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PolarNEWS Magazin - 24 - D

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jähzornige,

jähzornige, unberechenbare Baldwin galt er als umgänglich und war bei jedermann beliebt. Erneut wurden keine Kosten gescheut und die Expedition mit allem Notwendigen und Wünschbaren ausgestattet – Geldmittel stellte Ziegler nach wie vor unbegrenzt zur Verfügung. Dass der neuerkorene Chef als Grafiker und Journalist vielleicht nicht über die nötigen Fähigkeiten und Kenntnisse für die Leitung eines solchen Unternehmens verfügte, scheint Ziegler nicht beunruhigt zu haben. Nach dem Auslaufen im Sommer 1903 nahm die «America» Kurs auf das nördlich von Die wichtigsten Punkte der Ziegler-Expedition. Russland liegende Franz-Joseph-Land und drang bis zur Rudolf-Insel vor, wo sie von schwerem Packeis gestoppt wurde. In der Teplitzbucht wurde das Winterlager errichtet. Dabei konnte die Gruppe von den Überresten einer früheren Expedition profitieren: Eine von Ludwig Amadeus von Savoyen, Herzog der Abruzzen, geleitete Nordpol- Expedition hatte dort 1899–1900 gelagert. Im Camp Abruzzi fand man zahlreiche nützliche Ausrüstung und Vorräte, die noch verwendet werden konnten. Fiala hört nicht auf den Kapitän Doch nun traf Fiala eine folgenschwere Fehlentscheidung, denn er hörte nicht auf seinen Kapitän, einen erfahrenen amerikanischen Walfänger. Dieser erkannte die Gefahr, die dem Schiff in der Teplitzbucht durch das Treibeis drohte, und drang darauf, das Schiff an eine geschütztere Stelle weiter südlich zu steuern – vergeblich! Fiala wollte die auf dem Schiff geladenen Vorräte in der Nähe behalten und weiterhin von der Elektrizitätsversorgung profitieren, denn eine vom Schiff zum Camp gespannte Stromleitung sorgte für elektrisches Licht an Land. Er befahl, die «America» solle 1,5 Kilometer von der Küste entfernt in der Teplitzbucht überwintern. Die Folge dieser Entscheidung: der eingangs geschilderte Crash, der zum Verlust des Schiffes führte. Immerhin hatte die Expedition Glück im Unglück: Die Eisschollen verschoben sich so, dass die «America» nicht sogleich sank, sondern von den Eismassen quasi aufgebockt wurde und in dieser Position einfror. In den folgenden Tagen konnte deshalb noch weiteres Material gerettet werden. Der Kochherd wurde ausgebaut, Holzteile demontiert und vor allem so viel Kohle wie möglich gerettet. Auch die Segel, ja überhaupt alles, was irgendeinen Nutzen versprach, wurden demontiert und daraus in der Folge die benötigten Hütten und Einrichtungen erstellt. Doch trotz dieser Bemühungen gingen ein grosser Teil der Kohle und weitere Vorräte verloren, als das Schiff im Januar 1904 schliesslich versank. Nordpol ist weiterhin das Ziel Trotz des verlorenen Schiffes hielt Fiala am Ziel der Nordpol-Eroberung fest. Die Überwinterung verlief ohne grössere Probleme, und die mitgereisten Wissenschaftler begannen mit ihren Beobachtungen und Forschungen in den Bereichen Gravitation, Gezeiten und Meerestiefe, Magnetismus, Meteorologie und Kartografie. Die Handwerker arbeiteten weiter an der Infrastruktur und trafen Vorbereitungen für den Vorstoss zum Pol im nächsten Frühling, indem sie an den Schlitten feilten und Kanus bauten. Sehnsüchtig warteten Fiala und seine Männer auf das Ende des Winters, und am 7. März 1904 war es endlich soweit: Eine erste Gruppe machte sich mit Pony- und Hundeschlitten auf zum Nordpol. Aber bereits nach vier Tagen mussten sie wegen eines heftigen Sturms umkehren. Ein zweiter Versuch, der am 25. März startete, dauerte gar nur zwei Tage. Es zeigte sich, dass die Konstruktion der Schlitten, die die Ponys zogen, nicht geeignet war. Wiederholt kippten sie auf dem harten, stark gerippten Eis oder sie blieben stecken und wurden dabei beschädigt oder gingen ganz kaputt. Bessere Schlitten mussten konstruiert werden, und es war klar, dass weitere Versuche somit erst im darauf folgenden Jahr realistisch waren. Zudem wurden die Vorräte langsam knapp. Ein Teil der Gruppe blieb im Lager zurück, während sich Fiala mit 24 Mann am 30. April auf den Weg machte. Mit den noch funktionsfähigen Schlitten erreichten sie Kap Flora im Süden von Franz-Joseph-Land am 16. Mai. Dort erwartete Fiala im Verlauf des Sommers ein Versorgungsschiff. Es würde die Männer, die genug vom arktischen Abenteuer hatten, mit nach Hause nehmen. Fiala selber wollte anschliessend mit einigen Getreuen erneut die Reise zum Nordpol in Angriff nehmen. Um die Nahrungsmittelversorgung zu sichern, jagte die Truppe Eisbären, sammelte Vogeleier und erlegte zahlreiche Walrosse, Robben und Seevögel. Die von einer Krankheit befallenen Ponys wurden erschossen, dienten aber noch als Futter für die Schlittenhunde. Profitieren konnte die Gruppe auch von Nahrungsmitteldepots früherer Expeditionen: Aus dem Schinken, den der Herzog der Abruzzen zurückgelassen hatte, liess sich zusammen mit frischen Vogeleiern ein herrliches Frühstück bereiten! Auch ein natürliches Kohlevorkommen wurde nahe des Lagers entdeckt – ein grosses Glück, wie sich zeigen sollte. Noch ein Winter im Eis Rund um die Uhr hielten die Männer während des arktischen Sommers Ausschau nach dem sehnlichst erwarteten Versorgungsschiff. Ungewöhnlich dickes Packeis verhinderte jedoch dessen Landung: Es kam nur bis 75 Kilometer an Kap Flora heran, wie die Mannschaft später erfahren sollte. Am 10. September stellte Fiala offiziell fest, dass ein weiterer Winter im arktischen Eis bevorstand. Nun brach Unruhe aus, die Moral der Truppe sank auf den Nullpunkt, sie verweigerte Befehle und kritisierte den Expeditionsleiter harsch. Trotz des nahenden Winters beschloss Fiala, wieder nach Norden ins Camp Abruzzi zu ziehen. Mit sechs Begleitern und einigen Hundeschlitten zog er los. Ein sicheres Vorwärtskommen war nur bei klarem Wetter mit Mondschein möglich, weshalb die beschwerliche Reise fast zwei Monate dauerte. Am 25. November erreichte die erschöpfte Gruppe endlich das Camp. Einen letzten Versuch zum Nordpol wollte Fiala noch unter- 52 PolarNEWS

Der amerikanische «Backpulver-König» und Nordpol-Fanatiker William Ziegler (1843–1905) in selbstbewusster Pose. Der Grafiker und Journalist Anthony Fiala (1869–1950) begleitete die erste Ziegler-Expedition als Fotograf und leitete die zweite Expedition. An Bord der «America» war jeder freie Quadratzentimeter mit Gerätschaften und Expeditions-Material überstellt. In der Hütte nähen die Männer Kleidung aus Fellen, damit sie im kalten Winter nicht frieren müssen. PolarNEWS 53

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