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PolarNEWS Magazin - 24 - D

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Obwohl Küstenseeschwalben auch in besiedeltem Gebiet nisten wie hier in Ny Ålesund, greifen sie an, wenn Menschen zu nahe ans Gelege kommen. Sommer auf der Südhalbkugel zu Ende geht, schneller und über eine breitere Front verteilt nach Hause fliegen. Gefragt nach der jährlichen Gesamtflugstrecke, hielt die Wissenschaft lange Zeit an der Zahl von 40’000 Kilometern fest – ohne dass dies je genau nachgemessen worden wäre. Eine solche Flugleistung, so ungenau diese Distanz auch daherkam, galt als rekordverdächtig. Doch das war weit untertrieben, wie sich erst kürzlich herausstellte. Rekordflieger Weil Elektronik immer kleiner wird, gibt es mittlerweile winzige Aufzeichnungsgeräte, die man problemlos auch bei kleineren Vogelarten anbringen kann. Und so kam die Küstenseeschwalbe zu einem extra-kleinen Datenlogger. Solche Minigeräte mit einem Gewicht von 0,7 bis 1,4 Gramm (eine ausgewachsene Küstenseeschwalbe wiegt um die 120 Gramm) registrieren den Helligkeitswert ein Mal pro Minute, und sie messen das Eintauchen in Salzwasser. Dank dieser leichten Speichereinheit weiss die Welt nun genau, wo die Zugrouten unserer Freunde entlangführen. Vier unterschiedliche Studien aus den letzten paar Jahren brachten Licht ins Dunkel und deckten auf, was die Küstenseeschwalben anstellen auf ihrer extrem langen Zugstrecke von der Arktis in die Antarktis, wo und wie lange sich die Vögel aufhalten, wie weit sie tatsächlich fliegen – und auf welcher Route sie zurückkehren. Die eine Untersuchung erforschte die verschlungenen Wege von ostgrönländischen Küstenseeschwalben, eine andere analysierte das Zugverhalten mit Startpunkt in den Niederlanden, und eine dritte Studie folgte einigen Küstenseeschwalben aus Alaska. Die vierte Untersuchung endete erst am 4. Mai 2016 mit der Rückkehr der Seeschwalbe auf die Farne-Inseln im Nordosten Englands und ist noch gar nicht fertig ausgewertet. Um es gleich vorwegzunehmen: Die bisher überall abgedruckte Zahl von 40’000 Kilometern ist kalter Kaffee – oder um beim polaren Jargon zu bleiben: Schnee von gestern. Denn seit Frühling 2016 wissen wir, dass die absoluten Rekordseeschwalben (aus England) im Schnitt 96’000 Kilometer pro Jahr zurücklegen! Bei einer Lebenserwartung von rund 30 Jahren macht das 2,9 Millionen Kilometer in einem Vogelleben – oder fast vier Mal zum Mond und zurück. Dieser zierliche Meeresvogel legt damit den längsten Zugweg zurück, den man jemals an einem Tier gemessen hat! Abstecher Richtung Indien Die Studien haben weitere unerwartete Erkenntnisse ans Tageslicht gebracht, die vor allem für den Naturschutz sehr wichtig sind: Dank der Messungen wurden neue sogenannte biologische Hotspots im Atlantik entdeckt. Das sind Regionen, die besonders reich an Fisch und Plankton sind. Mit der Grönland-Studie konnte erstmals gezeigt werden, dass die Vögel nicht nonstop in den Süden fliegen. Vielmehr legen sie bei Hotspots im Nordatlantik auf der Höhe Neufundlands einen Zwischenstopp für die Dauer von einer bis drei Wochen ein. Dort finden sie genügend Nahrung, um sich für den Weiterflug zu stärken. Ein weiterer Trittstein liegt im kalten, nahrungsreichen Benguela-Meeresstrom vor der Küste Namibias, wo einige der Seeschwalben fast einen Monat pausierten. Hier teilte sich der Zug der grönländischen Küstenseeschwalben auf: Während die einen direkt gen Süden weiterflogen, unternahmen die anderen einen Schwenker bis zum 106. östlichen Längengrad in den Indischen Ozean, flogen wieder zurück in den atlantischen Sektor des Südozeans und vereinten sich südlich des 58. Breitengrades mit den denjenigen, die die Direttissima gewählt hatten. Den Südsommer von Dezember bis März verbrachten die Küstenseeschwalben gemeinsam im Weddellmeer in der West-Antarktis. In diesem sehr nahrungsreichen Meer kommt der Antarktische Krill in besonders hoher Dichte vor – seine riesigen Schwärme sind ein gedeckter Tisch nicht nur für die Küstenseeschwalben. Verschiedene Routen Ganz anders verhielten sich in einer anderen Studie die bisher wiedergefundenen 16 englischen und 7 niederländischen Küstenseeschwalben (letztere wurden in einem öden Industriegebiet besendert): Sie schlugen zwar fast den gleichen Weg nach Süden ein wie ihre grönländischen Verwandten und machten an denselben Hotspots Pause. Sie kratzten dann aber bei Südafrika definitiv die Kurve Richtung Indischen Ozean. Dort flogen sie ein bisher ebenfalls unbekanntes Nahrungsgebiet bei der Amsterdaminsel an. Schliesslich verbrachten die holländischen und die englischen Vögel gemeinsam den Südsommer an der Packeisgrenze vor dem Enderby- und dem Wilkes- Land in der Ost-Antarktis – also quasi genau gegenüber ihrer grönländischen Artgenossen. Für die letzten paar Wochen zogen die Ostvögel um die halbe Antarktis herum und besuchten die grönländischen Westvögel im Weddellmeer – erstaunlicherweise taten das aber nur die englischen Küstenseeschwalben. In der Zeit von Ende März bis Mitte April machten sich die Vögel aller drei Ursprungsländer wieder auf den Rückflug. Doch auch diesmal waren die Routen je nach Herkunft unterschiedlich. Die Seeschwalben mit Ziel Grönland machten anfangs einem grossen Schwenker ostwärts um den Südatlantik herum, überquerten den Atlantik etwa auf der Höhe des Äquators in Richtung auf die Karibik zu und hielten dann nordwärts. Die nahrungsreiche Zone im Nordatlantik, welche auf dem Herbstzug ein wichtiger Rastplatz war, wurde jetzt im Frühling beim Nachhausefliegen kaum mehr zur Nahrungsaufnahme genutzt. Die niederländischen und die englischen Vögel hingegen wählten eine Route durch 18 PolarNEWS

