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PolarNEWS Magazin - 23 - D

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Abstand wahren: Der

Abstand wahren: Der «Stehplatz» zum Brüten wird verteidigt, so weit der Schnabel reicht. Text: Heiner Kubny Warum der Königspinguin so heisst, ist nirgends belegt. Aber die Antwort liegt auf der Hand: Von all den Pinguinen, die die ersten europäischen Seefahrer auf den Falklandinseln und um die Südspitze Südamerikas antrafen, war er mit Abstand der grösste, er war der König unter der Pinguinen. Der englische Naturforscher John Frederick Miller war etwas sachlicher, als er 1788 diesen Vogel erstmals wissenschaftlich beschrieb: Er gab ihm den lateinischen Namen Aptenodytes patagonicus, was frei übersetzt soviel heisst wie «der Flugunfähige aus Patagonien». Als die Seefahrer dann aber tiefer in den Süden segelten und entdeckten, dass auf dem antarktischen Festland eine noch grössere Pinguin-Art brütet, musste man den König toppen – und nannte die neue Art politisch korrekt Kaiserpinguin. George Robert Gray gab ihm 1844 seinen lateinischen Namen Aptenodytes forsteri. Für beide zusammen hat man die Gattung Grosspinguine definiert. 1911 schlug der Vogelkundler Gregory Mathews schliesslich vor, die Königspinguine in zwei Unterarten zu unterteilen, und zwar in Aptenodytes patagonicus patagonicus und Aptenodytes patagonicus halli. Womit wir beim Verbreitungsgebiet des Königspinguins angelangt sind, denn das ist der Hauptunterschied der beiden Unterarten (über signifikante Unterschiede in der Körper- und Flügelgrösse ist man sich noch nicht einig): Der patagonicus lebt auf den Falklandinseln und auf Südgeorgien. Wo ihn die Robbenjäger bis um 1900 fast ausgerottet haben. Der halli lebt derweil auf allen anderen subantarktischen Inseln. Beide Unterarten sind aber ausschliesslich in der subantarktischen Zone zwischen dem 45. und dem 55. südlichen Breitengrad zu Hause, also nicht direkt auf dem antarktischen Kontinent, sondern auf den Inseln am Rande der antarktischen Konvergenzzone. Dieser Lebensraum hat zwei Vorteile: Erstens ist es auf den Inseln nicht gar so kalt wie im tiefsten Süden beim Kaiser. Und zweitens ist die Konvergenzzone sehr nährstoffreich: Hier fischt der Königspinguin mit Vorliebe viele Arten der Laternenfische sowie Tintenfische, aber auch Krill und allerlei kleine Fische. Zweimal in drei Jahren Die Könige sind die einzigen Pinguine, die sich neun Monate Zeit lassen, um ihre Jungen vom Schlüpfen bis zum Flügge-Werden aufzuziehen. Das ist viel zu lange, um innerhalb eines Jahres einen Brutzyklus ab- Strategen: Mit einer koordinierten Aktion stehlen Skuas ein Ei. Die Eltern sind machtlos. 68 PolarNEWS

