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PolarNEWS Magazin - 24 - D

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illigt. Norwegen

illigt. Norwegen etablierte sich als veritable Erdöl-Nation. Russland erhöhte kontinuierlich die Fördermengen. Und die arabischen Opec-Länder bauten ihre Produktion im Nahen Osten ebenfalls aus. Kurz: Es kam immer mehr Erdöl auf den Weltmarkt. Die Situation einer Erdölschwemme ist nicht neu. Normalerweise drosseln die erdölfördernden Länder dann ihre Produktion, um die Preise hoch zu halten. Im November 2014 aber beschloss das Opec-Land Saudi-Arabien gegen den Willen der anderen Opec-Länder die komplette Gegenstrategie: Man erhöhte die Fördermengen massiv, schwemmte den Weltmarkt mit billigem Öl und sorgte damit für einen Preiszerfall, wie ihn die Welt seit den 1980er-Jahren nicht mehr erlebt hatte. Der Preis für ein Fass Erdöl (1 Barrel = 159 Liter) sank von 115 Dollar auf unter 50 Dollar. Die USA und Russland reagierten auf diese Taktik, indem sie ebenfalls ihre Produktion erhöhten – der Preis pro Fass sank im Januar 2015 auf unter 30 Dollar. Aktuell liegt er für ein Fass der Referenzmarke Brent bei knapp unter 50 Dollar. Schlechte Aussichten Man braucht nicht Adam Riese zu sein, um die Rechnung zu lösen, die sich mit diesem Verkaufspreis ergibt: Wenn die Produktionskosten höher sind als der Verkaufserlös, rentiert das Bohren nicht. Allgemein rechnen die Ölmultis mit 78 Dollar Produktionskosten pro Fass für arktisches Öl. Man würde also für jedes Fass rund 30 Dollar draufzahlen. Nur die Ölgewinnung aus Sand ist noch teurer. Zurzeit sind die meisten Fördermethoden unrentabel. Und die Prognosen sind alles andere als rosig. Denn einerseits hält Saudi-Arabien eisern an seiner Tiefpreispolitik fest, obwohl das Land dadurch inzwischen selbst in Schwierigkeiten geraten ist (die Einnahmen aus dem Erdölverkauf machen rund 80 Prozent des Staatshaushalts aus). Anderseits hält der Siegeszug alternativer Energien zum Beispiel aus Wind- und Wasserkraftwerken an und reduziert somit weltweit den Bedarf an Erdöl. Und die Autoindustrie fördert mit Hochdruck Elektroautos – was in den kommenden Jahren die Nachfrage nach Erdöl zusätzlich senken wird. Kommt hinzu: Falls der Klimawandel allen Leugnern zum Trotz in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiterhin zu einer Erwärmung der Atmosphäre führt, wird der Bedarf an Heizmaterialen zusätzlich sinken. Die Theorie des Peak Oil hat sich inzwischen verwandelt in die Lehre des Peak Demand: Die Nachfrage nach Erdöl wird in den kommenden Jahrzehnten weltweit sinken. Gemäss dem Weltenergierat WEC ist der Höhepunkt der Nachfrage im Jahr 2030 erreicht – zumal im Dezember 2015 endlich auch die Super- Energieverschwender USA und China das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet haben. Grossprojekte abgesagt Die Massnahme liegt also auf der Hand: Die Ölmultis ziehen sich aus dem Arktis-Geschäft zurück. • Im September 2014, nur ein paar Wochen nach der gefeierten Inbetriebnahme der Bohrplattform (siehe oben), kündigt Exxon- Mobil vorläufig die Zusammenarbeit mit Rosneft. Der amerikanische US-Konzern begründet den Entscheid allerdings mit den Sanktionen, die westliche Länder gegenüber Russland wegen dessen Engagement in der Ukraine verhängt haben. • Im Herbst 2015 stellt der holländisch-englische Konzern Royal Dutch Shell seine Erdölsuche in der Tschuktschensee ein, obwohl er nur ein halbes Jahr vorher die Erlaubnis dazu erhielt (siehe oben). Verlust: geschätzte 6 Milliarden Dollar. • Am 8. Juni 2016, just am Welttag der Ozeane, verkündet Shell, dass der Konzern die Probebohrungen in der Beaufortsee in der kanadischen Arktis ganz einstellt, nachdem er diese bereits 2013 für ein Jahr sistiert hatte. Besonders erfreulich: Shell schenkt die 30 Bohrlizenzen der kanadischen Umweltschutzorganisation Nature Conservancy of Canada NCC, die diese ihrerseits dem Staat Kanada weiterschenkt. Somit ist der Weg frei, im Lancaster Sound ein 44’500 Quadratkilometer grosses Arktis-Schutzgebiet einzurichten. • Am selben Tag, dem Welttag der Ozeane, meldet der spanische Ölkonzern Repsol, dass er 55 Nutzungsverträge zur Erkundung von Öl- und Gasvorkommen in der Tschuktschensee aufgegeben hat. Zudem plant Repsol, nächstes Jahr aus weiteren 38 Verträgen in der Arktis auszusteigen. Das Projekt Arktis hat sich für Repsol erledigt. • Die weltweit aktive Umweltorganisation Oceana sagt, dass die Konzerne Conoco Philipps, Eni, Iona Energy und Shell insgesamt 350 Nutzungsverträge in der Tschuktschensee aufgegeben haben. • Statoil und Eni hatten eigentlich geplant, weitere Goliat-Bohrplattformen zu bauen und in der Barentssee einzusetzen (siehe oben). Diese Pläne haben beide Partner inzwischen aufgegeben. • Das amerikanische Wirtschafts-Beratungsunternehmen Douglas-Westwood geht davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren in der Nordsee 150 Förderplattformen stillgelegt werden. • Am 19. November 2016 untersagte der scheidende US-Präsident Barak Obama jegliche Bohrungen in der Tschuktschen- und Beaufort- See bis 2022. Sein Nachfolger Donald Trump hat angekündigt, dieses Verbot nach seinem Amtsantritt umgehend rückgängig zu machen. Der Rückzug aus teuren Explorationsvorhaben betrifft nicht nur die Arktis, sondern auch Gebiete, in denen nach Ölsand und anderen Vorkommen gesucht wird. Die Internationale Energieagentur IEA schätzt, dass alle Ölkonzerne zusammen alleine im Jahr 2015 weltweit 330 Milliarden Dollar an Investitionen nicht getätigt haben. Auch wenn all diese Sparmassnahmen rein wirtschaftlicher Art sind: Aus Sicht der Umweltschützer sind das lauter gute Nachrichten. Wie weiter? Aber das bedeutet noch lange nicht, dass das hochsensible Ökosystem im hohen Norden nun aus der Gefahrenzone ist. Russland fördert weiterhin Rekordmengen, obwohl auch der russischen Regierung wie der saudi-arabischen die fehlenden Einnahmen aus dem Ölexport zu schaffen machen. Präsident Wladimir Putin investiert weiterhin in den 34 PolarNEWS

