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PolarNEWS Magazin - 24 - D

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Eine Untersuchung an 311

Eine Untersuchung an 311 Tieren ergab, dass die Weibchen leicht grösser sind als die Männchen... Text: Heiner Kubny Seinen Namen verdankt der Antarktische Silberfisch dem Umstand, dass sein Schuppenkleid silbern glänzt. Allerdings tut es das erst, wenn der Fisch tot ist. Solange er mit seinen durchsichtigen Flossen durch das kalte Wasser wandert, ist er rosafarben. Er gehört zur Familie der Antarktisdorsche und verdankt seinen lateinischen Namen dem berühmten belgisch-englischen Zoologen George Albert Boulenger, der während seines Lebens mehr als 2000 neue Tierarten beschrieben und benannt hat, 1902 auch den Antarktischen Silberfisch. Seine griechische Bezeichnung Pleuragramma bedeutet demnach frei übersetzt «der mit dem markanten Muster auf der Seite». Die Amerikaner nennen ihn etwas vereinfacht Antarktischer Hering. Obwohl die Menschen im Gegensatz zum echten Hering keine antarktische Namensvettern essen. Wobei: Die Russen rapportierten zwischen 1977 und 1983 viermal, dass sie innerhalb eines Jahres insgesamt 1000 Tonnen Pleuragramma antarcticum gefischt hätten. Aber seither ist die Jagd auf den Silberfisch für keine Nation von Interesse. In der Antarktis aber spielt der Silberfisch eine Hauptrolle im Speiseplan fast aller Tiere. Er ist, wie es im Biologen-Fachjargon heisst, eine «Keystone species» und macht mehr als 90 Prozent aller in der Antarktis lebenden Fische aus. Pinguine, Robben, Raubvögel, andere Fische, alle ernähren sich zu mehr oder weniger grossen Teilen von ihm. Sogar der Silberfisch selbst. Forscher vermuten, dass es bei Nahrungsknappheit zu Kannibalismus unter den Pleuragramma kommt. Normalerweise ernährt er sich aber hauptsächlich von Ruderfusskrebsen und Krill. Leben in drei Phasen Der Antarktische Silberfisch ist in allen Gewässern rund um den Südkontinent zu Hause und gilt als der einzige wirklich pelagische Fisch der Antarktis, das heisst, er lebt im offenen Meer. Aber nicht sein ganzes Leben lang: Im August, wenn der antarktische Sommer beginnt, ziehen die Weibchen in Ufernähe und legen jeweils bis zu 18’000 Eier von 2 Millimetern Grösse an der Unterseite des Schelfeises ab, eine gigantisch grosse Menge. Hier sind die Larven, wie die frisch geschlüpften Fische genannt werden, sicher vor Fressfeinden. Eine Zeitlang leben die Larven unter dem Schelfeis in Tiefen von 0 bis 135 Metern. Später bevorzugen sie Packeis und bewegen sich in Tiefen von 50 bis 400 Metern. Die erwachsenen Tiere ziehen schliesslich in pelagische Gefilde und sind in Tiefen bis 400 Metern anzutreffen, andere Quellen sprechen von 700 Metern. Dieser Zyklus passiert sehr langsam, wie bei allen Tieren, die im kalten Wasser leben. Erst mit sieben Jahren werden die Silberfische geschlechtsreif, sie wachsen gemächlich und werden bis zu 20 Jahre alt. Das Frostschutz-Rätsel Die vertikale Wanderung, wie der Lebenszyklus in unterschiedlichen Wassertiefen genannt wird, stellte die Wissenschaft vor ein grosses Rätsel. Und das hat mit dem körpereigenen Frostschutzmittel der Antarktisfische zu tun. Denn das dickflüssige Blut aller Fische der Antarktis ist mit einem Eiweissmolekül ausgestattet, das verhindert, dass sich im Innern einer Körperzelle Eiskristalle bilden. Diese würden nämlich die Zellwand durchstossen, was zum Tod des Fisches führen würde. Das Eisweissmolekül heisst deshalb Frostschutz-Glykopeptid. Was die Forscher stutzig machte, war die Tatsache, dass Frostschutz-Glykopeptide ... bei zwei Dritteln dieser Fische konnte jedoch das Geschlecht nicht eindeutig festegestellt werden. 68 PolarNEWS