zuschliessen, denn alles in allem dauert der Zyklus bei den Königen 14 bis 16 Monate. Das hat zur Folge, dass sie innert dreier Jahre nur zweimal brüten und dabei je ein Küken grossziehen. Königspinguine vermehren sich also vergleichsweise langsam. Dafür sind an den Stränden, an denen sie sich zu Kolonien versammeln, das ganze Jahr über Königspinguine anzutreffen. Auch das ist einzigartig in der Pinguin-Welt. Die erste Runde beginnt im November, wenn im Süden der Sommer beginnt, mit der Balz. Im Dezember legt das Weibchen ein einzelnes, 300 Gramm schweres Ei, das nicht in einem Nest ausgebrütet wird, sondern in der Bauchfalte zwischen den Beinen. Das Brutpaar wechselt sich im Zweiwochenrhythmus durchschnittlich 54 Tage lang mit Brüten ab, bis das Junge schlüpft. Ist das Küken geschlüpft, bleibt es den ersten Monat in der Bauchfalte, bis ihm Daunen gewachsen sind und es die Körpertemperatur selber regulieren kann. Die Elterntiere füttern ihren Nachwuchs weitere acht Monate, bis es selbstständig wird und sich von den Eltern trennt. Bemerkenswert: In den Wintermonaten, wenn das Nahrungsangebot knapp wird, können Pinguinküken bis zu 70 Prozent ihres Körpergewichts abmagern und überleben trotzdem. Ist das Junge «ausgeflogen», erholen sich die Elterntiere erst mal von den Strapazen der Aufzucht. Sie fressen sich im Meer das Gewicht wieder an, das sie während der Brutzeit verloren haben, und mausern anschliessend an Land, bevor der nächste Brutzyklus losgeht. Dicke und dünne Jäger Das Junge des ersten Zyklus wandert derweil im Meer auf Nahrungssuche. Studien haben gezeigt, dass sich die Jungtiere im Meer sehr viel weiter von ihrem angestammten Strand entfernen als die Elterntiere, bis in den Pazifischen und den Indischen Ozean. Forscher vermuten, dass die alten und die jungen Tiere mit dieser Massnahme vermeiden, sich gegenseitig das Futter wegzufressen. Erst nach drei Jahren im Meer kehren die Jungen an den Strand zurück – vorausgesetzt, sie sind nicht vorher von einem Seeleoparden oder einem Orca gefressen worden. Inzwischen sind sie selber geschlechtsreif und suchen nach der Rückkehr einen Brutpartner, dem sie dann monogam treu sind. Ziehen sie dann selber Junge auf, teilen sie sich auch die Jagdreviere der älteren Tiere. Apropos Jagd: Tauchgänge der Königspinguine dauern im Durchschnitt fünfeinhalb Minuten und führen ebenfalls durchschnittlich bis 50 Meter in die Tiefen des Meeres. Es wurden aber schon 20 Minuten und knapp 500 Meter gemessen. Vor einem weiteren Brutzyklus fressen sich die Tiere Fettreserven an: Eine Studie der Roehampton University in London hat ergeben, dass dicke Pinguine beim Watscheln an Land schneller hinfallen als ihre schlanken Artgenossen. Aber das scheint ja irgendwie Fürsorge: Ein Elterntier füttert sein Junges mit Tintenfischen und Krill. auch ohne wissenschaftliche Prüfung einleuchtend... Weitere Strecken Ein ernsthaftes Problem haben die Königspinguine allerdings mit dem unregelmässig auftretenden Wetterphänomen El Niño, das letztes und dieses Jahr wieder für gigantische Verschiebungen der globalen Grosswetterlage führte und führt. Eine der Auswirkungen von El Niño ist, dass sich die Antarktische Konvergenzzone nach Süden verschiebt, also weg vom Lebensraum der Königspinguine. Und das wiederum bedeutet, dass die Könige einige hundert Kilometer weiter schwimmen müssen, um zu ihren Jagdgründen und zurück zu gelangen. Das ist anstrengend und führt dazu, dass einige erwachsene Tiere einen Brutzyklus auslassen – oder das Kleine verhungert, weil das futtersuchende Elterntier zu lange wegbleibt. Bilder: Heiner Kubny, Ruedi Abbühl, Michael Wenger Vorsicht: Wer in einer Gruppe ins oder aus dem Meer geht, erhöht seine eigene Sicherheit. Rentier? Eine kleine Randnotiz: Der englische Marinebefehlshaber Sir John Narborough bezeichnete die Königspinguine im 17. Jahrhundert als «kleine Kinder, die in weissen Schürzen dastehen». Der belgische Biologe Emil Racovita, der 1897 bis 1899 an der Belgica-Expedition teilnahm, schrieb dagegen, das Wesen der Königspinguine bestehe aus «Ruhe, Wohlbehagen und Fett». Wie derselbe Forscher aber auf die Idee kam, den König mit einem «perfekten Rentier» zu vergleichen, bleibt ein Rätsel. PolarNEWS 69

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