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PolarNEWS Magazin - 24 - D

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Fussballturnier am Abend

Fussballturnier am Abend wird dann im freundschaftlichen Sinne abgehalten. Weil die Jäger am Tag zuvor 16 Kilometer vom Ufer entfernt einen 14 Meter langen Grauwal gefangen haben, gibts gekochtes Walfleisch und rohe Walhaut gratis für alle, auch Walrossfleisch und Walrossfett blubbern im Kochtopf, wir Touristen dürfen an einem eigens dafür eingerichteten Tischchen von allem kosten. Das Fleisch vom Walross erinnert an Siedfleisch vom Rind, dessen Fett ist schmackhaft und von fester Konsistenz, und die mit Salz und Kräutern gewürzte, Muktuk genannte Walhaut verlangt nach ausdauerndem Kauen. Es wird ein windiger, wunderbarer Tag: Wie oft im Leben kommt man schon dazu, dem internationalen Festival der Meeresjäger in Nova Chaplina beizuwohnen... Am äussersten Zipfel Nächster Halt: Kap Dezhnev, die äusserste östliche Spitze dieses Landes. Von hier sind es nurmehr 85 Kilometer nach Osten, bis zum Rand von Alaska. Jahrhundertelang haben Eskimos hier gelebt, bis 1958 das ganze Dorf mit seinen 400 Einwohnern von der Regierung einfach weggemacht wurde. Die Steinfundamente der Yarangas, so heissen ihre traditionellen Zelte, sind noch zu sehen. Ebenso der längst ausser Betrieb gesetzte Leuchtturm. Aber hier leben nur noch Erdhörnchen, deren Jungmannschaft verspielt im Gras herumtollt. Irgendwo weit hinten im Bergtal trollt sich ein Braunbär. Vom Land her weht der Wind so kräftig, dass man sich schräg gegen ihn stellen kann. Der Blick aufs Meer und die Beringstrasse ist ergreifend. Das Wasser schmeckt hier spürbar weniger salzig als weiter südlich: Das Eis der hohen Arktis kündigt sich an. Es ist sehr beruhigend zu sehen, dass die weitläufigen Berge und Hügel am Rand von Russland am Ende auch nichts anderes zu tun haben, als langsam ins Meer hinein zu zerbröseln. Das dauert zwar sehr viel länger, als wir alle leben werden, das wird Millionen und Milliarden von Jahren dauern. Aber irgendwann sind auch sie verschwunden. Das zu sehen, ist schön. Es macht mich ruhig und zufrieden. Hier gibt es keinen IS, keine EU, keine UNO und keine NGOs. Hier gibt es nicht mal Zeit. Hier gibt es nur den Moment. Abgelegener Nationalpark Zurück zum Schiff, Anker lichten. Michael, unser Tourguide, sagt: «So. Bis jetzt haben wir Kultur gesehen, jetzt kommt der Naturteil. Wir fahren Richtung Wrangel- Insel.» Wobei er betont: «Es gibt keine Garantie, dass wir die Insel tatsächlich erreichen.» Denn Wrangel liegt auf dem 71. nördlichen Breitengrad, und es hat um diese Jahreszeit noch weitherum treibendes Eis im Wasser. Am nächsten Morgen fährt das Schiff durch lose treibende Eisschollen – alles Eis hier stammt nicht von Gletschern, sondern es sind die Reste der im Winter geschlossenen Eisdecke auf dem Meer. Die Sonne scheint aus stahlblauem Himmel, es ist praktisch windstill, noch schöner könnte uns die Wrangel-Insel nicht empfangen. Das Wasser ist spie-gel-glatt. Und prompt sehen wir auch schon die ersten Eisbären über die Schollen wandern, immer wieder tauchen Robben auf und wieder ab, hin und wieder wärmen sich Walrosse an der Sonne – und das noch alles vor dem Frühstück. «Normalerweise», sagt Michael, der Tourguide, «ist ein schöner Sommertag auf Wrangel eher zu vergleichen mit einem lauen Herbsttag im Oktober bei uns. Dieses Wetter heute ist die totale Ausnahme.» Tatsächlich treibt noch so viel Eis im Wasser, dass der Kapitän erst Kurs West fahren lässt, bevor wir eine schiffbare Passage bis zur Küste Kurs Nord finden. Die Insel ist grösser als gedacht, 150 Kilometer lang und 80 Kilometer breit, auf der Weltkarte ist sie ja bloss ein kleiner Kleckser, aber jetzt, real vor Augen, ist sie lang und mächtig mit den vielen vom Eis rundgeschliffenen Bergen und kilometerbreiten flachen Küstenstreifen. Die ganze Insel ist Nationalpark. Im Golf von Krasin gehen das Schiff vor Anker und wir von Bord für eine vierstündige Wanderung durch die arktische Tundra. Acht auf der Insel stationierte Ranger und Forscher begrüssen uns – und wollen unsere Landeerlaubnis sehen. Viermal in zwei Tagen gehen wir an Land und tun dort nichts anderes als herumlaufen. Das klingt nach einem ideenlosen Programm, füllt uns aber zur Gänze aus. Schauen, schauen, schauen und staunen. Da vorne sitzt eine Schneeeule am Boden. Dort hinten sind Spuren eines Polarfuchses. Hast du diese wunderschönen Blumen gesehen? 62 PolarNEWS

