr auf die hohe Kante beziehungsweise ins tiefe Erdloch. Allerdings zählen die Bewohner der Karrak-Gegend zu den allerglücklichsten Eisfüchsen: Sie teilen ihren Lebensraum mit nicht weniger als 2,4 Millionen Schnee- und Zwergschneegänsen. Kein Wunder, fällt ihnen das Eiersammeln dort so leicht. Der Rote kommt! Der Eisfuchs kommt also gut übers Jahr. Aber kommt er auch gut über die nächsten Jahrzehnte? In vielen Regionen der Arktis ist eine Entwicklung im Gang, die das Leben der Eisfüchse erschwert: Der Rotfuchs dringt nach Norden vor! Ein körperlich überlegener Rivale und Nahrungskonkurrent! Das wärmer werdende Weltklima lässt die Tundrazone zurückweichen, während sich gleichzeitig der Nadelwaldgürtel nordwärts ausdehnt. Eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft werden die borealen Nadelwälder Eurasiens und Nordamerikas die Küsten des Arktischen Ozeans erreichen. Und mit dem Wald kommt auch der darin lebende Rotfuchs. Für den Eisfuchs ist das eine doppelte Bedrohung: Einerseits ist es ihm unmöglich, in einem Wald zu leben – er braucht die baumlose Tundra. Anderseits ist der Rotfuchs sein direkter Konkurrent. Das Zusammentreffen von Eis- und Rotfuchs ist problematisch, wie sich bereits heute in weiten Teilen der russischen Arktis, in Kanada und Fennoskandien zeigt. In diesen Regionen verdrängt der Rotfuchs als dominanter Konkurrent den einheimischen Bilder: Michael Wenger (rechts), Alamy, Natural History Museum (Grafik). Pech gehabt: Der Rotfuchs ist dem Eisfuchs überlegen. Im Zuge des Klimawandels macht der Rote dem Weissen den Lebensraum streitig. PolarNEWS 21

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