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PolarNEWS Magazin - 25 - D

Wo ein Eisbär grad an

Wo ein Eisbär grad an einer Mahlzeit ist, fällt immer etwas für den Eisfuchs ab – wenn er vorsichtig genug und nicht zu aufdringlich ist. Text: Peter Balwin Ist da wer? Immer wieder reisst der Eisbär seinen Kopf herum, energisch und nervös. Einen kurzen Moment lässt er von seiner Beute ab. Er prüft, ob in der Weite der Packeisfelder ein Konkurrent herumstreift, der ihm die eben erlegte Bartrobbe streitig machen könnte. Alles in Ordnung. Dann drückt er seine blutverschmierte, vernarbte Schnauze wieder in den noch warmen Kadaver, beisst und zerrt am Fleisch der toten Robbe, die er mit seiner mächtigen Pranke am Eisboden fixiert. Doch der Bär hat nicht gut genug geschnuppert und gespäht: Da ist tatsächlich ein Beobachter, gar nicht weit entfernt und mindestens genauso hungrig. Perfekt getarnt duckt sich ein zierlicher, fast reinweisser Eisfuchs hinter einen meterhohen Packeis-Pressrücken und kann seinen Blick nicht von der toten Robbe lösen. Schliesslich siegt der Hunger über die Vernunft: Der Fuchs kommt aus seinem Versteck und eilt leichtfüssig auf den Eisbären zu – seinem Verderben entgegen? So könnte man meinen. Einer, der bestenfalls 5 Kilo auf die Waage bringt, gegen einen, der locker hundertmal so schwer ist. Ein David gegen einen Goliath. Aber keine Bange! Ein solches Rendezvous auf dem Eisdeckel über dem Arktischen Ozean endet normalerweise nicht im Fiasko. Der Eisbär reagiert kaum auf seinen Besucher. Denn die Könige der Arktis sind es sich gewohnt, dass sich winters über Eisfüchse bei ihnen einschmeicheln in der Absicht, die Reste einer üppigen Mahlzeit zu ergattern. Ein Symbol der Tundra Der Eisfuchs, auch Polarfuchs genannt, gehört mit Rentier, Lemming, Schnee-Eule und Moschusochse zu den charakteristischen Tieren der nördlichen Tundra. Dieser kleine Fuchs, der auf den ersten Blick auch als Ausgewachsener aussieht wie ein Jungtier, weist eine Körperlänge von 45 bis 67 Zentimetern auf – ohne seinen Schwanz, der nochmals 25 bis 43 Zentimeter misst. Die Eisfüchse gehören zu den kleinsten Arten in der Familie der Hunde. Obwohl ein Höchstalter von 16 Jahren belegt ist, lebt ein Eisfuchs selten länger als sechs Jahre. Wer einem Eisfuchs in natura begegnen möchte, muss nach Norden aufbrechen. Der Vulpes lagopus, wie er bei den Wissenschaftlern heisst, kommt rund um die Arktis vor. Laut Schätzungen der Weltnaturschutzunion IUCN gibt es insgesamt mehrere hunderttausend Eisfüchse, genauer lässt sich das nicht sagen. Man trifft sie oberhalb oder nördlich der Baumgrenze, auf der alpinen Tundra Skandinaviens, im nördlichen Sibirien, vom nördlichsten Grönland (Peary Land, fast 84 Grad nördliche Breite) bis zur Südküste der Hudson Bay in Kanada (53 Grad nördliche Breite), an den arktischen Küsten Alaskas und Nordkanadas, aber auch auf vielen arktischen Inseln wie etwa Spitzbergen oder Nowaja Semlja und Sewernaja Semlja. Sogar weit weg von Land, auf dem Meereis kurz vor dem Nordpol, wurde schon ein Fuchs gesichtet! Während der letzten Eiszeit lebte der Eisfuchs an den Gletscherrändern, weshalb prähistorische Fundstellen über halb Europa verteilt sind. Während der kältesten Perioden der Eiszeit vor 32’000 bis 22’000 Jahren tauchte der Eisfuchs sogar im heutigen Nordspanien auf und erreichte dort seine südlichste Verbreitungsgrenze. Eiszeitliche Vorkommen des Eisfuchses von ähnlichen geografischen Breiten wie Nordspanien sind aus Rumänien und von der Krim-Halbinsel bekannt. Archäologische Ausgrabungen in späteiszeitlichen Jägerlagern weisen darauf hin, dass die Menschen damals den Eisfuchs auch gegessen haben. Die Präsenz des Eisfuchses lässt sich natürlich viel weiter zurückverfolgen als nur Bilder: Norbert Rosing (vorhergehende Doppelseite und rechts), Alamy. 18 PolarNEWS

Das Fell gehört zu den am besten isolierenden der Tierwelt. Steckt der Eisfuchs zum Schlafen seine Nase rein, ist die Atemluft schon vorgewärmt. PolarNEWS 19

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