Würde uns ein Eisbär jetzt angreifen? Und dieser moosweich federnde Boden! Nur 30 Zentimeter tiefer ist dieser das ganze Jahr über gefroren. Einsame Sinnlichkeit In der ergreifend schönen, aber kargen Weite dieser aufs Wesentliche reduzierten Landschaft wird unverhofft alles, was sich bewegt, zur Attraktion. Und so kommt es bei einem Spaziergang durch den weitläufigen Küstenstreifen zu der leicht absurden Situation, dass sich zwanzig Leute mit ihren Fotoapparaten zehn Meter vor einem einzelnen Odinshühnchen positionieren, um das buntscheckig schöne und winzige Wasservögelchen gleich dutzendfach zu fotografieren. Das ergibt zwar in der Tat Vorzeige-Bilder, weil der Phalaropus lobatus in seiner eigenen Verdutztheit posiert wie George Clooney auf dem roten Teppich in Cannes, zumindest hat es auf uns Menschen diesen Anschein. Aber eben: Mitten in der Tundra wirkt diese Situation surreal. Gregor hingegen, unser Korrespondent aus Moskau, hat ein untrügliches Auge für das, was nicht da ist. Zum Beispiel leistungsfähige Funkantennen auf dem Dach der Rangerstation. «Das alles», sagt Gregor, «kann man als Grenzwachtposten keinesfalls ernst nehmen.» Oder die fehlenden Schiffe auf See: «Wir sind weit abseits jeglicher Schifffahrtsroute», sagt Gregor. Wobei ja diese Feststellung für uns, die wir buchstäblich das Weite suchen, eine gute ist: Wir befinden uns fern der Zivilisation auf einem Stück bergigen Meeresboden, der vor Millionen von Jahren aus dem Wasser an die Luft gedrückt wurde und seither nichts anderes tut, als Winden und Wellen im Wege zu stehen. Nur eine Handvoll Schiffe findet in den paar Sommerwochen den Weg hierher, wobei zwei davon Versorgungsschiffe sind für die Ranger- und Forschermannschaft und zwei, vielleicht drei Schiffe jeweils ein paar Dutzend Touristen hier hoch bringen, die dann, wie wir jetzt, glücklich durch die Tundra mit ihren wettertrotzigen kleinwüchsigen Pflanzen stapfen und begeistert ausgebleichte Moschusochsen-Schädel bewundern. Der Bonus vom Bonus Als wäre es der Insel inzwischen selbst zu warm geworden, schliesst sich die Wolkendecke wieder, es beginnt zu regnen – just in dem Moment, da wir zurück Richtung Süden aufbrechen. Was nicht bedeutet, dass wir schon genug gesehen haben: Kaum hat das Schiff Fahrt aufgenommen, bremst es schon wieder ab und nähert sich sachte vier Eisbären, die auf einer Eisscholle stehen. Zwei davon sind schliesslich so nahe am Schiff, dass man von der Reling aus ein Selfie mit zwei Eisbären machen kann. Alle, wirklich alle Leute stehen an Deck und beobachten diese Naturwunder, die ihrerseits uns beobachten. Jetzt ja nicht vor lauter Freude jauchzen, sonst japsen die Eisbären davon. Die stille Freude über diese Unterwegs entlang der Ostküste von Tschukotka, im Uhrzeigersinn, von rechts oben: Zauberhaft schöner Vogel: Papageitaucher. Weit weg: Einsiedelei in der Gylmimyl-Bucht. Am Ziel: Ein Walross vor der Wrangel-Insel. Im Doppel: Zwei Eisbären sorgen für Entzücken. Mystisch: Regenbogen über der vernebelten Küste. PolarNEWS 63

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