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PolarNEWS Magazin - 24 - D

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Text: Peter Balwin

Text: Peter Balwin Bilder: Vreni Gerber, Michael Wenger Wer im Sommer nordwärts reist, wird unweigerlich auf Küstenseeschwalben stossen. Obwohl diese Seeschwalbe bei manchen als Bote der Arktis gilt, finden sich ihre Brutkolonien schon viel weiter im Süden, an der Nordseeküste, in Grossbritannien oder Skandinavien. Das Verbreitungsgebiet der weltweit über zwei Millionen Brutpaare ist zirkumpolar auf die Nordhalbkugel beschränkt. Es reicht von den nördlichsten Vorkommen auf Franz-Joseph-Land in der russischen Hocharktis bis hin zu praktisch allen arktischen Küsten und südwärts in die subarktischen Regionen Asiens bis zur Kamtschatka-Halbinsel – in Nordamerika sogar bis vor die Tore der Stadt Boston. Im 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts zählten die Zoologen die Küstenseeschwalbe noch zur Gruppe der Möwen. Erst 1838 teilte der berühmte Ornithologe Charles Lucien Bonaparte allen Seeschwalben eine eigene Vogelfamilie zu und nannte sie Sternidae. Dieser Herr Bonaparte war übrigens Prinz von Musignano und kein Geringerer als ein Neffe von Napoleon Bonaparte, dem französischen Kaiser. Die Sternidae-Familie besteht heute aus 45 Seeschwalbenarten. Küstenseeschwalben sind Bodenbrüter; sie legen bis zu drei Eier auf die blanke Erde und brüten rund 22 Tage lang. Diese Vogelart ist in hohem Masse ortstreu, das heisst: Die meisten Vögel kehren jedes Jahr in die gleiche Kolonie zurück, wo sie das Licht der Vogelwelt erblickt hatten. Furchtloser Angriff Küstenseeschwalben nisten gerne mit Artgenossen zusammen in Kolonien und achten darauf, dass jedes Gelege ein bis fünf Meter vom Nachbarn entfernt ist. Grosse Kolonien weisen Tausende von Brutpaaren auf, wie etwa diejenige in der südlichen Diskobucht in Westgrönland mit 4800 Brutpaaren pro Quadratkilometer. Die Weibchen legen recht dunkel gemusterte Eier, die so gut getarnt sind, dass man sie auf dem kargen Tundraboden kaum erkennt. Und so ist es für den ahnungslosen Tundrawanderer ein Leichtes, urplötzlich mitten in ein Gebiet mit Nestern zu geraten, die er einfach nicht bemerken konnte. Eine solche Unachtsamkeit bestrafen die Küstenseeschwalben aber sofort: Sie greifen den Eindringling an! Brütende Küstenseeschwalben verhalten sich potenziellen Feinden gegenüber sehr aggressiv. Nähert sich ein Eisfuchs, ein Falke, eine Raubmöwe oder ein Mensch der Brutkolonie, inszenieren die Küstenseeschwalben einen Massenaufflug, schreien lauthals und einschüchternd aggressiv und vollführen gezielte Sturzflüge auf den Feind – da kann dank des spitzen Schnabels schon mal Blut fliessen. Sogar einen Eisbären vermag die zierliche Küstenseeschwalbe durch penetrante Attacken zu vertreiben – selbst wenn dieser Feind 4000 Mal mehr wiegt als sie selbst. Was für ein Vogel! Erstaunlich ist, dass die Küstenseeschwalben den Feindtyp, dessen Abstand zur Kolonie und sogar sein Verhalten erkennen. Entsprechend reich an Varianten ist das angsteinflössende Gekreische. Das Zetermordio klingt demnach beim Angriff eines Gerfalken ganz anders als bei der Attacke einer Eismöwe und nochmals verschieden, wenn ein Mensch es wagt, sich der Kolonie zu nähern. Ein Falken-Alarm dauerte bei Untersuchungen in Westgrönland durchschnittlich aber nur dreissig Sekunden; danach hatte sich die Kolonie wieder beruhigt. Sonderbar: Eine Studie aus der Diskobucht beschreibt, wie über zwei Drittel aller Alarme in der dortigen Kolonie versehentlich ausgelöst wurden. Weshalb es immer wieder zu solchen Fehlalarmen kommt, ist nicht bekannt. Die Nachbarn profitieren Andere arktische Vogelarten ziehen einen Nutzen aus diesem rabiaten Auftreten jeglichen Eindringlingen gegenüber und wählen ihren eigenen Neststandort bevorzugt in der Nähe oder sogar innerhalb einer Kolonie von Küstenseeschwalben. Solche Nutzniesser sind zum Beispiel Sandregenpfeifer, Thors- und Odinshühnchen, Eisente und Schwalbenmöwe. Sie scheinen zu erahnen, was die Wissenschaft weiss: Nestplünderung ist das häufigste Familiendrama bei solchen Bodenbrütern. Und wer einen aggressiven Nachbarn wie die Küstenseeschwalbe hat, dessen eigene Brut profitiert von der lautstarken Feindvertreibung. Eine Studie aus dem kanadischen Nunavut kommt allerdings zu anderen Schlüssen – jedenfalls, was die nachbarschaftlichen Verhältnisse von Eiderente und Küstenseeschwalbe betrifft. Die Forscher aus Kanada fanden heraus, dass Eiderenten gar nicht besonders von diesem «Schutz» profitierten. Vielmehr war der Bruterfolg dort am grössten, wo Eiderenten in höherer Dichte ganz unter sich brüteten – ohne lärmende Seeschwalben als Beschützerinnen. Warum aber brüten Enten und Seeschwalben in vielen Gebieten der Arktis trotzdem nahe beieinander? Die Resultate der Studie deuten darauf hin, dass sie es aus Platzmangel tun. Denn geeignete Brutgebiete sind für bodenbrütende Vogelarten in der hohen Arktis dünn gesät. Da bleibt nichts anderes übrig, als sich nebeneinanderzusetzen. Ist ja auch nicht für lange. Denn als waschechte Meeresvögel verweilen die Küstenseeschwalben nur die kürzeste benötigte Zeit im Brutgebiet. Gerade so lange, wie ein Brutgeschäft eben dauert: von der Balz übers Nisten bis zum Flüggewerden der Jungen. In etwa zehn bis zwölf Wochen spielt sich die ganze Palette der Familienplanung ab, und ab Mitte September gibt es 16 PolarNEWS

