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PolarNEWS Magazin - 24 - D

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Text: Christian Hug

Text: Christian Hug Bilder: Michael Wenger, Christian Hug Die Reise: Fremdes Tschukotka – Russlands ferner Osten Wann: 16. Juli bis 2. August 2016 Schiff: Spirit of Enderby Teilnehmer: 34 Staff: 22 Man muss das ja erst irgendwie in den Kopf reinkriegen: Achteinhalb Flugstunden von Moskau nach Anadyr, neun Zeitzonen, und wenn man die Zeit von der westlichen Grenze bis Moskau dazuzählt, dann sitzt man fast zehn Stunden im Flugzeug und befindet sich danach immer noch im selben Land. Russland ist gross. Sehr gross. Aber alles hat ein Ende, auch Russland, und genau deshalb sitzen wir in diesem Flieger: um den Ostrand von Russland zu erkunden. Tschukotka heisst dieses Gebiet, das 18 Mal so gross ist wie die Schweiz, hier leben die Tschuktschen. Meine Freunde zu Hause haben immer gefragt: Wohin? Darum einfacher erklärt: Das ist Alaska (die rechte Handfläche waagrecht zeigen), und das ist Russland (die linke Handfläche zeigen, ohne dass sich die beiden Mittelfinger berühren), und da geh ich hin (jetzt mit der linken Hand wackeln). So verstehts jeder. Die Hauptstadt der linken Handfläche ist Anadyr, doch davon sehen wir kaum was, weil wir vom Flughafen gleich auf das Schiff verladen werden und unsere Kabinen beziehen. Das Schiff: Ein kleiner, eisverstärkter Kahn, der eigentlich nach dem russischen Meteorologen Sergey Khromov benannt ist, das der neuseeländische Reiseveranstalter Heritage Expeditions jedoch «Spirit of Enderby» nennt nach der britischstämmigen Familie, die einst in Neuseeland die Polarforschung unterstützte. Die Flagge bleibt trotzdem russisch. Das Schiff ist 72 Meter lang und 12,8 Meter breit und bietet Platz für 48 Passagiere. Wir sind aber nur 34, plus insgesamt 22 Mann und Frau Besatzung inklusive Heritage- Expeditions-Besitzer Rodney Russ, er ist unser Chefguide. Alles in allem: Hongkong- und Pekingchinesen, Holländer, Franzosen, Russen, Amerikaner und Australier und eine zehnköpfige PolarNews- Gruppe aus der Schweiz und Deutschland. Die allermeisten sind erfahrene Arktis-Reisende. Ausser der eine Chinese, ein Neuling, der die nächsten 14 Tage gefühlt jeden Stein und jeden Grashalm einzeln fotografieren wird. Big Brother auf Russisch Also Leinen los und los gehts, unsere erste Station heisst Egvekinot. Josef Stalin liess diese Stadt einst von Gulag-Gefangenen für Gulag-Gefangene bauen, damit diese eine Gulag-Mine 200 Kilometer im Landesinnern mit Gütern versorgen. Heute leben meist Nachkommen der Gulag-Gefangenen in der Siedlung, die Strasse führt jetzt 700 Kilometer lang bis zu einer anderen Mine. Wie gerne würde ich jetzt mit einem Quad diese Strasse ins Landesinnere fahren... Wegen «Problemen mit der Hafenbehörde» dürfen wir mit unseren Zodiacs nicht zum Pier fahren, sondern kraxeln irgendwo am Rand der Siedlung an Land, und der Besuch des örtlichen Museums ist obligatorisch, rumspazieren zwischen den schütteren Plattenbauten ist nicht erlaubt. Das Museum ist ein rührend misslungener Versuch einer didaktisch wertvollen Geschichtsdarstellung, aber Freunden der Taxidermie sei die Ausstellung wärmstens empfohlen: Hier ist der himmeltraurig jämmerlichste ausgestopfte Wolf der Welt zu sehen! So sieht dieses an sich schöne Tier wohl aus, wenn es ein halbes Kilo LSD gefressen hat. Während ich noch ganz vertieft den Wolf betrachte und dabei fast selber high werde, knufft mich Michael in die Seite und sagt: «Hast du gesehen, die Frau da hinten fotografiert uns. Wir werden überwacht.» Dazu muss man wissen: Michael und seine Frau Hansi (sie heisst tatsächlich so) haben 30 Jahre Erfahrung mit der Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik hinter sich, sie sind hochempfindlich, wenn es um Beschattung und Personenüberwachung geht. Tatsächlich fotografiert uns eine Geheimagentin, sehr ungeheim allerdings. Vielleicht sind die Bilder aber bloss für einen neuen Werbeprospekt gedacht: Schaut her – wir haben sogar Besucher! Aber genau die gleichen drei Männer, die lustlos um unsere Gruppe herumlungern, stehen später wieder am Strand und schauen zu, wie wir alle zurück an Bord unseres Schiffes gehen. Zufall? 60 PolarNEWS

Auch in Konergino, einer kleinen Tschuktschen-Siedlung, machen Michael und Hansi uns sofort auf einige auffällig unauffällig am Rande des Geschehens rumstehende Männer und Frauen mit Fotoapparaten aufmerksam. Festival der Meeresjäger In Nova Chaplina, wo wir den ganzen Tag über das jährlich stattfindende Festival der Meeresjäger besuchen, brauche ich dann keine Beobachtungshilfe mehr: Hier wimmelt es von Landpolizisten und Grenzpolizisten und Armeepolizisten und Zivilpolizisten und Polizisten, die die Polizisten kontrollieren. Jetzt bloss keine dummen Sprüche. Sondern Pässe zeigen und sich auf der Liste, die einer der Polizisten aufs Klemmbrett geheftet hat, abhaken lassen. Rodney, der Chefguide, nimmts mit Gleichmut. Er sagt: «Ich fahre jetzt schon zehn Jahre in dieser Gegend rum, und mit jedem Jahr werden die Kontrollen mehr. Liebe Grüsse aus Moskau – von Genosse Putin.» Spätestens jetzt aber kommen Maria und Gregor ins Spiel: Maria hilft zu Hause in Bonn Abteilungen der UNO und NGOs bei der Ansiedlung in Deutschland, und Gregor hat 15 Jahre lang als Kulturmittler in Moskau gearbeitet, er spricht fliessend Russisch. Die beiden kennen sich aus. Maria sagt zum grossen Polizeiauflauf: «Man muss ja auch bedenken, dass wir uns in Grenzgebiet befinden.» Da hat sie auch wieder recht. Tatsächlich sind von den rund 400 Besuchern des Meeresjäger-Festivals einige Inuit von Alaska hergereist, manche davon sind Verwandte von Tschuktschen. Das Festival ist trotzdem grossartig: Singund Tanzgruppen präsentieren Lieder und Tänze aus dem Leben der Fischer und Jäger auf See, die Stücke dauernd bemerkenswerterweise kaum länger als eine Minute. Zwischendurch spielen zwei DJs Westmusik von ZAZ und den Red Hot Chili Peppers. Zentrum des Anlasses sind die sportlichen Wettkämpfe in Disziplinen wie Distanzrudern, Weitspringen und Seilziehen, das Am Festival der Meeresjäger in Nova Chaplina, im Uhrzeigersinn, von rechts: Locker bleiben: Tänzer vor ihren Auftritt. Und pull: Start zum Ruder-Wettbewerb. Openair: Gute Stimmung trotz Regen. Fleisch für alle: Eine Frau zerlegt ein Walross. PolarNEWS 61

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