den östlichen Atlantik, ähnlich wie auf dem Weg nach Süden. Die Niederländer hatten es ziemlich eilig, in ihr trübseliges Industriegebiet zurückzukehren, und legten den 19’000 Kilometer langen Rückflug in nur 34 Tagen zurück. Auch wenn die Wege verschieden sind: Wie unglaublich präzise Seeschwalben ihren «Flugplan» einhalten, zeigt eine aktuelle Studie aus dem nördlichen Norwegen. Zoologen der Universität Tromsø verglichen die Ankunftsdaten von Küstenseeschwalben über die letzten 35 Jahre und stellten dabei eine bemerkenswerte Konstanz fest. Die Vögel kehrten im Frühling auf jeweils rund zwei Wochen genau zwischen Mitte und Ende Mai aus dem antarktischen Winterquartier zurück in die Provinz Troms. Die Gipfelstürmer Ganz andere, aber ebenso verblüffende Ergebnisse lieferte die dritte erwähnte Studie, diejenige über das Zugverhalten der Küstenseeschwalben Alaskas. Zoologen besenderten Vögel aus der Region des Prinz-William-Sundes zwischen Anchorage und Valdez, um deren Flugrouten über den Pazifik zu studieren. Wie erwartet, legten auch die amerikanischen Küstenseeschwal- Kein Tier wandert weiter – Zahlen des Rekordfluges Diese Auflistung vergleicht die Werte von drei Vogelzug-Studien. Die Auswertungen aus England vom Frühling 2016 sind noch nicht detailliert abgeschlossen. Gesamte Zugstrecke zurückgelegte Distanz, Herbstzug (südwärts) zurückgelegte Distanz, Frühjahrszug (nordwärts) zurückgelegte Distanz im Winterquartier Tagesleistung, südwärts Tagesleistung, nordwärts Verweildauer im Winterquartier (Antarktis) Dauer des Herbstzuges (südwärts) Dauer des Frühlingszuges (nordwärts) Studie NE- Grönland, 2010 70’900 km grösster Wert: 81’600 km Studie NL, 2013 90’000 km grösster Wert: 91’000 km 34’600 km 29’700 km - 25’700 km 19’000 km - 10’900 km 23’600 km - 330 km grösster Wert: 390 km 520 km grösster Wert: 670 km 420 km grösster Wert: 690 km 610 km grösster Wert: 670 km Studie England, 2016 96’000 km ca. 150 Tage ca. 130 Tage ca. 141 Tage 93 Tage 110 Tage ca. 100 Tage 40 Tage 34 Tage ca. 42 Tage - - Mit ihrem grau gesprenkelten Gefieder sind die Küken auf dem Boden hervorragend getarnt. PolarNEWS 19

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