nur bis zu einer Temperatur von etwas mehr als minus 1 Grad wirken. Der Antarktische Silberfisch aber lebt nach seiner Jugendphase in Wassertemperaturen von minus 2 Grad und sogar kälter. Wie macht der das? Dass mit zunehmender Tiefe der Wasserdruck zwar zunimmt und somit der Gefrierpunkt von Wasser steigt, reichte nicht als Erklärung. Andreas Wöhrmann, Biologe am Institut für Polarökologie an der Universität Kiel, ging diesem Rätsel in den 1990er-Jahren nach und entdeckte, dass der Antarktische Silberfisch neben besagtem Glykopeptid über ein zusätzliches Frostschutzmittel verfügt. Es ist ebenfalls ein Eiweissmolekül, aber anders gebaut und mit eingelagerter Hyaluronsäure. Weitergehende Untersuchungen haben dann ergeben, dass lediglich der Antarktische Silberfisch, sein Verwandter Lepidonotothen kempi und der Antarktisdrachenfisch Bathydraco marri ebenfalls mit diesem Extra-Eiweissmolekül ausgestattet sind. Wöhrmann nannte es das Pleuragramma-antifreeze-Glycopeptid, kurz PAGP. Er vermutet, dass diese beiden Frostschutzmittel «miteinander in Wechselwirkung treten» und erst dadurch eine maximale Wirkung entfalten. Seither sind Genforscher ganz wild auf diese Substanzen. Einige versuchen, Lachsen PAGP in die Gene zu schleusen, damit diese auch in kälteren Gewässern gezüchtet werden können. Andere Forscher tüfteln an kälteresistenten Tomaten und kälteunempfindlichem Tabak. Wieder andere versuchen, mithilfe von PAGP das Sperma von Hengsten tiefzukühlen, weil sich dieses im Gegensatz zu Stier-Sperma nicht tiefkühlen lässt. Bis heute halten sich die Erfolge aber glücklicherweise in sehr engen Grenzen. Fest steht: Der Antarktische Silberfisch produziert im Laufe seiner drei Lebensstadien unterschiedlich grosse Mengen dieser körpereigenen Frostschutzmittel. Hier ist es zu warm Im Zusammenhang mit Wassertemperaturen haben Biologen 2010 ein weiteres Silberfisch-Rätsel entdeckt und gelöst, allerdings ist die Erkenntnis sehr beunruhigend. Die Forscher fischten nämlich rund um die Antarktische Halbinsel nach Pleuragramma antarcticum, um sie zu vermessen und zu erfassen. Dabei fanden sie zwar heraus, dass die Bransfield-Strasse ganz im Norden der Halbinsel wahrscheinlich ein regelrechtes Laich-Zentrum der Silberfische ist. Aber im Wasser der westlichen Seite der Antarktischen Halbinsel vor allem im Gebiet vor der amerikanischen Palmer-Station ging ihnen so gut wie kein Fisch ins Netz. Warum? Weil just diese Region am stärksten vom Klimawandel betroffen ist. Das Schelfeis schmilzt dort in hohem Tempo, und die Wassertemperaturen können schon mal 5 Grad plus erreichen. Das ist viel zu hoch für die Antarktischen Silberfische. Seit es dort so warm geworden ist, meiden sie diese Gegend. Was natürlich für die Tierwelt fatale Folgen haben kann. Untersuchungen an Adéliepinguinen haben 2015 ergeben, dass sich in deren Mägen nicht die Spur von Silberfischen befand. Solange die Pinguine auf Krill und andere Fische ausweichen können, ist ihr Überleben gesichert. Aber wo führt diese Entwicklung hin? Noch ist das Gebiet vor der Palmer-Station eine Ausnahme. In allen anderen Gewässern rund um die Antarktis ist der Pleuragramma antarcticum weiterhin stark verbreitet. Laut der Roten Liste der gefährdeten Arten gilt er als in keiner Weise bedroht. Zeichnung: Chris Brunner. Bilder: zvg, Michael Nolan/Getty Images Für Adélie- und Kaiserpinguine ist der Antarktische Silberfisch mit 80 Prozent Anteil die Hauptnahrung. PolarNEWS 69

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