Pause auf einem Eisbären-Warnschild in Spitzbergen. Die Waffen der Küstenseeschwalbe sind ihr Schnabel und ihre Hartnäckigkeit. keine einzige Küstenseeschwalbe mehr in der Arktis. Wohin sind die Vögel verschwunden? Die Antwort ist schlicht, aber grossartig: Sie fliegen in die Antarktis! In die Ferne schweifen Die Küstenseeschwalbe ist eine von weltweit über 1800 Zugvogelarten, die jedes Jahr periodisch ein Brutgebiet verlassen und über kürzere oder lange Zugrouten ein Winterquartier aufsuchen. Schätzt man die Anzahl sämtlicher Vögel, die heute mit uns die Erde teilen, auf 200 bis 400 Milliarden Individuen, dann dürften nach grober Rechnung mindestens 50 Milliarden Zugvögel jedes Jahr irgendwo auf dem Planeten unterwegs sein. Unsere Küstenseeschwalbe ist einer davon. Dass sie ihr Zugverhalten auf die Spitze treibt und gleich von Pol zu Pol fliegt, ist schon länger bekannt. Als erster brachte der dänische Ornithologe Finn Salomonsen, der unbestrittene Experte für die Vogelwelt Grönlands, im Jahre 1965 eine umfassende Übersicht über das Zugverhalten der Küstenseeschwalbe auf den Tisch. Salomonsen spekulierte bereits, dass ziehende Seeschwalben über etliche Trittsteine (so nennt man nahrungsreiche Meeresgebiete entlang der Zugroute) ihr Überwinterungsgebiet in der Antarktis erreichen. Dank Beobachtungen vor Ort glaubte man schon damals zu erkennen, dass junge Küstenseeschwalben rund um den Kontinent Antarktika fliegen, bis sie den Rückweg in die nördlichen Brutgebiete antreten. Während der Wegzug von Norden nach Süden viel wissenschaftliches Interesse weckte, blieb die Wanderung von Süden nach Norden hingegen praktisch unerforscht. Allgemein hatte man einfach angenommen, dass die Vögel im März, wenn der PolarNEWS 17

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