Das von der Bohrinsel Goliat geförderte Öl wird in unterseeischen Tanks zwischengelagert. Grafik: Eni Ausbau der Infrastruktur. Laut Berechnungen lagern 90 Prozent der russischen Erdgasvorkommen und 60 Prozent des Erdöls in arktischen und subantarktischen Regionen. Norwegen will mit staatlichem Beschluss von der Kohle als Energieträger wegkommen und investiert deshalb in die Erdölsuche in seinen arktischen Gewässern. Denn noch immer hoffen die Konzerne, dass der Ölpreis möglichst bald wieder ansteigt und sich das Fördern wieder lohnt. Wie wir aber angesichts der langfristigen Prognosen gesehen haben, könnte das noch sehr lange dauern. Alles ist offen. Quellen: National Geographic, Le Monde Diplomatique, Süddeutsche Zeitung, Tages- Anzeiger, NZZ, Frankfurter Allgemeine, WWF, Greenpeace, Kurier, Welt24, SRF, Der Spiegel, Oceana, Focus, Wikipedia, PolarNEWS. Und die Antarktis? Wie viele Rohstoffe in der Antarktis lagern, ist nicht erforscht, sondern statistisch errechnet mit einer sogenannten Analog-Studie: Davon ausgehend, dass die Antarktis vor Millionen Jahren zusammen mit Südamerika, Südafrika, Indien und Australien den Riesenkontinent Gondwana bildete, erfassten die Forscher die Rohstoff-Vorkommen in den vier genannten Erdteilen und leiteten daraus die Vorkommen in der Antarktis ab. Demnach lagern im Südkontinent 54 Milliarden Barrel Erdöl (1 Barrel = 159 Liter), das entspricht einem Fünftel der Erdölreserven Saudi-Arabiens. Auch andere Rohstoffe wurden in der Antarktis gefunden: Kohle, Eisenerz, Kupfer, Cobalt, Uran, Blei, Nickel, Gold und Silber, um nur die wichtigsten zu nennen. Diese Entdeckungen gelten jedoch als Zufallsfunde, weil bisher niemand ernsthaft nach Bodenschätzen in der Antarktis gesucht hat. Denn das ist gesetzlich verboten: 1961 trat der Antarktisvertrag in Kraft, in dem sich 50 unterzeichnende Staaten verpflichten, im Südkontinent keine staatlichen Hoheitsansprüche zu stellen. Dieser Vertrag wurde 1998 ergänzt mit dem Madrider Umweltschutzprotokoll, das bis mindestens 2048 jede gezielte Suche nach Rohstoffen in der Antarktis verbietet. PolarNEWS 35

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